02. Juni 2026 12:00

Wissenschaftstheorie Die Ökonomik ist eine apriorische Handlungswissenschaft

Sie ist keine Erfahrungswissenschaft

von Thorsten Polleit drucken

Ökonomik: Apriorische Logik des Handelns
Bildquelle: e-Redaktion Ökonomik: Apriorische Logik des Handelns

Einleitend ein Zitat von Friedrich von Schiller (1759–1805): „Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit erobern.“ Schiller fordert mit seinen Worten dazu auf, über die unmittelbare, sinnliche, alltägliche Erscheinungswelt – also das, was man sieht, misst und direkt erlebt – hinauszugehen. Denn wer sich nur an Erfahrungen, Erscheinungen klammert, der bleibt in der Oberfläche stecken und kann die tiefere Erkenntnis, die Wahrheit nicht erreichen. Schillers Zitat trifft den Kern dessen, was ich im Folgenden aufzeigen möchte: Dass es einer der folgenschwersten Irrtümer in der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft ist, die Ökonomik als Erfahrungswissenschaft zu verstehen und zu praktizieren. Er führt nicht nur zu fragwürdigen, falschen Erkenntnissen, sondern er raubt vor allem auch der Ökonomik ihre Unabhängigkeit, öffnet ihrer politischen Unterwanderung, Korruption Tür und Tor. Das allein schon ist Grund genug, die falsche Behauptung, die Ökonomik sei eine Erfahrungswissenschaft, zu demaskieren, zurückzuweisen, für alle in nachvollziehbarer Weise zu widerlegen und gleichzeitig zu erklären, wieso die Ökonomik nur als eine apriorische Handlungswissenschaft konzeptualisiert werden kann.

Den Anstoß für meinen Aufsatz gab die Überschrift „Über das Handeln. Warum Ökonomie eine empirische Wissenschaft ist“, mit der Ralf Blinkmann den ersten Aufsatz seiner Reihe „Kritik der Praxeologie“ betitelt. Zu den in Blinkmanns Artikeln behandelten Themenbereichen Bewusstsein, Neurowissenschaften und Knappheit hat Andreas Tiedtke bereits in seinem Beitrag „Menschliches Handeln: Warum Ökonomik eine A-priori-Wissenschaft ist“ Missverständnisse ausgeräumt beziehungsweise klargestellt, welche unterschiedlichen Bedeutungen bestimmte Begriffe in der Praxeologie haben, die sich von den Bedeutungen in einem psychologischen, „technologischen“ oder allgemeinen Sprachgebrauch unterscheiden.

Ich will im Folgenden aufzeigen, dass die Ökonomik keine Erfahrungswissenschaft ist, wie von Blinkmann (und andere Autoren ließen sich hier anführen) behauptet, oder von anderen stillschweigend unterstellt wird. Beginnen wir die Erklärung mit der Frage: Wie gewinnt man in der Naturwissenschaft Erkenntnisse, wahre Aussagen? Nun, die gängige Praxis ist: Man stellt Hypothesen, also „Wenn-dann“-Aussagen, auf und testet sie im Zuge von Experimenten. Ein Faktor wird verändert, während alle anderen Faktoren, die das Ergebnis ebenfalls beeinflussen, konstant gehalten werden. Derartige (Labor-)Experimente lassen sich in der Regel in beliebiger Zahl wiederholen, sodass man mit ihnen viele gleichartige Beobachtungspunkte erhält.

Und hat man hinreichend viele gleichartige Beobachtungspunkte (Karl R. Popper (1902–1994) spricht von „Beobachtungssätzen“), lässt sich die zu untersuchende Hypothese (mittels statistischer Verfahren) beurteilen. Wird die Hypothese durch die Beobachtungen gestützt, dann erklärt man sie zwar nicht als wahr, aber immerhin verwirft man sie bis auf Weiteres nicht; sie gilt als bislang nicht falsifiziert. Oder die Beobachtungen sprechen gegen die Hypothese, dann wird sie verworfen; sie gilt in dieser Form als falsifiziert.

