22. September 2026 18:00

Kino Coyote vs. ACME von 1990 bis 2026

Der coolste Protest aller Zeiten.

von Sascha Blöcker drucken

KI-überarbeitetes Bild vom Protest
Bildquelle: Eigenes Bild KI-überarbeitetes Bild vom Protest

Coyote vs. ACME

Es gibt Filme, die man uns vorenthalten wollte. Nicht, weil sie künstlerisch misslungen wären, nicht, weil das Publikum sie nicht verdient hätte, sondern weil sie in die kalte Rechnung einer Konzernstrategie passten. Coyote vs. ACME ist so ein Fall. Seine Entstehungsgeschichte ist bereits so absurd, so voller Ambosse und Fehlzündungen, dass sie selbst ein klassischer Looney-Tunes-Cartoon hätte sein können – nur dass diesmal der Road Runner Warner Bros. Discovery hieß und der Coyote das fertige Werk war. Nach dem Hin und Her, das ich Ihnen gleich schildern werde, bin ich dennoch dankbar, dass wir diesen Film bekommen haben.

Alles begann 1990 mit einem schmalen, aber genialen Text von Ian Frazier im New Yorker. Unter dem Titel „Coyote v. Acme“ stellte sich der Humorist vor, Wile E. Coyote verklage die ACME Corporation wegen all der defekten Produkte, die ihn jahrzehntelang in die Luft gejagt, von Klippen geworfen und unter Ambossen begraben hatten. Persönliche Verletzungen, Einkommensverlust, seelisches Leid – alles säuberlich in der Sprache einer Klage formuliert. Die Idee war so naheliegend und zugleich so bissig, dass Scott Rudin schon 1998 die Rechte kaufte. Warner Bros. jedoch gab damals keine Freigabe für die Looney-Tunes-Figuren. Die Option verfiel. Erst 2015 pitchte James Gunn die Geschichte erneut direkt bei Warner. 2018 nahm das Projekt Fahrt auf: Chris McKay als Produzent, später Dave Green als Regisseur, das Drehbuch landete schließlich bei Samy Burch. Gedreht wurde 2022 in Albuquerque. Der Film war fertig, der Kinostart für den 21. Juli 2023 angesetzt – und dann kam David Zaslav.

Warner Bros. Discovery strich den Termin, schob Barbie hinein und beschloss, den fast 72 Millionen Dollar teuren Film einfach abzuschreiben. Steuerersparnis: rund 30 Millionen. Es war der dritte Streich nach Batgirl und einem Scooby-Doo-Prequel über die junge Mystery Inc. Das Team erfuhr es erst nach den Dreharbeiten. Empörung folgte, Regisseure und Produzenten protestierten öffentlich. Warner öffnete den Verkauf, lehnte aber Angebote von Amazon, Netflix und Paramount ab, weil man plötzlich 70 bis 80 Millionen wollte – während man bereit gewesen war, ihn für 30 Millionen Dollar abzuschreiben. Die Logik eines Konzerns, der lieber vernichtet als freigibt. Erst anhaltender öffentlicher Druck und die mittlerweile legendäre Aktion eines Mannes im Kojotenkostüm vor den Studios führten dazu, dass Ketchup Entertainment den Film für etwa 50 Millionen übernahm. Capelight bringt ihn nach Deutschland. Was Warner uns verweigern wollte, läuft jetzt im Kino. Ein Underdog-Sieg par excellence – und genau das Thema des Films selbst. Auf einer Plattform wie Freiheitsfunken brauche ich natürlich nicht zu erklären, dass ein solches Abschreiben eines Films nur durch Steuern bzw. den Staat entsteht.

Die Handlung des Films

Die Handlung ist so simpel wie genial und zugleich erstaunlich aktuell. In einer Welt, in der Cartoonfiguren und Menschen ganz selbstverständlich nebeneinander leben, hat Wile E. Coyote nach Jahrzehnten gescheiterter Versuche, den Road Runner mit ACME-Produkten zu fangen, genug. Raketenschuhe, Magnete, Dynamit, Federbänder, unzählige Ambosse – alles explodiert, versagt oder fällt ihm auf den Kopf. Er sieht eine billige Fernsehwerbung für die kleinkarierte Anwaltskanzlei Avery, Jones & Maltese in Albuquerque und heuert den glücklosen Personal-Injury-Anwalt Kevin Avery an, gespielt von Will Forte. Avery ist der klassische kleine Fisch: Er lebt von schnellen Vergleichen, wirbt auf Plakatwänden mit „Been in a Cartoon Accident?“ und will vor allem keinen Ärger. ACME bietet 50.000 Dollar. Der Coyote zerreißt den Scheck. Er will den Prozess. Was folgt, ist ein Hybrid aus Gerichtsdrama, Whistleblower-Thriller und klassischer Looney-Tunes-Chaos-Komödie. ACME, angeführt vom aufgeblasenen Foghorn Leghorn als CEO und vertreten durch den aalglatten Konzernanwalt Buddy Crane, hat dunkle Geheimnisse. Hinter den angeblich nur „fehlerhaften“ Produkten steckt „Project Sisyphus“: Die Toons dienten jahrelang als Testsubjekte für Geräte, die später an Menschen verkauft werden sollten. Ihre Unverwüstlichkeit machte sie zu idealen Versuchskaninchen. Die Defekte waren Absicht. Der Coyote wird zum David gegen den Goliath-Konzern, der die Physik der Cartoon-Welt systematisch ausbeutet. Avery und seine idealistische Nichte und Praktikantin Paige (Lana Condor) müssen nicht nur gegen übermächtige Anwälte kämpfen, sondern auch Zeugen auftreiben – von Daffy Duck über Granny bis hin zu Bugs Bunny als Deep-Throat-Informant. Der Road Runner selbst wird irgendwann relevant, und was er zu sagen hat, verändert die Dynamik der klassischen Jagd für immer. Der Film bleibt dabei liebevoll gegenüber den alten Chuck-Jones-Regeln, ohne sie zu verklären. Der Coyote spricht kein Wort, kommuniziert nur über Schilder und Gesichtsausdrücke – und ist trotzdem die emotionalste Figur des Ensembles.

