Demokratisches Führungspersonal: Warum die Übelsten an die Spitze kommen
Historische Thesen von Platon bis Hayek
von Andreas Tögel drucken
Der Ökonom und Philosoph, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1974, F. A. Hayek, stellte in seinem 1944 erschienenen Werk „The Road to Serfdom“ (Der Weg zur Knechtschaft) zum politischen Führungspersonal fest: „the worst get on top.“ Hayek analysierte, warum in totalitären oder stark zentralisierten politischen Systemen nicht die Fähigsten, sondern die Skrupellosesten an die Spitze gelangen. Demnach zieht es in zentralisiert organisierten Staaten bevorzugt machtorientierte Personen in die Politik. Solche Typen neigen zur Überzeugung, dass der Zweck jedes Mittel heiligt – also auch den Einsatz von Propaganda und roher Gewalt. Hayek argumentierte, dass Planwirtschaft und autoritäre Politik eine Art „Negativauslese“ erzeugen: Menschen mit hohen moralischen Standards schrecken davor zurück, alle zum Machterhalt notwendigen Mittel einzusetzen, während Menschen mit niedrigeren Standards damit kein Problem haben. Hayeks Erkenntnisse galten indes erwiesenermaßen nicht nur für autoritäre Systeme, sondern gleichermaßen für „liberale Demokratien“.
Hayek war nicht der Erste, der zu dieser kritischen Einschätzung demokratischer Eliten gelangte. Der damals etwa 50 Jahre alte griechische Philosoph Platon hat in seinem um 375 v. Chr. entstandenen Werk „Politeia“ bereits ähnliche Bedenken geäußert. Demnach kommen in demokratischen Gesellschaften nicht die besten, sondern die ehrgeizigsten, lautesten und manipulativsten Zeitgenossen ans Ruder. Das wiederum führt zur Herrschaft der Meinung, nicht aber des Wissens. Doxa triumphiert über episteme. Im politischen Wettstreit siegt, wer gut reden kann, nicht aber jemand, der gut denkt. Demagogen gewinnen die Oberhand, weil sie den Massen erzählen, was diese hören wollen. Ein guter Redner eignet sich aber nur in seltenen Fällen zum guten politischen Führer.
Platon nutzt zur Illustration das Bild eines Kapitäns, der deshalb mit der Schiffsführung betraut wird, weil er am überzeugendsten behauptet, dafür geeignet zu sein, während er in Wahrheit – anders als ein anderer, bescheidener auftretender Bewerber – über nur spärliche nautische Kenntnisse verfügt. Für Platon liegt die Konsequenz auf der Hand: Früher oder später kippt jedes demokratische System in die Tyrannei, weil die Masse demjenigen folgt, der ihr am meisten verspricht – und sei er noch so gefährlich oder inkompetent.
Ein an dieser Stelle gut passendes, Winston Churchill zugeschriebenes Zitat lautet: „Das stärkste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem x-beliebigen Wahlberechtigten.“ Da ist was dran. Wer aufmerksam beobachtet, wer etwa in Wiener U‑Bahnen, an „sozialen Brennpunkten“ oder bei Pride‑Paraden zu finden ist, dem erhellt sich augenblicklich, was mit dem Zitat gemeint ist. Was Churchill in einer Unterhausdebatte anno 1947 mit Sicherheit gesagt hat, ist folgendes: „Die Demokratie ist die schlechteste Form der Regierung – mit Ausnahme aller anderen die bereits versucht wurden.“
Das lässt sich als zwar kritisch, aber eindeutig demokratiefreundlich interpretieren. Was damit allerdings keineswegs gesagt ist: Weshalb bedarf es überhaupt einer Regierung und eines Staates? Ist es in Stein gemeißelt, dass Menschen – ungeachtet der Organisationsform – über andere Menschen herrschen müssen? Zweifellos nicht! Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.
Zurück zum Politpersonal. In Feudalsystemen und Monarchien werden politische Führer in der Regel durch die Erbfolge bestimmt. Der designierte Nachfolger wird gewöhnlich sein Leben lang auf seine künftige Aufgabe vorbereitet, der er dann mehr oder weniger gut gewachsen ist. Es ist daher möglich und in der Geschichte tatsächlich vorgekommen, dass eine sowohl charakterlich als auch physisch und intellektuell geeignete Persönlichkeit die Macht übernimmt. Diese Persönlichkeit muss niemandem gefallen, braucht sich an niemanden anzubiedern und niemandem Zugeständnisse zu machen. Sie sieht sich als nur einer höheren Macht verantwortlichem Herrscher „von Gottes Gnaden“. Dass kein Mangel an historischen Beispielen für unfähige oder verkommene adlige Potentaten herrscht, ändert nichts am grundlegenden Prinzip: Der Fürst agiert verantwortungsbewusst und mit Blick auf lange Zeiträume, weil er sein als Eigentum betrachtetes Herrschaftsgebiet bestmöglich verwalten und seinem Thronfolger keine verbrannte Erde hinterlassen will.
