01. Juli 2026 14:00

Europäische Streitkräfte Militärische Rüstung zwischen Markt und Plan

Skalenvorteile liegen bei den USA

von Andreas Tögel drucken

Rüstung: Zersplitterte Systeme belasten Logistik
Bildquelle: e-Redaktion Rüstung: Zersplitterte Systeme belasten Logistik

Dass der Markt in wirtschaftlichen Fragen effizientere Entscheidungen hervorbringt als eine staatliche Bürokratie, ist eine Binsenweisheit. Zudem ist die wirtschaftliche Betätigung des Staates im Hinblick auf sein Gewaltmonopol problematisch. Denn anders als private Anbieter, deren Offerte freibleibend sind, weil ihnen keine Machtmittel zur Verfügung stehen, kann der Staat die Bürger zur Annahme seiner monopolisierten Leistungen zu willkürlich festgelegten Preisen zwingen. Als Beispiele seien die Anschlusspflicht an die Kanalisation und die kommunale Müllabfuhr genannt.

Allerdings existiert ein fundamentaler Unterschied zwischen Gütern und Dienstleistungen, die sowohl von privaten Akteuren als auch von der öffentlichen Hand nachgefragt werden – beispielsweise pharmazeutische Spezialitäten und Medizinprodukte – und solchen, für die ausschließlich staatliche Nachfrage besteht. Letzteres gilt vor allem für Rüstungsgüter, da Privatpersonen gewöhnlich kein Interesse am Kauf von Kampfflugzeugen, Panzern und Atom-U-Booten zeigen.

Aus diesem asymmetrischen Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ergeben sich Probleme, die dem Umstand geschuldet sind, dass ein staatlich monopolisierter Bedarf an Rüstungsgütern einer diversifizierten Angebotsseite gegenübersteht.

Jeder Staat, der es mit seiner Souveränität ernst meint, steht vor der Aufgabe, seine Streitkräfte mit Kampfmitteln auszustatten, die seine äußere Sicherheit sicherstellen. Viele konkurrierende, privatwirtschaftlich organisierte Anbieter rittern um verhältnismäßig wenige staatliche Aufträge. Sie stehen vor dem Problem, zum Teil gewaltige Entwicklungskosten vorfinanzieren zu müssen. Insbesondere im Bereich der Luftrüstung können die entstehenden Kosten ins Astronomische reichen. Als Beispiel sei der Entwicklungsaufwand für die von der US-Rüstungsschmiede Lockheed-Martin gebaute F-35 genannt, der sich auf etwa 50 Mrd. US-Dollar (!) belaufen hat.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Entwicklungskosten in derart schwindelerregenden Höhen zu einer Konzentration auf der Anbieterseite führen. So ist es keine Überraschung, dass der Löwenanteil der Rüstungsgüter in den USA von nur fünf Anbietern geliefert wird: Lockheed Martin, RTX (Raytheon Technologies), Northrop Grumman, Boeing Defense und General Dynamics. Diese fünf Konzerne erhalten vom Pentagon jährlich Aufträge mit einem Volumen von zusammen rund 146 Mrd. US-Dollar, was rund 60 Prozent der gesamten Rüstungsausgaben der USA entspricht.

Dass das Feld der Rüstungsbeschaffung extrem anfällig für politische Einflussnahmen und – angesichts der Höhe der bewegten Geldsummen – Korruption ist, liegt auf der Hand. Exemplarisch genannt seien hier der „Lockheed-Skandal“, der den damaligen japanischen Premierminister Tanaka im Jahr 1974 sein Amt kostete, das größte britische Rüstungsprojekt der Geschichte, der BAE-Systems-Al Yamamah-Deal mit Saudi-Arabien mit einem Volumen von mehr als 80 Mrd. US-Dollar, in den mehrere saudische Prinzen verwickelt waren, und die Airbus-Eurofighter-Affäre, in der es zu verdeckten Zahlungen und über Tarnfirmen betriebenem Lobbying kam.

Korruption und politische Einflussnahmen bei der Beschaffung von Rüstungsgütern zu verhindern, dürfte keine geringere Herausforderung darstellen als die Quadratur des Kreises. Denn Macht – auch die zur Beschaffung von Bomben und Granaten – korrumpiert nun einmal. Und wo Menschen sind, da menschelt es eben.

