05. August 2026 06:00

Totalitarismus Das Allwesen in der Hosentasche

Wie der Umgang mit dem Smartphone über Ihre Souveränität entscheidet

von Oliver Gorus drucken

Smartphone: Zwischen Kontrolle und Selbstermächtigung
Bildquelle: Redaktion Smartphone: Zwischen Kontrolle und Selbstermächtigung

Am 9. Januar 2007 hat Steve Jobs in San Francisco eine neue Epoche der Leibeigenschaft eröffnet. Er nannte sie … iPhone.

Vorher war das Internet ein Ort, an den man ging. Man setzte sich hin, schaltete den Rechner an und betrat ihn. Seit diesem Tag ist der Ort kein Ort mehr, sondern ein Allwesen, das immer genau dort ist, wo Sie sind: Bei der Arbeit, im Stadion, im Zug, am Strand, im Wald, auf der Toilette, im Ehebett. Und mit dem Allwesen kamen die grauen Herren – Sie gehen neben Ihnen her, schauen stets über Ihre Schulter, sitzen genau hinter Ihnen, haben die Finger in Ihren Taschen, in Ihrem Geldbeutel und an Ihrem Hals.

Das Ding in der Hosentasche ist der effektivste Halsreif, den die Herrschaftsgeschichte je hervorgebracht hat. Zugleich ist es auch die schärfste Waffe und das praktischste Werkzeug, das freiheitsliebenden Individualisten je zur Verfügung stand. Die meisten spüren irgendwann den Reif um den Hals, aber zu wenige haben bislang gelernt, mit der Waffe und dem Werkzeug in der Hand so umzugehen, dass die eigene Souveränität wächst und die Untertänigkeit schrumpft.

Jeden Abend stecken Millionen ihren digitalen Halsreif an das Ladegerät. Sie kaufen ihm Hüllen, versichern ihn, updaten ihn und werden unruhig, sobald der Akku unter 20 Prozent fällt. Früher legte der Gutsherr den Eisenreif noch persönlich an. Heute erledigt der Leibeigene das selbst – sorgfältig, pünktlich und mit einer eigentümlichen Zärtlichkeit. Manche polieren ihn sogar.

Die grauen Herren, die das Smartphone als Herrschaftsinstrument missbrauchen, sind meistens unbekannt und abstrakt, sie sind „der Apparat“ und „das System“. Die mit den Politikern kooperierenden Plattformkonzerne entscheiden über die App-Stores, was auf dem Gerät laufen darf und was Sie sagen dürfen und was nicht. Staaten und EU-Bürokraten programmieren über Digital ID, Chatkontrolle und digitalen Euro den Zugriff auf Identität, Sprache und Geld. Geheimdienste greifen zu, bespitzeln und zersetzen, sobald die Rechtsgrundlage passend gemacht wurde. Zahlungssysteme können Transaktionen jederzeit stoppen, Banken können jederzeit Konten kündigen. Beamte können Sie morgens um sechs zwingen, Ihren Bademantel anzuziehen und die Demütigung einer Hausdurchsuchung über sich ergehen zu lassen. Das Smartphone ist ihre gemeinsame Schnittstelle. Standort, Mikrofon, Tastatur und die Daten, die der Nutzer selbst erzeugt, liefern den Herren alles, was sie zur Machtausübung brauchen.

Die Scholle reist mit. Im Mittelalter band sie den Menschen an ein Stück Land und ermöglichte so dem Herrn die Bewirtschaftung des bäuerlichen Untertans über Frondienste, den Zehnten und den Todtfall. Heute steckt die Scholle in der Hosentasche. Der Körper kann nach Südtirol, Thailand oder Buenos Aires reisen. Solange Identität, Geld, Netzzugang an das System gekoppelt sind, bleibt die Bindung. Digitaler Euro und Digital ID sind die portable neue Form des alten ortsgebundenen Feudalismus.

Der moderne Hörige liefert den Rohstoff gleich mit. Jede Suche, jeder Standort, jedes Gespräch, jedes Verweilen bei den Lieblingsvideos, jede Verzögerung beim Tippen veredelt die Kontrollsysteme. Wer so tagaus, tagein durch seinen Lieblingscontent bei Instagram scrollt, sich die Nachrichten bei der „Tagesschau“ abholt, an der Grenze seine digitale ID scannen lässt und überall mit dem Smartphone bezahlt, lässt die Knechtschaft in seinem Leben wachsen.

Dabei liegt im selben Gerät das Potenzial, Ihre Freiheit und Ihre Souveränität wachsen zu lassen. Unabhängige Kommentatoren und Podcaster schreiben und filmen Beiträge, wo immer sie sich gerade aufhalten, und erreichen damit Millionen Menschen jeden Tag – ohne staatliche Lizenz. Sie können sich Ihren Nachrichtenstrom selbst konfigurieren. Artikel und Kolumnen bei „Freiheitsfunken“ oder beim „Sandwirt“ lesen, so wie Sie das gerade ja machen. Wenn Sie möchten, können Sie sich die Zeit nehmen, sich ein eigenes Urteil über öffentliche Persönlichkeiten im langen ungeskripteten Gespräch mit Ben Berndt zu machen, anstatt Vorgekautes Talkshow-TV-Futter zu konsumieren.

Sie können in Online-Clubs und Gemeinschaften Gleichgesinnter eintreten, sich virtuell oder an realen Stammtischen treffen. Sie können Ihre Lieblings-Newsletter beziehen oder Veranstaltungen besuchen, über die Sie nur in Ihren bevorzugten Medien erfahren. Sie können mithilfe des Smartphones Kontakte erschließen, Freundeskreise aufbauen und Bekanntschaften pflegen, und zwar mit Leuten, die Sie weiterbringen, anstatt herunterzuziehen.

Sie können mit einem Familiengruppenchat Ihre Familienstrukturen stärken, indem alle Aktivitäten täglich koordiniert werden und alle Familienmitglieder auf dem Laufenden bleiben, was in der Familie passiert. Sie können sich mit dem Smartphone gezielt informieren und weiterbilden und selbst entscheiden, ob eine KI Sie verblöden oder Sie bei Ihrer Selbstbestimmung unterstützen darf.

Sie können mithilfe des Smartphones Unternehmen gründen und betreiben, die vor 2007 undenkbar wären. – All das tue ich selbst übrigens jeden Tag, sowohl als Initiator und Unternehmer als auch als Mitmacher und Kunde. Hier wird das Smartphone zum Produktionsmittel für Souveränität.

Knechtschaft oder Souveränität? Was zunimmt, ist heute eben auch eine Frage der Haltung zum Smartphone, zum Internet und den sozialen Medien, die sich im Alltag zeigt. Die einen polieren abends ihren Halsreif, weil alle das so machen, und fühlen sich in der Normalität und Konformität wohlig geborgen. Die anderen nutzen dasselbe Gerät als Werkzeug, um neben den staatlichen Zwangsstrukturen parallele private Strukturen aufzubauen und zu nutzen: parallele Medien, parallele Geschäfte, parallele Gemeinschaften, parallele Bildung. Im einen Fall wächst die Untertanenschaft. Im anderen Fall wächst die eigene Handlungsfähigkeit.


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