06. Juni 2026 11:00

Anthropologische Grundlagen der Ökonomie Über die Natur der Ungleichheit

Warum es soziale Hierarchien gibt

von Ralf Blinkmann drucken

Fibonacci
Bildquelle: Eigenes Bild Fibonacci

Über die Natur der Ungleichheit

Die paläolithischen Jäger und Sammler waren nach allem, was wir wissen, bemerkenswert egalitär. Und das Paläolithikum ist sogar älter als der Homo sapiens; die Altsteinzeit reicht von ca. 2,6 Millionen bis 10.000 v. Chr. „Egalitär“ meint nicht, dass alle Menschen dieser Gruppen gleich waren. Es gab „situative Autorität“ von erfahrenen Jägern, Schamanen, guten Rednern, Konfliktvermittlern, Organisatoren von Jagden oder Überfällen auf andere Gruppen etc. Es gab aber keine herrschenden „Häuptlinge“, wie von Hayek sich das vorgestellt hatte, sondern „leadership without coercion“.

Es ist unbekannt, wann sich das „Ich“ als Form der Interpretation des Anderen, des Selbstes und auch der Welt (Geister und Götter) entwickelt hat. Diese biologisch neue Sicht der Welt steht aber nicht im Gegensatz zur Egalität, weil sie ein Element des Widerstandes gegen Fremdbestimmung enthält: Das Individuum sieht sich als die Ursache seiner Handlungen. Die sogenannte „kognitive Revolution“ in der Menschheitsentwicklung vor ca. 70.000 Jahren änderte nichts an der Egalität der Menschengruppen.

Warum aber ändert sich das mit dem Beginn der Zivilisation? Sollte man nicht annehmen, dass ein Merkmal, das so lange unverändert existierte, biologisch verankert ist? In dieser Frage liegen zwei Missverständnisse darüber verborgen, was genetische Verankerung bedeutet. Erstens muss ein konstantes Merkmal nicht als solches genetisch festgelegt sein, denn es ist auch möglich, dass ein ganz anderes Merkmal verankert ist, welches sich unter den gegebenen Umweltbedingungen auch in der Konstanz dieses Merkmals äußert. Außerdem äußert sich ein genetisches Merkmal nur dann als konstant, wenn auch die Umweltbedingungen konstant sind. So ist zum Beispiel der Mensch genetisch darauf vorbereitet, eine Sprache zu erlernen, und jedes Kind erlernt auch eine Sprache, es sei denn, es findet keine förderliche Menschengruppe vor. Hospitalismus ist mit deutlichen Einschränkungen des Spracherwerbs verbunden. Das ändert nichts an der Tatsache, dass der Spracherwerb genetisch bedingt ist.

Soziale Ungleichheit ist nicht in den Genen, sondern in der Umwelt zu suchen. Egalität ist zwar genetisch durch ichbewusste Emotionen (Scham, Schuld, Neid, Eifersucht, Mitgefühl, Verlegenheit, Stolz, Dankbarkeit) unterstützt. Diese Emotionen funktionieren aber ihres ursprünglichen Zwecks gemäß nur dann, wenn die Menschen die jeweiligen Motive des Anderen klar erkennen, ihn also verstehen. In komplexen, zivilisierten Gesellschaften ist das nicht mehr möglich, und diese Emotionen treten dann oft nur noch als Projektionen (also ohne Verstehen) auf. Die sozialen Verhältnisse werden nun vor allem durch Austauschprozesse unter (mehr oder weniger) Fremden bestimmt. Die soziale Dynamik ändert sich durch die geänderten Umweltbedingungen.

Auch in paläolithischen Gesellschaften wurde getauscht, jedoch nimmt dies in zivilisierten Gesellschaften ganz andere Ausmaße an. Jetzt werden nicht nur materielle Ressourcen getauscht, sondern alles: Hilfeleistungen, Expertise, Prestige, Respekt, Zugehörigkeit, Schutz, Status, Ehre. Diese Tauschprozesse geschehen regelhaft nach der sogenannten „Tauschregel“, die der Anthropologe Marcel Mauss beschrieben hat. Wenn jedoch in einem System in hohem Ausmaß regelhafte Interaktionen stattfinden, tauchen neue Phänomene auf. Das wird Emergenz genannt, von Hayek nannte es „spontane Ordnung“. Die Zivilisation erschafft eine spontane Ordnung, welche die biologischen Grundlagen nicht außer Kraft setzt, sondern diesen nur eine neue Form verleiht.