Ein solches Vorgehen ist jedoch im Bereich des menschlichen Handelns grundsätzlich nicht möglich. Der Grund: Es gibt im Bereich des menschlichen Handelns schlichtweg keine gleichartigen, homogenen Beobachtungspunkte, mit denen sich eine Hypothese testen ließe, aus denen sich so etwas wie eine Gesetzmäßigkeit (etwa in dem Sinne: „Immer wenn A, dann folgt immer B“) ableiten ließe.

Der handelnde Mensch ist ein gänzlich anderes Erkenntnisobjekt als zum Beispiel Atome, Moleküle, Steine oder Planeten. Letztere treffen keine Wertungen, verfolgen keine Ziele, wählen keine Mittel aus, reagieren lediglich auf Impulse. Ganz anders der Mensch: Er hat Wünsche, Präferenzen, er verfolgt Ziele, wählt Mittel, um seine Ziele zu erreichen. Die Reaktionen von nicht belebten Dingen auf bestimmte Impulse können prinzipiell errechnet, vorhergesagt werden. Nicht aber die des handelnden Menschen.

Zum einen ist das menschliche Handeln im wahrsten Sinne des Wortes einmalig, ist nicht in gleicher Art und Weise wiederholbar. Der Handelnde ändert seine Wünsche, Ziele und die Wahl der Mittel im Zeitablauf. Die Beobachtung des menschlichen Handelns kann folglich auch keine homogenen, gleichartigen Beobachtungssätze liefern, wie es in der Naturwissenschaft möglich ist.

Zum anderen gibt es im Bereich des menschlichen Handelns keine quantitativen „Konstanten“ in dem Sinne, dass ein bestimmter Impuls immer und überall eine ganz bestimmte (quantitative) Reaktion, ein ganz bestimmtes (Mess-)Ergebnis zur Folge hätte. Das liegt daran, dass der Mensch sich durch Lernfähigkeit auszeichnet – eine Aussage, die sich nicht widerspruchsfrei verneinen lässt, die wahr ist, die a priori gilt; eine Erkenntnis, die Hans-Hermann Hoppe identifiziert und ausformuliert hat.

Der Begriff a priori, besser: eine Aussage a priori, beansprucht Allgemeingültigkeit, also wahr zu sein, und zwar immer und überall. Ein Beispiel für eine a priori wahre Aussage ist der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch in der Logik: Er besagt, dass zwei einander in derselben Hinsicht sich widersprechende Aussagen nicht zugleich zutreffen können. Anders gesagt: Eine Aussage a priori lässt sich nicht verneinen, ohne dabei ihre Gültigkeit bereits vorauszusetzen. Man kann die Wahrheit einer a priori Aussage einsehen, man muss sie dazu nicht testen, Experimenten unterziehen.

Zurück zum a priori der Lernfähigkeit: Würde man beispielsweise sagen „Der Mensch ist nicht lernfähig“, so ließe das einen performativen Widerspruch, eine falsche Aussage entstehen: Wer sagt „Der Mensch ist nicht lernfähig“, der geht davon aus, dass sein Gesagtes anderen noch nicht bekannt ist; sonst würde er es ja nicht sagen. Jeder Lehrer, jeder Professor unterstellt übrigens seinem Gegenüber Lernfähigkeit, sonst würde er nicht lehren – oder er wäre ein Zyniker, Betrüger, handelte gegen besseres Wissen. Und wer sagt: „Der Mensch ist fähig zu lernen, nicht zu lernen“, der verfängt sich in einem offenen Widerspruch.

Aus dem a priori der Lernfähigkeit folgt nun, dass man nicht schon heute wissen kann, ob und wie der Handelnde auf bestimmte Impulse künftig handelt. Würde man das verneinen, müsste man annehmen, dass alle Erkenntnisbestände, die der Handelnde künftig jemals haben wird und die sein Handeln bestimmen, bereits heute schon bekannt sind; denn nur dann wäre man in der Lage, seine künftigen Handlungen mit wissenschaftlichen Mitteln vorherzusehen. Das Ganze liefe dann aber auf die Verneinung hinaus, dass der Mensch lernfähig ist – und das wäre logisch falsch.

