Medienmacht: Springer ehrt Peter Thiel trotz Verstrickungen
Verflechtungen zu Palantir, Bilderberg und Politik
Peter Thiel und die Freiheit der Mächtigen
Und der panoptische Oskar geht an ...
Am 24. September 2026 erhielt Peter Thiel in Berlin den Axel Springer Award. Der Medienkonzern würdigte seinen Einfluss auf die digitale Welt und bescheinigte ausgerechnet dem Datenkraken Palantir eine wichtige Rolle bei der Stärkung demokratischer Widerstandskraft. Das ist eine bemerkenswerte Ehrung für einen Mann, der einst erklärte, Freiheit und Demokratie seien nicht miteinander vereinbar. Aber vielleicht muss man Demokratie erst gründlich durchleuchten, ausspionieren, beschnüffeln, psychometrisch vermessen, mit prädiktivem „Policing“ beglücken und am besten lückenlos und rund die Uhr überwachen, bevor man sie retten kann. Die passende Software wäre ja schon vorhanden – die übrigens auch dazu genutzt wird, aus den gesammelten Daten total demokratiefreundliche Wahlkampf-PsyOps, Manipulations- und „Nudging“-Strategien für das dumme „Stimmvieh“ zu basteln.
Eine fröhlich nepotistische Personalie vervollständigt das Bild:
Gestatten, Mathias Döpfner, Mitglied im Lenkungsausschuss der Bilderberg-Gruppe.
Gestatten, Peter Thiel, Mitglied im Lenkungsausschuss der Bilderberg-Gruppe.
In diesem Lenkungsausschuss, dem „inneren Zirkel“ der Gruppe, sitzen auch Palantir-Chef Alex Karp, der ganz stolz darauf ist, wie man mithilfe der von Palantir entwickelten Software Menschen aus großer Entfernung kinderleicht per Drohnenschlag töten kann, und der frühere Google-Chef Eric Schmidt. Man kennt sich also aus einem exklusiven Kreis, in dem sich Medienmacht, Großkapital und politischer Einfluss ein Stelldichein geben. Sie wissen ja, was der Volksmund sagt: Eine Hand wichst die andere. Wer darin machtelitären Nepotismus im weiteren Sinne erkennt, muss wenigstens keine familiäre Verwandtschaft konstruieren: Die Wahlverwandtschaft, ausgerichtet an gemeinsamen welt- und menschenbildlichen sowie herrschaftsmethodischen Interessen, genügt fürs Gruppenfoto. Eine Absprache über den verliehenen Preis ist damit nicht bewiesen; als Anschauungsunterricht in gegenseitiger Elitenbestätigung eignet sich die Konstellation allerdings perfekt. Fairerweise sei hinzugefügt: Ja nun, Nepotismus gibt es nicht nur unter Machteliten. Insofern kein Biggie.
Geboren wurde Thiel 1967 in Frankfurt am Main. Seine Familie zog früh in die USA; die beruflichen Stationen seines Vaters führten sie auch nach Südafrika und ins heutige Namibia, bevor sie sich in Kalifornien niederließ. Der mathematisch begabte Junge wurde ein starker Schachspieler. Später studierte er in Stanford Philosophie und Rechtswissenschaften und engagierte sich mit einer konservativen Studentenzeitung gegen den politischen Konsens auf dem Campus. Nach Tätigkeiten als Jurist und im Finanzgeschäft fand er im Silicon Valley das ergiebigere Spielfeld: Dort ließen sich Weltanschauung und Vermögensbildung miteinander verbinden (siehe dazu u. a. George Packer, „No Death, No Taxes“; Peter Thiel, „The Education of a Libertarian“).