Es ist eine empirische Tatsache, dass komplexe Systeme regelmäßige Strukturen hervorbringen. Das wohl beeindruckendste Beispiel ist die Tatsache, dass in der Natur immer wieder die Fibonacci-Zahlenfolge auftaucht, zum Beispiel in der Anordnung der Samen in einer Sonnenblume. Das liegt nicht daran, dass die Natur die Mathematik lieben würde, sondern dass diese Struktur klar bestimmbare evolutionäre Vorteile bietet und auf die Eigenschaft unseres Wahrnehmungssystems, regelhafte Strukturen zu erkennen, trifft.

Die Zivilisation ist jedoch ein kulturelles Phänomen, sodass derartige Strukturen nicht zu erwarten sind. Es gibt aber auch im Bereich der Kultur eine empirisch immer wieder auftauchende Struktur, die als Zipfsches Gesetz bekannt ist. George Kingsley Zipf war Linguist, und ihm fiel auf, dass in allen Sprachen der Welt, die er untersuchte, es sehr häufig und sehr selten vorkommende Wörter gibt und deren Verteilung eine Gesetzmäßigkeit zeigt. Ordnet man die Wörter nach ihrer Häufigkeit, so zeigt sich, dass das häufigste Wort etwa doppelt so oft vorkommt wie das zweithäufigste, dreimal so oft wie das dritthäufigste, zehnmal so oft wie das zehnthäufigste usw. Die Häufigkeit eines Elements ist ungefähr umgekehrt proportional zu seinem Rang. Wirklich bemerkenswert ist aber, dass dieser Zusammenhang fast überall in komplexen Systemen auftritt: Häufigkeit von Nachnamen, Buchstabenverteilungen, Größen von Städten eines Landes, Webseitenzugriffe, Followerzahlen, Zitierhäufigkeiten von Artikeln, Vermögensverteilungen, Unternehmensgrößen, Börsenumsätze. Es gibt dafür (im Gegensatz zum Fibonacci-Muster) keine allgemein akzeptierte Erklärung. Es handelt sich um ein rein empirisches Phänomen der Selbstorganisation komplexer Systeme. Auch die Tatsache, dass Wanderameisen Brücken bauen, kann man nicht ursächlich aus den Signalen, die sie austauschen, erklären.

Die Tatsache, dass sich komplexe menschliche Gesellschaften in Bezug auf Status pyramidenartig strukturieren, reiht sich also ein in eine allgemeine Phänomenologie komplexer Systeme, in denen Austauschprozesse stattfinden. Warum ist diese Erkenntnis wichtig? Sie ist wichtig, weil es keiner Annahme über eine genetische Disposition zu Statusunterschieden bedarf. Ebenso wenig bedarf es der gegenteiligen Annahme, dass eigentlich der Mensch von seiner biologischen Disposition her egalitär sei. Des Weiteren bedarf es nicht der Annahme, dass „die da oben“ sich unterscheiden von den anderen, etwa dadurch, dass sie besonders bösartig sind. Ungleichheit ist demnach auch keine Eigenschaft des Kapitalismus, sondern der Zivilisation.

Gewalt ist nicht die Ursache der sozialen Unterschiede, sondern der Versuch, diese gegen Beseitigungsversuche aufrechtzuerhalten. Die Beseitigungsversuche entstehen ebenfalls strukturell. Da die gesellschaftliche Struktur auf Tauschbeziehungen beruht, ist sie nur solange stabil, wie die Tauschverhältnisse ausgeglichen sind. In dem Moment, wo Trittbrettfahrer das System ausbeuten, wird die Stabilität gefährdet, und es werden Stabilisierungsmaßnahmen ergriffen, zunächst durch Propaganda, und wenn diese versagt, durch Gewalt. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass die Bedrohung der Ordnung immer subjektiv ist. So kommt es zum Beispiel zu Menschenopfern, um Götter zu besänftigen, die für die Stabilität der Gesellschaft wohlgesonnen sein müssen.

Soziale Ungleichheit ist in zivilisierten Gesellschaften unvermeidlich, nicht jedoch Gewalt. Der Schlüssel ist die Struktur des Tausches.

Quellen:

Neurowissenschaft: Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?

Über die Kooperation

Die Mathematik der Schöpfung - die Fibonacci Zahlenfolge - Orpanit


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