Damit wird deutlich: Die Wissenschaft des handelnden (lernfähigen) Menschen, die Ökonomik, lässt sich nicht als Erfahrungswissenschaft einstufen, verstehen oder gar betreiben; die erforderliche Datenbasis, um aus Erfahrung abgeleitete Gesetzmäßigkeiten zu gewinnen, lässt sich gar nicht beschaffen, ist aus handlungslogischen Gründen nicht verfügbar. Die Ökonomik benötigt daher eine andere wissenschaftliche Methode zur Erkenntnisgewinnung als diejenige wissenschaftliche Methode, die in der Naturwissenschaft (und zwar, das sei hier betont, durchaus mit großem Erfolg) angewandt wird.

Damit ergibt sich die Forderung nach einem „methodologischen Dualismus“ – beziehungsweise die Zurückweisung der Forderung nach einer „Einheitswissenschaftsmethode“, wie sie einst von den logischen Positivisten, den Neo-Positivisten gefordert wurde. Dazu zählen etwa der Wiener Kreis in den 1920er bis 1930er Jahren, mit Namen wie Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Otto Neurath, Hans Hahn, Friedrich Waismann u. a.

Ludwig von Mises (1881–1973) rationalisierte die Logik des menschlichen Handelns als die geeignete wissenschaftliche Methode für die Ökonomik; er bezeichnete sie auch als Praxeologie (abgeleitet von prâxis: die Handlung, das Handeln; und -logie: Lehre, Wissenschaft). Ihr Ausgangs- und zugleich Dreh- und Angelpunkt ist der Satz „Der Mensch handelt“. Er klingt zunächst vielleicht trivial, hat es aber in sich! Denn man kann den Satz „Der Mensch handelt“ nicht widerspruchsfrei verneinen. Wer das versucht, wer also sagt „Der Mensch handelt nicht“, der handelt (indem er eine Aussage macht oder sie in ein E‑mail tippt); er begeht einen logischen Widerspruch, sagt Falsches.

Aus dem unbestreitbar wahren Satz „Der Mensch handelt“ lassen sich auf deduktivem Wege weitere wahre Aussagen ableiten. So ist das menschliche Handeln stets zielgerichtet; auch das lässt sich widerspruchsfrei nicht verneinen. Handeln erfordert den Einsatz von Mitteln, und Mittel sind stets knapp. Wären Mittel nicht knapp, würden sie nicht bewirtschaftet, sie wären keine Mittel, sondern „Exogenes“ für den Handelnden. Jedes Handeln impliziert Ursache–Wirkung (Kausalität): Der Handelnde geht davon aus, dass sein Handeln die Ereignisse in seinem Sinne verändert im Vergleich zur Situation, in der er seine Handlung nicht durchführt.

Und weiter: Jedes Handeln hat eine zeitliche Erstreckung, findet unter Einsatz von Zeit statt. Wäre das nicht so, würde also eine Handlung sofort und unmittelbar das gewünschte Ziel erreichen, wäre kein Handeln mehr möglich. Doch solch ein zeitloses Handeln stünde im Widerspruch mit dem a priori gültigen Satz „Der Mensch handelt“, wäre nicht widerspruchsfrei denkbar, unsinnig. Auch lässt sich zeigen, dass das „Gesetz des abnehmenden Grenznutzens“ kein psychologisches Sättigungsgesetz ist, sondern dass es sich vielmehr aus der Handlungslogik unmittelbar ableiten lässt.

Und weiter: Jeder Handelnde hat eine Zeitpräferenz. Das heißt, die Erfüllung gegenwärtiger Bedürfnisse wird höher geschätzt als die Erfüllung der Bedürfnisse zu einem späteren Zeitpunkt (unter sonst gleichen Umständen) – und entsprechend wertet der Handelnde Gegenwartsgüter höher als Zukunftsgüter. Die Manifestation der Zeitpräferenz ist der (Ur-)Zins. Er steht für den Wertabschlag, den das künftig verfügbare Gut gegenüber dem gegenwärtig verfügbaren Gut erleidet. Zeitpräferenz und Urzins sind zwar veränderlich, sind aber immer und überall positiv; sie können nicht verschwinden oder gar negativ werden.