1998 gründete Thiel mit Max Levchin und weiteren Partnern „Confinity“. Aus dem Zusammenschluss mit anderen „Techies“ und Investoren wie Elon Musk entstand das Unternehmen, das als PayPal bekannt wurde und 2002 an eBay ging. Der Verkauf lieferte Kapital für weitere Unternehmungen. Thiel wurde früher Facebook-Investor; er verhalf dem ehemaligen DARPA-Projekt namens „LifeLog“, das mit Zuckerberg als Frontmann fürs öffentliche Schaufenster einfach in Gesichtsbuch umbenannt wurde und anfangs strauchelte, zu weltweiter Berühmtheit. Thiel ist außerdem Mitgründer von Palantir; mit seinem „Founders Fund“ baute er seinen Einfluss als Risikokapitalgeber aus. Die sogenannte „PayPal-Mafia“ bezeichnet dabei natürlich keine nachgewiesene kriminelle Organisation, sondern ein ungewöhnlich erfolgreiches Gründer- und Investorennetzwerk. Zu seinem Umfeld gehören Musk, Reid Hoffman (LinkedIn) und David Sacks. Wer die nächste große Firma finanziert, sitzt häufig schon mit deren künftigen Geschäftspartnern am Tisch (mehr dazu bei Mark Goodwin, „Die Entwicklung des militarisierten Datenhändlers“; Whitney Webb, „Der Mann hinter Trumps VP-Wahl“, in deutscher Übersetzung auf meiner Webseite).
Palantir zeigt besonders deutlich, wohin solche Verbindungen führen können. Goodwin beschreibt den Übergang von PayPals Betrugserkennung zur Auswertung von Daten für Sicherheitsbehörden. Das 2003 gegründete Unternehmen erhielt früh Geld von „In-Q-Tel“, dem Beteiligungsunternehmen und Risikokapitalgeber der CIA. Damit war die Geheimdienstnähe keine bloße Vermutung über Kontakte auf Cocktailpartys, sondern Teil der Finanzierung. Webb und Goodwin arbeiteten zudem personelle und funktionale Kontinuitäten zum umstrittenen Pentagon-Programm „Total Information Awareness“ heraus: Politisch anstößige Überwachungsambitionen konnten in privatwirtschaftlichen Strukturen weiterleben. Kurz, sie wurden einfach „outgesourct“. Die belegten Verbindungen tragen diese kritische Frage.
Das Geflecht reicht inzwischen vom digitalen Lagebild bis zur Rüstungstechnik. So beschreibt Iain Davis z. B. Trae Stephens als ehemaligen Palantir-Mitarbeiter, Founders-Fund-Partner und Mitgründer von Anduril. Solche Personalunionen verbinden Investitionsentscheidungen mit der Entwicklung militärisch nutzbarer Produkte. Webb und Goodwin zeigen am Satellitenunternehmen „Satellogic“ eine weitere Verbindung: Palantir vereinbarte eine strategische Partnerschaft zur Nutzung von Satellitendaten (die u. a. zum Aufspüren von "Klimasündern" genutzt werden sollen), während Musks „SpaceX“ Starts übernimmt. Datenanalyse und Raumfahrt ergänzen sich so auch geschäftlich. Der gemeinsame Nenner ist der staatliche Bedarf an technisch überlegener Aufklärung – ein recht verlässlicher Kunde für Unternehmer, deren Milieu gern über den Staat schimpft (siehe Iain Davis, „Die praxianische Völkermord-Kill-Chain, Teil 1“; Webb/Goodwin, „Howard Lutnick und die Requirierung des Handelsministeriums“).
Thiels politische Vorstellungen erklären, warum ihn dieser Widerspruch offenbar wenig beunruhigt. 2009 schrieb er: „I no longer believe that freedom and democracy are compatible.“ Als Auswege aus der Politik betrachtete er neue Räume im Internet, auf den Ozeanen und im Weltraum. Dahinter steht eine folgenschwere Verschiebung: Freiheit soll weniger durch gemeinsam ausgehandelte Regeln gesichert werden als durch die Möglichkeit, sich ihrem Geltungsbereich zu entziehen. Wer die technischen Mittel und das Kapital dazu besitzt, hat dabei naturgemäß bessere Karten als der gewöhnliche Steuerzahler (siehe Peter Thiel, „The Education of a Libertarian“, 13.4.2009).
