Kritik der Praxeologie, Teil 5: Über die Verhaltensbiologie
Warum Ökonomie eine empirische Wissenschaft ist
Mit Andreas Tiedtke im „Sandwirt“ und Thorsten Polleit hier im „Freiheitsfunken“ haben zwei bedeutende Vertreter der Praxeologie in Deutschland auf meine bisher vorgetragene Kritik der Praxeologie reagiert. Ihre Repliken zeigen mir, dass ich meinen Angriffspunkt bisher nicht klar genug herausgestellt habe, weshalb dieser fünfte Teil notwendig wird. (Auf Tiedkes Replik bin ich im „Sandwirt“ näher eingegangen; erscheint dort ungefähr zeitgleich zu diesem Artikel.)
Polleit verweist darauf, dass die jeweiligen Erscheinungsweisen menschlichen Handelns der naturwissenschaftlichen Methode nicht zugänglich seien, denn menschliches Handeln erfolge aus den subjektiven Präferenzen der Handelnden und unterläge somit keinen objektivierbaren Gesetzen. Allerdings bestreite ich das gar nicht. Ich stimme von Hayek zu, dass die Methodik der Naturwissenschaften nicht auf die Sozial- und Geisteswissenschaften übertragbar ist; eines der wenigen Punkte, bei dem von Hayek Popper widersprach. Tiedtke fühlt sich an den „Methodenstreit“ zwischen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Deutschen Historischen Schule erinnert. Ich stimme jedoch klar Carl Menger zu, dass die Ökonomie als eine theoretische Wissenschaft allgemeine Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns entdecken müsse, was sich für ihn ganz offensichtlich nicht auf den Inhalt der Handlung bezog. Von Mises unterschied wie Menger den subjektiven Inhalt einer Handlung von einer objektiven Struktur, und soweit folge ich. Der Dissens beginnt mit der Behauptung, diese Struktur sei mit den Mitteln der Logik auffindbar und die Ökonomie sei logisch begründbar.
Von Mises beansprucht für „man acts“ empirische Relevanz. Das schränkt jedoch die Definitionsmöglichkeiten für „Handeln“ ein. Wenn Polleit und Tiedke auf meinen Hinweis, es gäbe auch unbewusstes Handeln, behaupten, dass von Mises’ Handlungsbegriff auch dieses umfasse, obwohl von Mises menschliches Handeln als bewusstes Verhalten definierte, begeben sie sich auf eine schiefe Bahn. Ebenso, wenn Tiedtke auf meine Frage, warum Tiere keine Ökonomie hervorgebracht haben, antwortet: „Wenn Löwen entscheiden, welches Gnu sie schlagen werden, handeln sie ökonomisch“. Was beide hier tun, ist die Definition von „Handeln“ bzw. „Ökonomie“ jeweils so anzupassen, dass der Einwand wegdefiniert wird. Das ist innerhalb eines logischen Systems immer möglich. Nur wird dadurch von Mises’ Satz zu einem analytischen Satz, der immer wahr ist, wie „Alle Junggesellen sind unverheiratet“. Ein analytischer Satz bringt keinen Erkenntnisgewinn. Es reicht einfach nicht aus, irgendwie eine logische Widerspruchsfreiheit herzustellen, weil man damit der Empirie nicht entkommen kann. Denn ob ein logisches System empirische Relevanz hat, ist immer eine empirische Frage. Die euklidische Geometrie beschreibt nicht die relativistische Raumzeit, obwohl sie in sich widerspruchsfrei ist.
Polleit nennt eine Reihe von Gesetzen, die ich gar nicht bezweifle, die ich bloß nicht für logisch hergeleitet halte: Der freiwillige Tausch stellt alle besser, ist jedoch aus von Mises’ Handlungsbegriff nicht herleitbar, weil die Entscheidung für die Kooperation für von Mises subjektiv ist, sich also nicht aus der Handlungsstruktur ergibt. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage sowie der Zusammenhang von Geldmenge und Teuerung würde voraussetzen, dass Geld logisch aus Handeln folgt. Wenn aber Löwen auch ökonomisch handeln, wieso haben sie kein Geld? Wer hier einen logischen Zusammenhang herstellen will, muss mehr leisten, als nur Behauptungen in den Raum zu stellen. Der Anspruch der Principia Mathematica, die Mathematik auf die Logik zurückzuführen, benötigte 362 Seiten logischer Ableitungen, bis endlich logisch bewiesen war, dass 1+1=2 ist.