Auch Dinge wie Ziel, Gewinn und Verlust, Erfolg und Misserfolg, Auswählen und Zurückweisen sind im Satz „Der Mensch handelt“ bereits quasi mitgedacht, lassen sich aus ihm entfalten.

Alle voranstehend genannten Begriffe lassen sich als Kategorien, als Grundbegriffe des Denkens, auffassen; es sind Verstandesbegriffe, die nicht mehr von allgemeineren Begriffen abgeleitet sind.

Die Kategorien, die sich aus dem Satz „Der Mensch handelt“ gewinnen lassen, sind nicht mehr und nicht weniger das Denkwerkzeug, das uns den Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit erschließt, nicht schon diese Erkenntnis selbst. Sie sind, um eine Terminologie des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant (1724–1804) zu gebrauchen, die Bedingungen der Möglichkeit objektiver Erfahrung.

Anders gesagt: Wir Menschen können Beobachtungen unserer Lebensrealität sowie unserer inneren und äußeren Umstände gar nicht machen, ohne dass wir dabei auf die Kategorien des menschlichen Handelns zurückgreifen. Durch die Kategorien des Handelns wird unsere Erfahrung, das rezeptiv gewonnene Anschauungsmaterial, zur Einheit und Struktur eines Objektes geformt; sie leisten Verknüpfung („Synthesis“) und Bestimmtheit zugleich.

Man kann auch sagen: Wir prägen den Gegenständen unserer Erfahrung die Handlungskategorien quasi auf – wir erkennen das von uns Wahrgenommene so, wie unser Erkenntnisvermögen es zulässt. Und daher trägt das von uns Erfahrene, die daraus abgeleitete Erkenntnis, die Kategorien, die aus der Logik des menschlichen Handelns stammen und sich aus ihr ableiten lassen, in sich. Erfahrungen, die im Widerspruch zu den Kategorien stehen, wären für uns im wahrsten Sinne des Wortes unsinnig, widersprüchlich, unlogisch.

Hier ein konkretes Anwendungsfeld: Mit der Logik des menschlichen Handelns lassen sich formal-abstrakte Aussagen formulieren, die, soweit wir alle weiteren Einflussfaktoren als unveränderlich annehmen beziehungsweise unberücksichtigt lassen, unbestreitbar wahr sind. Einige Beispiele dazu (auf die detaillierte Herleitung und Begründung sei hier verzichtet):

– Der freiwillige Tausch stellt die daran Beteiligten besser – im Vergleich zu einer Situation, in der der freiwillige Tausch nicht stattgefunden hätte.

– Das Ansteigen des Angebots eines Gutes senkt bei unveränderter Nachfrage seinen Marktpreis.

– Das Ausweiten der Geldmenge setzt den Tauschwert einer Geldeinheit herab – im Vergleich zur Situation, in der die Geldmenge konstant geblieben wäre.

– Das Absenken des Marktzinses durch die Zentralbank führt zu Überkonsum und Fehlinvestitionen und nachfolgend zu einer Anpassungs‑Krise.

Die Logik des menschlichen Handelns lässt sich dazu verwenden, den Wahrheitsgehalt ökonomischer Theorien zu beurteilen – und zwar ohne dass man sie dazu in der Praxis erst ausprobieren, testen müsste. Hier einige Beispiele für ökonomische Theorien, die sich handlungslogisch als falsch einsehen lassen:

– Die Geldmenge in der Volkswirtschaft muss steigen, damit die Wirtschaft wachsen kann.

– Es gibt Not‑Situationen, in denen der gleichgewichtige (Ur-)Zins negativ wird.

– Die Erhöhung der Geldmenge ist „neutral“, sie beeinflusst die Einkommens- und Vermögenssituation aller zur gleichen Zeit und in gleicher Weise.

– Steuern schädigen nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft.

Man sollte sich klarmachen: Alle Sätze der Logik vom menschlichen Handeln gelten ausnahmslos, wann und wo auch immer gehandelt wird (und auch die Bedingungen des Handelns, die für sie vorausgesetzt werden – wie Unzufriedenheit mit dem gegebenen Zustand, die Annahme, ihn durch ein Handeln zu mildern, zu beheben –, gegeben sind).