Was für ein gewaltiger Unterschied zu einem auf demokratische Weise gewählten Präsidenten oder Premierminister! Die Herrschaft demokratisch gewählter Eliten verhält sich zu jener von Erbfürsten, wie die Aktivitäten eines Managers mit einem befristeten Dienstvertrag zu jenen eines Unternehmer‑Kapitalisten. Letzterer setzt völlig andere Prioritäten, weil er sein mit Herzblut aufgebautes und geführtes Unternehmen ja eventuell an seine Kinder weitergeben will, während der Manager mit Zeitvertrag mit einem wesentlich kürzeren Zeithorizont agiert und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Das Motto des demokratisch gewählten Führers lautet für gewöhnlich: Nach mir die Sintflut.
Zurück zur Analyse Platons: Angesichts seiner Erfahrungen plädierte er für die Herrschaft der „Aristokratie des Geistes“, der Philosophen. Ein Herrscher soll nämlich nicht durch Macht, Herkunft oder Reichtum legitimiert sein, sondern durch Wissen, Tugend und Einsicht in das Gute. Kurzum: Platon schwebte die Staatsführung durch einen Philosophenkönig vor. Dass er beim Versuch der Verwirklichung seiner Überlegungen in Syrakus mehrfach fulminant gescheitert ist, belegt den gravierenden Unterschied zwischen einer noch so bestechenden Theorie und der harten Realität. Die wohl einzige Herrscherpersönlichkeit, die jemals dem platonischen Ideal des Philosophenkönigs entsprach, war der römische Kaiser Marcus Aurelius (121 – 180).
Wer einen kritischen Blick auf das rezente politische Führungspersonal wirft – und zwar ungeachtet der Parteizugehörigkeit –, wird sich mit Grausen abwenden. Es scheint, als ob ein gnadenloser Wettlauf nach unten im Gange wäre. Nach dem Zweiten Weltkrieg – und noch lange Zeit danach – gab es in Europa noch durchaus respektable Politiker. Die gibt’s heute nicht mehr – und das gilt auch jenseits der Grenzen Deutschlands und Österreichs. In Frankreich, Spanien und in Großbritannien schaut es nämlich nicht besser aus. Wo sind Persönlichkeiten vom Schlage eines De Gaulle, De Gasperi, Adenauer, Erhard, Schmidt, Kohl, Thatcher, in Österreich Klaus, Widhalm oder Koren geblieben? Wieso hat man es heute offensichtlich nur noch mit der von Hayek beschriebenen Auslese der Schlechtesten zu tun?
Die Antworten darauf liefern Platon, Hayek und Hans‑Hermann Hoppe. Letzterer diagnostiziert einen demokratischen „Wettbewerb der Gauner“. Während in der Sphäre des Marktes der Wettbewerb für Produktverbesserungen und Vorteile für die Konsumenten sorgt, hat der politische Wettbewerb jene gegenteiligen Effekte, die schon von Platon und Hayek beschrieben wurden. Wer kann schon ein Interesse daran haben, den „fähigsten“ Geldverschwender oder den rabiatesten Feind der Freiheit zur Macht zu verhelfen?
Dazu kommt: Dem Fernsehen kam früher kaum nennenswerte Bedeutung für die politische Entscheidungsfindung zu. J. F. Kennedy war der erste US‑Präsident, der seinen Wahlsieg seinem im Vergleich zum Kontrahenten R. Nixon ansprechenden Äußeren zu verdanken hatte. Zusätzlich begünstigen heutzutage die sozialen Medien spontane, oberflächliche Entscheidungen. Kein Mensch liest noch Parteiprogramme (anders sind die haarsträubenden Erfolge urbaner Kommunisten nicht zu erklären). Ein nettes Äußeres, ein harmloses Erscheinungsbild, gepaart mit Eloquenz, entscheiden heute über den Ausgang von Wahlen: Doxa statt episteme.
Die „Erfolgsgeschichte“ der demokratisch verfassten EU sagt alles.
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