Polleit übersieht auch, dass apriorische Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis unbestritten sind, denn das ist eine empirische Tatsache, die uns die Neurowissenschaften und die Psychologie zeigen. Ich stimme zu, dass Logik und Mathematik auf diesen basieren; ob jedoch eine logische oder mathematische Aussage empirische Relevanz hat, ist immer eine empirische Frage.
Was von Mises über die Struktur der Handlung sagt, muss deshalb empirisch überprüft werden. Dabei ergibt sich, dass die Ziel-Mittel-Struktur bestätigt werden kann. Wir teilen diese allerdings mit den Säugetieren. Auch die Zeitpräferenz kann bei den Säugetieren bestätigt werden, allerdings nicht uneingeschränkt beim Menschen, wie unter anderem die Anthropologen Mauss und Clastres gezeigt haben. Die empirische Überprüfung ergibt, dass von Mises’ Handlungsbegriff ausgerechnet die Handlungsstrukturen auslässt, die typisch menschlich sind. Ich habe in meiner Kritik folgende Strukturelemente des Handelns als Ergänzung vorgeschlagen, die ich der Verhaltensbiologie entnommen habe:
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass er sich als die Ursache seiner Handlungen versteht. Er verfügt über ein „Ich“, das handelt. An anderer Stelle (in ef) habe ich erklärt, warum erst diese Tatsache überhaupt Freiheit ermöglicht. Des Weiteren unterscheidet sich der Mensch vom Tier dadurch, dass er biologisch für die Kooperation optimiert ist. Schon Adam Smith sagte in „The Wealth of Nations“: „Niemand hat jemals einen Hund dabei beobachtet, mit einem anderen Hund einen fairen und wohlüberlegten Tausch eines Knochens gegen einen anderen Knochen vorzunehmen.“ Der Mensch aber ist fähig zu „reziprokem Altruismus“, im Grunde ein anderer Begriff für Tausch. Es ist offensichtlich, dass von Mises’ Handlungsbegriff, der genauso für Säugetiere passt, das allermenschlichste Handeln, nämlich Tausch unter Nichtverwandten („tiefe Kooperation“), nicht erklären kann. Wie sollte aus einem derartigen Handlungsbegriff eine ökonomische Theorie, die eine menschliche Ökonomie beschreibt und nicht die der Löwen, logisch folgen können? Das Mindeste, was man aus der Perspektive der Logik dazu sagen muss, ist, dass es offenbar einer großen Menge von Zusatzannahmen bedarf, die von Mises jedoch nicht deklariert hat.
Ganz in Übereinstimmung mit Menger schlage ich deshalb vor, die allgemeinen Gesetze menschlichen Handelns mit den Mitteln der Verhaltensbiologie zu suchen, denn menschliches Handeln ist das Ergebnis der biologischen Evolution. Von Hayek hätte seine Ideen gerne auf die Psychologie gegründet, wie „The Sensory Order“ zeigt, musste dies jedoch aufgrund des begrenzten Wissens seiner Zeit aufgeben. Die heutigen Neurowissenschaften bestätigen nicht nur seine damaligen Überlegungen, sondern ergänzen seinerzeit fehlende Erkenntnisse. Es ist heute möglich und an der Zeit, die Österreichische Schule auf die Verhaltensbiologie zu gründen. Die wirklich rein menschlichen Handlungsstrukturen sind, neben möglichen weiteren, die Ich-haftigkeit des Handelns und der reziproke Altruismus als Grundlage jeglichen Tausches. Man reciprocates.
Quellen:
Die Ökonomik ist eine apriorische Handlungswissenschaft
Der Sandwirt - Warum Ökonomik eine A-priori-Wissenschaft ist
Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?
Ralf Blinkmann auf freiheitsfunken.info
Kommentare
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