Hier liegen die Berührungspunkte zur „Dunklen Aufklärung“ („Dark Enlightenment“) und zu Curtis Yarvin ("Mencius Moldbug"), dessen Technologieunternehmen von Thiels „Founders Fund“ finanziert wurde. Yarvin entwirft politisch souveräne Gemeinwesen nach dem Muster von Unternehmen: Führung von oben, Bürger eher als Kunden denn als Mitentscheider. Davis deutet Thiels Verbindungen zu diesem Milieu als Ausdruck einer autoritären Neuordnung. Nicht jede These Yarvins lässt sich Thiel persönlich zuschreiben. Doch die Nähe ist erheblich genug, um nachzufragen, was ein gesellschaftliches „Update“ dieser Art mit unseren politischen Rechten machen würde (siehe Iain Davis, „Stadtstaaten ohne Grenzen, Teil 1“).
Hinzu kommt ein religiös wirkender Hintergrund, der in das übliche Bild des nüchternen Technikinvestors schlecht hineinpasst. Thiel ist stark vom Philosophen René Girard geprägt, dessen Überlegungen zu Nachahmung, Rivalität und Sündenböcken sein Denken beeinflussen. Er beschäftigt sich mit christlicher Apokalyptik und warnt vor einer Weltregierung, die aus der Angst vor existenziellen Katastrophen hervorgehen könnte. Davis arbeitet heraus, wie sich diese Vorstellungen mit Thiels Technikverständnis verbinden. Daneben steht sein Interesse an Lebensverlängerung und Kryonik, das James Corbett kritisch beleuchtete. Fortschritt soll hier möglichst auch die letzte Grenze verschieben: den Tod. (siehe I. Davis, „Das dunkle MAGA-Technat der Regierungskorporation, Teil 1“; Corbett, „Peter Thiel ist ein Vampir“ sowie mein Buch „Was ist Technokratie?“).
Während Thiel theoretisch nach Auswegen aus der Politik sucht, hat er praktisch erhebliche Summen in sie investiert. Er unterstützte Trump 2016 und gehörte dessen Übergangsteam an. Besonders eng ist seine Verbindung zu J. D. Vance: Dieser arbeitete bei „Mithril Capital“, erhielt Unterstützung für seine eigene Investmentfirma und profitierte im Senatswahlkampf 2022 von rund 15 Millionen Dollar, die Thiel einem unterstützenden Super-PAC zukommen ließ. Whitney Webb zeichnet diese Karriereförderung nach und verweist auf weitere Kontakte zu Musk und Sacks. Eine politische Personalreserve lässt sich offenbar ähnlich aufbauen wie ein Beteiligungsportfolio (W. Webb, „Der Mann hinter Trumps VP-Wahl: Es ist schlimmer, als Sie denken“).
Thiels Bedeutung liegt deshalb in der Verbindung seiner Rollen: Er finanziert Unternehmen, fördert Politiker und verkehrt in Gremien, in denen wirtschaftliche Macht auf öffentliche Deutungshoheit trifft. Zudem finanzieren vermögende „Techies“ seit Jahren kräftig politische Influencer, Agitatoren, Propagandisten und Gatekeeper in den „alternativen“ Medien, wo diese über die Zeit MAM-Kartelle gebildet haben (MAM: Mainstream Alternative Media). Auch das kann nicht überraschen, da einige der finanzstärksten Silicon Valley-Investoren, die der „Dunklen Aufklärung“ nahestehen, offen erklärt haben, sie wollten „die Neuen Medien übernehmen“. In einem Wort: Narrativkontrolle wird angestrebt.
Weshalb hier wieder einmal gefragt werden muss: Wer kontrolliert diejenigen, deren Firmen den Kontrollapparat ausstatten und deren Geld politische Karrieren ermöglicht? Der Springer-Abend lieferte darauf immerhin eine gesellschaftlich elegante Antwort: Man überreicht einander einen Preis. Das Publikum darf applaudieren; für die übrigen Fragen gibt es ja Experten.
Bis nächste Woche.
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