Hier kommt John Cena ins Spiel – und er ist hervorragend. Als Buddy Crane, dem muskelbepackten, arroganten ACME-Anwalt und ehemaligen Harvard-Rivalen Averys, spielt er gegen seinen gewohnten Hero-Typus. Der ehemalige Wrestler nutzt seine laternenartige Kieferpartie, den Stiernacken und das unerschütterliche Ego voll aus. Er ist der Typ, den man liebt zu hassen: überheblich, bedrohlich, komödiantisch präzise. Cena bedroht und erpresst sogar den armen Tweety und verkörpert den Konzernjuristen, der genau weiß, auf welcher Seite der Macht er steht. Seit Peacemaker wissen wir, dass er Timing besitzt; hier geht er voll rein und zeigt, dass er auch den Schurken mit Vergnügen spielt. Kein Action-Klotz, kein gutmütiger Hüne, sondern ein charismatischer Vertreter des Systems. Man sieht ihm an, dass er Spaß hat – und das überträgt sich. Cena stiehlt jede Szene, in der er zu sehen ist. Allein seine Performance ist diesen Film bereits wert.

Space Jam

Vergleiche zu Space Jam (Michael Jordan, nicht LeBron James) drängen sich auf, halten aber nicht so richtig stand. Die Prämisse ist eine gänzlich andere, und der Film spielt nahezu ausschließlich in der echten Welt und nicht in der Cartoonwelt. Die Toons sind hier keine Stars, sondern normale (wenn auch zweidimensionale) Bürger in einer Welt, in der Menschen und Cartoons koexistieren. Bugs Bunny ist Informant, nicht Legende. Foghorn Leghorn ist Konzernboss, nicht reiner Gag-Vogel. Der Film erinnert eher an Who Framed Roger Rabbit – dunkler, satirisierend, mit echten Stakes. Während Space Jam die Toons für den Sport und die Marke einspannte, lässt Coyote vs. ACME sie für sich selbst kämpfen. Die klassische Coyote-Road-Runner-Dynamik wird umgedreht: Der ewige Verlierer kämpft nicht mehr nur gegen die Schwerkraft und den Beep-Beep, sondern gegen ein System, das ihn absichtlich scheitern lässt.

Genau darin liegt die freiheitliche Pointe. Beharrlichkeit gegen Macht. Der Coyote gibt nie auf – und am Ende auch nicht der Film, den man uns streichen wollte. Warner wollte das fertige Werk begraben, um ein paar Steuermillionen zu sparen. Das Publikum und ein Independent-Verleiher haben es freigekämpft. Das ist keine romantische Hollywood-Geschichte, sondern ein realer Underdog-Sieg in einer Branche, die zunehmend von Controllern und Steuerberatern regiert wird. Coyote vs. ACME ist keine pure Nostalgie-Show, auch wenn er die Nostalgie gut bedient. Er ist eine Liebeserklärung an die Anarchie der alten Chuck-Jones-Cartoons.

Fazit

Der Film ist knapp 100 Minuten lang und manchmal etwas trocken in den Gerichtsszenen – jüngere Zuschauer könnten hier ein wenig das Interesse verlieren. Er ist mehr ein klassischer Familienfilm, der nicht wie Super Mario Galaxy permanent mit grellen Farben von der nicht existierenden Handlung abzulenken versucht. Doch gerade gegen Ende hat er überraschend berührende Momente. Er feiert die Looney Tunes, ohne sie zu verwässern, und zeigt, dass auch ein Kojote, der seit 1949 scheitert, am Ende etwas bewirken kann. Warner wollte den Film begraben. Das Publikum hat ihn freigekämpft. Genau wie Wile E. Coyote nie aufgibt, hat auch dieser Film nie aufgegeben, und allein die Geschichte hinter dem Film ist diesen Film wert.


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