Jede empirische Erfahrung (der Erwerb einer Erkenntnis durch Wahrnehmung) setzt die Kategorien, die wir der Logik des menschlichen Handelns entnehmen, voraus. Die Erkenntnis aus Erfahrung, die a posteriori Erkenntnis, wird überhaupt erst auf der Grundlage der a priori Erkenntnis des Handelns möglich.

Die a posteriori Erkenntnis kann uns lediglich mitteilen, wie etwas gewesen ist; sie kann dabei aber niemals sagen, dass es nicht hätte anders sein können. Aus Erfahrung lassen sich folglich keine Allgemeinaussagen, keine Gesetzesmäßigkeiten abschließend begründen. Das gilt übrigens auch für die in den Naturwissenschaften gewonnenen Erkenntnisse. Allerdings lassen sich hier ganz offensichtlich durch Testen, Ausprobieren Gesetzesmäßigkeiten aufspüren, die die Naturgeschehnisse tatsächlich richtig beschreiben.

Anders die Erkenntnisse, die aus der apriorischen Handlungslogik stammen: Sie stehen logisch vor der Erfahrung, sind Bedingung und Voraussetzung der Erfahrung; sie können durch die Erfahrung, die nur durch sie möglich wurde, weder bestätigt noch widerlegt werden.

Damit wird sogleich einsichtig, dass die Ökonomik (als eine a priori Handlungswissenschaft) strikt von der Geschichtswissenschaft zu trennen ist. Letztere befasst sich mit vergangenen Gegebenheiten, dokumentiert vergangenes menschliches Handeln, wartet mit Interpretationsversuchen auf (wer was warum gemacht hat). Schon das Sichten, das In-Erfahrung-Bringen des geschichtlichen Stoffes der Menschheit setzt bereits die Kategorien des menschlichen Handelns voraus. Schließlich sind es die a priori gültigen Kategorien, die uns überhaupt erst möglich machen, Geschichtliches (wie zum Beispiel: A hatte ein bestimmtes Ziel; er setzte dazu Mittel ein; etc.) zu verstehen, Geschichtswissenschaft betreiben zu können; sie sind der Letzteren vorgelagert.

Es steht natürlich außer Frage, dass Menschen aus Erfahrung lernen können und dass sie sich bei ihrem Handeln im Alltagsgeschehen von Erfahrungen leiten lassen. Die damit angesprochene Erkenntnis ist jedoch keine handlungslogische, sondern eine „thymologische“: Es ist Erkenntnis der menschlichen Wertungen und Willensakte, basierend auf Introspektion (Selbstbeobachtung) und dem, was man aus dem Umgang mit anderen Menschen lernt. Handlungslogische Erkenntnis ist apriorisch, deduktiv, universell gültig; die Thymologie liefert konkrete, individuelle, nicht universelle, auf „Verstehen“ angewiesene Erkenntnis.

Es sei an dieser Stelle noch gesagt: Praxeologie ist keine Psychologie. Sie beschäftigt sich allein mit dem Handeln, ist nicht auf die seelischen Vorgänge, die zum Handeln führen, gerichtet. Gegenstand der Psychologie sind die Vorgänge in unserem Innern, die zu einem bestimmten Handeln führen oder führen können. Somit ist auch das Verhältnis zwischen Praxeologie und dem psychoanalytischen Begriff des Unbewussten abgegrenzt.

Auch die Psychoanalyse ist Psychologie; ihre Aufmerksamkeit gilt dem, was im menschlichen Innern zum Handeln treibt. Das Unbewusste, von dem sie spricht, ist eine psychologische und keine praxeologische Kategorie. Das Unbewusste im psychoanalytischen Sinn und das Unbewusste im praxeologischen Sinn gehören zwei verschiedenen Gedankensystemen an und haben nichts gemein als den sprachlichen Ausdruck; sie sind nur homonym.

