Freiheitsverkostung: Der Libertarismus
Wie frei ist eigentlich unser Ismus?
von David Andres drucken
Kommunismus. Sozialismus. Sexismus. Nationalismus. Islamismus. Jede Menge Ismen sortieren die Welt. Sie schenken den Menschen eine manchmal sogar bombenfeste Identität und begrenzen das Denken. Wie ist es mit unserem Ismus? Ist er einzig frei?
Mitte der 90er veröffentlichte die New Yorker Crossover-Band Dog Eat Dog einen Song namens „Isms“. Eine Absage an alle Ismen und ein Aufruf, abseits der Ideologien miteinander Spaß zu haben. Dem würden unter uns Freiheitlichen sicher einige folgen, doch haben auch wir unseren Ismus. Jenen Libertarismus, der uns von den anderen Ismen befreien möchte. Wie der berühmte Friseur, der behauptet, alle Männer im Dorf zu rasieren, die sich nicht selbst rasieren. Höchste Zeit deshalb, nach Sozialkaufhäusern, Krankenhäusern, dem Alkohol oder der künstlichen Intelligenz in dieser Rubrik der „Freiheitsverkostung“ einmal das Messinstrument selbst auf die Waage zu legen. Wie frei ist eigentlich der Libertarismus?
Grad der staatlichen Einmischung
Nahezu null. Das ist gewissermaßen seine Paradedisziplin. Der Libertarismus möchte den Staat je nach Spielart entweder auf einige wenige Kernaufgaben reduzieren oder gleich ganz abschaffen. Er misstraut zentraler Planung, Zwangsabgaben, Bevormundung und der Vorstellung, Politiker könnten besser als Millionen einzelne Menschen entscheiden, wie diese zu leben haben. Viel weniger staatlicher Einfluss geht also kaum. Ein kleiner Schönheitsfehler bleibt allerdings. Einige prominente libertäre Denker verbrachten ihr Berufsleben im staatlichen oder zumindest teilweise staatlich finanzierten Hochschulsystem. Erich Weede etwa lehrte jahrzehntelang an den Universitäten Köln und Bonn, Hans-Hermann Hoppe an der öffentlichen University of Nevada in Las Vegas. Wobei selbst hier libertäre Differenzierung angebracht ist: Amerikanische „public universities“ finanzieren sich keineswegs ausschließlich und oftmals nicht einmal überwiegend aus Steuergeld. Sie sind allerdings auch nicht vollständig privat. Ganz streng betrachtet bleibt es schon ab dem ersten fiskalisch finanzierten Dollar oder Euro eine Ironie, wenn der radikale Staatskritiker seinen Studenten erläutert, wieso Besteuerung Diebstahl sei. Darüber darf man schmunzeln. Man kann allerdings auch sagen: Solange mir der Staat mein Geld sowieso wegnimmt, darf ich wenigstens versuchen, einen Teil davon als Professor zurückzubekommen.
Grad der Freiwilligkeit
Maximal. Jedenfalls auf dem Papier. Kaum eine politische Philosophie nimmt freiwillige Beziehungen so ernst wie der Libertarismus. Menschen sollen miteinander handeln, Verträge schließen, Unternehmen gründen, Gemeinschaften bilden, helfen, schenken, spenden, lieben, arbeiten und zusammenleben dürfen, solange sie andere Menschen nicht dazu zwingen, daran teilzunehmen. Jeder Austausch bildet eine Win-Win-Situation. Doch was geschieht mit Menschen, die gar nicht so autonom sein wollen, wie es das libertäre Ideal voraussetzt? Mit den Schafen, die eine Herde, einen Hirten und einen Hirtenhund wollen, der ihnen die Grenzen aufzeigt? Zwingen wir sie zum Umdenken, zur Veränderung, zur Reife? Und falls ja, wollen wir dann auch einen „neuen Menschen“, wie alle Ismen, die das Gegenüber entlang des eigenen Systems kompatibel machen wollen? Rein praktisch gedacht fallen in dem Augenblick, in dem alle ihr Geld behalten können, nicht mehr so viele durch das Netz. Persönliche Solidarität würde einsetzen, Familien und Freundeskreise sich gegenseitig helfen. Für jene, die tatsächlich niemanden haben, könnte das kollektive Budget eines Minimalstaats reichen, der im Optimalfall rein lokal organisiert wird. Doch was, wenn nicht? Und was, wenn die sozial Abgehängten versuchen, sich einfach zu nehmen, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht? Möglich, dass auch der Libertarismus das Individuum überschätzt, das er befreien möchte.
Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit
Theoretisch hervorragend. Wer libertär denkt, entdeckt überall Möglichkeiten, die vorher unsichtbar waren. Muss das wirklich der Staat machen? Könnten Menschen das nicht selbst organisieren? Warum darf ich über mein Eigentum nicht verfügen? Warum brauche ich dafür eine Genehmigung? Warum soll jemand in Berlin entscheiden, was zwei Menschen in der Oberpfalz oder auf Amrum freiwillig miteinander vereinbaren? Solche Fragen können geistig außerordentlich befreiend sein. Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges. Hat man erst einmal lange genug libertär gedacht, kann auch der Libertarismus zur Brille werden, durch die man alles betrachtet. Ausnahmslos alles. Kein Argument eines andersdenkenden Gegenübers dringt mehr zu einem durch. Die Schablone ist fertig und lässt keine Beobachtungen über menschliches Zusammenleben mehr durch, die unabhängig von ihren politischen Schlussfolgerungen auch richtig sein könnten. Wie der teils mit „religiösem Eifer“ betriebene Atheismus kann auch die Philosophie der geistigen Freiheit paradoxerweise selbst zum geistigen Gefängnis werden.
Reversibilität
Schwieriger als gedacht. Natürlich kann man jederzeit aufhören, libertäre Bücher zu lesen. Es gibt keinen Mitgliedsausweis, den man zurückgeben müsste, und keine Zentrale, bei der man seine Kündigung einreichen muss. Gedanken allerdings sind weniger reversibel als Abonnements. Ein überzeugter Libertärer wird den Pfad ebensowenig jemals wieder verlassen wie ein überzeugter Sozialist oder ein überzeugter Nationalkonservativer. Wie oben bereits angedeutet, wird er womöglich beginnen, auf seinen eigenen „neuen Menschen“ zu hoffen: einen vollkommen eigenverantwortlichen, rationalen und unabhängigen Bürger, der keine staatliche Fürsorge benötigt, freiwillige Vereinbarungen respektiert und für die Konsequenzen seines Handelns einsteht – und er wird bitter enttäuscht sein, diesen immer noch viel zu selten vorzufinden. Was er jetzt braucht, ist die tiefe Gelassenheit, sich sein eigenes Dasein so frei wie möglich einzurichten, mit Gleichgesinnten lauter kleine Liechtensteins zu bauen und zu hoffen, damit andere zu inspirieren. Dann bleibt er frei. Setzt er hingegen die Brechstange an, verliert er im Kampf für die Freiheit seine eigene. Denn Menschen für eine Theorie passend machen zu wollen, wäre vermutlich das Unlibertärste, was ein Libertärer tun könnte.
Fazit: 89 Prozent Freiheitsgrad
Der Libertarismus erreicht in seiner eigenen Freiheitsverkostung 89 Prozent. Selbstverständlich bleibt er die überzeugendste politische Philosophie, wenn das Ziel darin besteht, den einzelnen Menschen gegen Zwang, Bevormundung und übergriffige Macht zu verteidigen. Keine andere Denkschule stellt die Frage „Warum darf der andere das nicht selbst entscheiden?“ derart hartnäckig. Die fehlenden elf Prozent sind deshalb keine elf Prozent Sozialismus. Sie sind elf Prozent Demut. Die Erinnerung daran, dass Menschen widersprüchlich, abhängig, irrational und gemeinschaftsbedürftig sind. Dass eine freie Gesellschaft nicht dadurch entsteht, dass wir den perfekten Menschen für sie erschaffen. Und vor allem die Erinnerung daran, dass Freiheit größer sein muss als der Libertarismus. Denn spätestens, wenn ich einem anderen Menschen gar nicht mehr als Mensch begegnen kann, weil ich ihn schon allein anhand seines politischen Etiketts zu kennen glaube, hat mein Ismus aufgehört, mich zu befreien. Dann beherrscht er mich genauso wie jeder andere Ismus.
PS:
Professor Erich Weede war der Hochschullehrer eines gewissen André F. Lichtschlag, ohne den weder die Freiheitsfunken noch eigentümlich frei überhaupt existieren würden. Besser war Staatsknete für eine Uni-Professur nie investiert. Im Sammelband „20 Jahre eigentümlich frei“ spricht Weede im ausführlichen Gespräch auch über das fehlerhafte Wesen des Menschen. „Menschen irren sich“, sagt er, „ununterbrochen. Wir alle, mich eingeschlossen. Nun gibt es eine Sorte Menschen, die sich allerdings noch häufiger irrt als andere. Das sind die Amtsträger. Weil sie weniger Zeit haben und weniger Anreiz zum Nachdenken. Denn das Merkmal von Amtsträgern ist ja, dass die Kosten ihrer Fehlentscheidungen von anderen getragen werden.“
Quellen:
20 Jahre eigentümlich frei. (Lichtschlag Buch 48)
Das libertäre Manifest: Zur Neubestimmung der Klassentheorie : Blankertz, Stefan: Amazon.de: Bücher
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