02. Oktober 2026 10:00

Staatsvertragsentwurf German Authorities Are Planning Mass Surveillance of New Media on X and YouTube

Geplant sind Schnittstellen und Eingriffe bis zur Löschung

von Oliver C. Racke drucken

Medienaufsicht: Geplante automatisierte Kontrollen werfen Fragen zur Publikationsfreiheit auf.
Bildquelle: Redaktion Medienaufsicht: Geplante automatisierte Kontrollen werfen Fragen zur Publikationsfreiheit auf.

Die deutschen Landesmedienanstalten sollen nach einem Entwurf für einen Staatsvertrag über digitale Medien künftig Online-Plattformen wie X, YouTube und Instagram automatisiert überwachen können. Vorgesehen sind KI-gestützte Kontrollen, technische Schnittstellen bei den Plattformen und Eingriffe bis hin zu Blockierung, Untersagung und Löschung. Begründet wird das mit möglichen Verstößen gegen journalistische Sorgfaltspflichten, ohne dass diese Begriffe im Gesetz klar definiert wären.

Der Kern des Vorhabens liegt in einer Verschiebung von Kontrolle zu Vorabüberwachung. Wer Inhalte nicht erst bei einem konkreten Verdacht prüft, sondern flächig scannt, baut keine punktuelle Aufsicht auf, sondern eine Infrastruktur der Dauerbeobachtung. Das Problem liegt in der Anreizstruktur: Wenn Behörden maschinell nach Abweichungen suchen, werden unklare Kriterien zu Machtinstrumenten. Gerade dort, wo Begriffe wie „anerkannte journalistische Grundsätze“ offen bleiben, wächst der Spielraum für willkürliche Auslegung.

Besonders brisant ist, dass dieselben Stellen, die bereits heute gegen unliebsame Inhalte vorgehen, nun technisch aufgerüstet werden sollen. Aus einer punktuellen Eingriffsbefugnis wird ein Regime der fortlaufenden Kontrolle. Das verändert die Rolle der Aufsicht grundlegend. Sie reagiert nicht mehr nur, sie filtert vor. Damit verschiebt sich die Verantwortung von den Produzenten und Nutzern von Inhalten zu Behörden, die definieren, was als zulässige Information gelten soll.

Die Konsequenz ist ein klarer Freiheitsverlust. Plattformen sollen Schnittstellen bereitstellen, also die technische Infrastruktur für staatliche Prüfung mitliefern. Aus privater Kommunikation und publizistischer Tätigkeit wird ein überwacht nutzbarer Raum. Wer dort veröffentlicht, muss nicht nur mit Sanktionen rechnen, sondern mit einer abstrakten Vorzensur durch Bürokratie und Algorithmen. Das trifft nicht nur einzelne Beiträge, sondern das Klima insgesamt. Selbst legaler Widerspruch wird riskanter, wenn jeder Satz in ein Kontrollsystem einspeist.

Hinzu kommt der politische Missbrauch naheliegend in einer Ordnung, in der Behörden selbst darüber entscheiden, was „falsch“ ist. Wer die Definitionsmacht über Wahrheit und Journalismus an den Staat delegiert, öffnet keine Tür für Qualitätssicherung, sondern für Disziplinierung. Der angekündigte Kampf gegen Desinformation führt so zu mehr Informationsmacht bei denselben Institutionen, die längst gezeigt haben, dass sie unliebsame Stimmen nicht neutral behandeln. Der Eingriff erscheint technisch, verändert aber die Zuständigkeit tiefgreifend: von freier Publikation hin zu genehmigungsnaher Kommunikation unter Aufsicht.


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