Ein anderes Problem, das ebenfalls mit der Sonderstellung von Rüstungsprogrammen zu tun hat, darf nicht übersehen werden. Im Rüstungsgeschäft offenbart sich ein Paradoxon: Die Gesetze des Marktes, die unter normalen Umständen zur Effizienzsteigerung, Produktverbesserung und Kostendämpfung führen, gelten hier nicht. Marktgesetze haben nämlich nur dort Bestand, wo ein freier Markt existiert. Genau das ist bei Rüstungsgütern aber nicht der Fall.

Ein Vergleich der militärischen Rüstung in den USA mit jener in Europa macht es deutlich – besonders bei den Kampfpanzern: Während in den USA mit dem M1 Abrams ein einziges System im Einsatz steht, sind es in Euroland über 10. Genannt seien beispielhaft der deutsche Leopard 2, der britische Challenger, der französische Leclerc und der italienische Ariete. Bei den Kampfflugzeugen fällt der Unterschied zwar nicht ganz so drastisch aus, ist aber dennoch eklatant: Die USA setzen bevorzugt auf die Lockheed F-35 und führen bei älteren Modellen wie F-15, F-16 und F-18 Kampfwertsteigerungen durch, während in Euroland sechs europäische und ehemals sowjetische Typen wie Eurofighter, Rafale, Gripen, Mirage 2000, MiG-29 und Suchoi Su-27 sowie zunehmend auch die amerikanische F-35 genutzt werden.

Auch im Bereich der Marinerüstung ist die Fragmentierung der europäischen Rüstung stark: Einer einzigen Klasse von 70 Stück umfassenden US-Zerstörern des Typs Arleigh-Burke und einer im Aufbau befindlichen Klasse von Fregatten des Typs Constellation stehen in den Marinen Eurolands neun Fregatten- und mehr als vier Korvettentypen in Verwendung.

Im Bereich der Infanteriewaffen (Sturmgewehre) stehen drei amerikanischen sechs europäische Systeme gegenüber. Der Vorteil von Skaleneffekten liegt somit in allen Waffengattungen klar auf Seiten der Vereinigten Staaten.

Nicht minder gravierend sind die logistischen Herausforderungen, die aus einer starken Systemdiversifizierung resultieren. Ersatzteilversorgung und Reparaturen würden im Ernstfall zum Albtraum für die Nachschub- und Instandsetzungseinheiten.

Einschlägige Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg: Die Wehrmacht trat mit einer breiten Palette verschiedenster Panzertypen gegen nur wenige unterschiedliche Muster der Alliierten an. Die von den Alliierten eingesetzten Typen T 34 und M4 Sherman, von denen je rund 50.000 Stück produziert wurden, brachten unter Kriegsbedingungen klare Vorteile gegenüber den vielen deutschen Kampfpanzern, Jagdpanzern, Panzerjägern und Sturmgeschützen. Von allen deutschen Panzern zusammen wurden während des Krieges weniger Einheiten erzeugt als vom Sherman oder dem T-34. Der ikonische „Tiger“ etwa verließ nur 1.350-mal die Werkshallen. Massive Probleme mit der Ersatzteilversorgung waren die absehbare Folge der starken Systemfragmentierung.

In einer idealen Welt bedürfte es weder Staaten noch Armeen. Da dieser paradiesische Zustand in den nächsten 1.000 Jahren aber mutmaßlich nicht eintreten wird, ist eine europaweit koordinierte Rüstungsplanung das Gebot der Stunde, wenn das gemeinsame Ziel darin besteht, eine wirkungsvolle militärische Abschreckung zu bezahlbaren Kosten darzustellen und logistische Probleme infolge einer unüberschaubaren Systemvielfalt zu vermeiden.

Angesichts nationaler Eifersüchteleien und notorischer auf (partei-)politische Vorteile zielender Einflussnahmen auf die Beschaffung von Rüstungsgütern scheint die Wahrscheinlichkeit dafür allerdings geringer als die für einen Hauptgewinn im Zahlenlotto. Russen, Chinesen und Amerikaner werden es amüsiert zur Kenntnis nehmen.


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