Ob der Beweggrund, der ein Handeln auslöst, aus der bewussten Überlegung stammt oder aus dem Verdrängten und Unbewussten, das aus einer Versenkung heraus dem Handelnden Ziele weist, die der bewussten Überlegung fremd sind, ändert nichts am Wesen des Handelns. Auch der Mörder, den das ihm unbewusste „Es“ zur Tat treibt, und der Neurotiker, der Zwangshandlungen vornimmt, die dem ungeschulten Beobachter „sinnlos“ vorkommen, handeln; sie streben Zielen zu wie jeder andere.

Mises definiert menschliches Handeln ausdrücklich als bewusstes, willentliches Verhalten, das auf Ziele gerichtet ist. Bewusstes Handeln setzt voraus: Eine vorgefundene Unzufriedenheit, die der Handelnde beseitigen will; die Vorstellung, es gibt einen besseren Zustand; die Erwartung des Handelnden, er könne durch Mittel den als besser erachteten Zustand erreichen; und eine bewusste Wahl zwischen Alternativen (eine Sache aufgeben, um eine andere zu erlangen).

Vom bewussten Handeln grenzt Mises strikt unbewusstes, reflexives Verhalten ab. Beispiele für Reflexives sind automatische Körperreaktionen (Herzschlag, Atmen) und unwillkürliche physiologische Prozesse (Zurückzucken bei plötzlichem Lärm). Sie alle stellen kein Handeln im praxeologischen Sinn dar. Sie sind für den Handelnden lediglich Daten der Umwelt (wie Wetter oder äußere Umstände), die er berücksichtigen muss.

Die Grenze zwischen bewusstem und reflexivem Handeln ist strikt, wenngleich für Außenstehende (empirisch) nicht immer eindeutig nachvollziehbar. Ich kann dir einen Stein entgegenschleudern. Indem du instinktiv wegzuckst, handelst du reflexiv; und indem du dich gegen den Reflex stemmst, unbewegt bleibst (um den Aufprall des Steines hinzunehmen), handelst du bewusst. Also: Wer einen Reflex unterdrückt, handelt bewusst; und wer es unterlässt, obwohl er könnte, handelt ebenfalls bewusst.

Kommen wir zum Schluss: Es sollte deutlich geworden sein, die Ökonomik ist keine Erfahrungswissenschaft. Ihre Erkenntnisse lassen sich nicht durch Erfahrung gewinnen, sondern nur durch handlungslogisches Schlussfolgern, Denken. Sie ist der Lage – wenngleich nur in recht begrenztem Ausmaß – wahre Aussagen in der Ökonomik zu treffen, deren Wahrheitsgehalt ohne Ausprobieren und Testen eingesehen werden kann.

Es bleibt abschließend noch zu erklären, warum eine erfahrungsbasierte Ökonomik (nur allzu leicht) ihre Unabhängigkeit verliert, zum Spielball politischer Ideologen wird. Der Grund ist der folgende: Wenn man die Ökonomik als Erfahrungswissenschaft auffasst, dann lassen sich alle möglichen, verheißungsvollen, politisch attraktiven Versprechungen vorbringen.

Beispiele dafür: „Lasst uns Edelmetallgeld durch staatliches Fiatgeld ersetzen, denn das fördert Wachstum und Beschäftigung.“ Oder: „Die Zentralbank muss die Zinsen senken, nur so werden Konsum und Investitionen gestärkt.“ Oder: „Wenn man die Reichen besteuert, dann hilft man den Armen.“ Oder: „Wenn man den Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzt, dann werden die Menschen reicher, gerechter leben.“

Wer wollte sich dagegen verwehren, diese (und andere) Heilsrezepte und -versprechungen auszuprobieren, sie in die Praxis umzusetzen, wenn sie doch von „namhaften“, von „anerkannten“ Ökonomen empfohlen werden? Man ahnt es: Die uninformierte, meist ahnungslose Öffentlichkeit geht dem Täuschungsmanöver auf den Leim – und politischen Eiferern und Agitatoren wird die Tür weit geöffnet, die Volkswirtschaft zu ihrem Experimentierfeld zu machen, ihre radikalen, anti‑freiheitlichen, zerstörerischen Programme in die Tat umzusetzen.

Und wenn die Versprechungen nicht aufgehen – wenn beispielsweise die Geldmengenausweitung Inflation und nicht Wohlstand bringt, oder der Sozialismus die Menschen ruiniert – dann sagen die Erfahrungs‑Ökonomen: Es sind „leider“ Faktoren dazwischengekommen, die nicht erwartet waren. Wenn wir sie berücksichtigen, dann wird es beim nächsten Versuch ganz bestimmt klappen! Auf ein Neues also. Die Volkswirtschaft wird so zum Meerschweinchen‑Versuchslabor, und die aberwitzigsten und irrsinnigsten Politikprogramme werden tatsächlich in die Praxis umgesetzt. Ja, Politiken werden so letztlich akzeptabel, hoffähig, die die Gesellschaft in die Tyrannei geleiten.

Den Ökonomen, die bei all dem mitmachen, werden vom Staat und den Sonderinteressengruppen, die den Staat für ihre Zwecke einzuspannen gedenken, belohnt: mit Pöstchen, Altersversorgung, Prestige und Forschungsgeldern. Sie haben damit einen besonderen Anreiz, die Diskussion um die richtige wissenschaftliche Methode in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaft nicht zu führen, zu übergehen, zu ignorieren. Das wusste schon Carl Menger (1840–1921), als er 1891 schrieb:

„Nun weiss ich sehr wohl, dass die Beseitigung wissenschaftlicher Irrthümer, welche sich in den Geistern der Gelehrtenwelt festgesetzt haben, selbst wenn sie offen liegenden Thatsachen widersprechen, zu den mühevollsten Aufgaben wissenschaftlicher Kritik gehört, zumal wenn die zur Herrschaft gelangten Irrthümer durch die Interessen einflussreicher Bevölkerungsgruppen gestützt werden.“

Es braucht einen neuen Methodenstreit, es braucht das Verständnis, dass die Sozial- und Wirtschaftswissenschaft keine Erfahrungswissenschaft ist, sondern dass sie nur als apriorische Handlungswissenschaft konzeptualisiert werden kann. Die erkenntnistheoretisch falsche Einschätzung, die Ökonomik sei eine Erfahrungswissenschaft, muss dringend widerlegt und aus den Köpfen der Menschen vertrieben werden – wenn Freiheit und Wohlstand für die Menschheit das Ziel sind.

Literatur

Blinkmann, R. (2026), Kritik der Praxeologie, Teil 1 bis 4, freiheitsfunken (www.freiheitsfunken.info/autor/ralf-blinkmann).

Hoppe, H. H. (1983), Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung. Untersuchungen zur Grundlegung von Soziologie und Ökonomie, Opladen, Westdeutscher Verlag (Studien zur Sozialwissenschaft, Bd. 55).

Hoppe, H. H. (2010), A Theory of Socialism and Capitalism, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

Menger, C. (1891), Die Sozialtheorien der klassischen Nationalökonomie und die moderne Wirtschaftspolitik, in: Aus der Neuen Freien Presse (Wien), 6. und 8. Januar 1891, Nr. 9470 und 9472.

Mises, L. v. (1957), Theory and History. An Interpretation of Social and Economic Evolution, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

Mises, L. v. (1940), Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, Editions Union Genf.

Polleit, T. (2023), Der Weg zur Wahrheit. Eine ökonomische Kritik, Finanzbuchverlag, München.

Polleit, T. (2024), Die Logik des Handelns. Eine Kritik der ökonomischen Erkenntnis, 19. Januar (www.youtube.com/watch?v=sjTIEFyBVGM&t=856s).

Polleit, T. (2023), Die Priesterherrschaft der Intellektuellen und die Macht der Ideen, 23. September (www.misesde.org/podcast/die-falsche-priesterherrschaft-der-intellektuellen-und-die-macht-der-ideen/).

Poser, H. (2012), Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag, Stuttgart.

Tetens, H. (2006), Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Ein systematischer Kommentar, Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag, Stuttgart.

Tiedtke, A. (2026), Menschliches Handeln: Warum Ökonomik eine A-priori-Wissenschaft ist, in: Der Sandwirt, 29. Mai 2026.


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