04. November 2026 11:00

Multipolarität revisited Was bleibt vom Versprechen der “Alternative”?

BRICS, Netzwerkstaaten und die gemeinsame Infrastruktur einer neuen Ordnung

von Axel B.C. Krauss drucken

Echte Multipolarität oder "Globales Technat"?
Bildquelle: Eigenes Bild Echte Multipolarität oder "Globales Technat"?

Mit der Vorstellung einer multipolaren Weltordnung verbindet sich bekanntlich eine weitreichende Hoffnung: Die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten soll einer ausgewogeneren Verteilung politischer und wirtschaftlicher Macht weichen. China, Russland, Indien und die weiteren BRICS-Staaten – mittlerweile BRICS+ – erscheinen dabei als Träger einer Entwicklung, die nationaler Souveränität wieder mehr Gewicht verschaffen könnte. Doch der Rückgang westlicher Dominanz und die behauptete Überwindung des westlichen Systems sind zwei verschiedene Vorgänge. Wer richtig beurteilen möchte, ob dabei eine echte Alternative entsteht, muss deshalb genauer betrachten, welche Finanzstrukturen, Eigentumsverhältnisse und Formen der Regierungsführung unter dem Begriff der Multipolarität zusammenfinden.

Die zentrale These der Kritik an dieser Entwicklung lautet: Während sich Macht geopolitisch tatsächlich auf mehrere Zentren verteilt, können die technischen und wirtschaftlichen Grundlagen ihrer Ausübung zunehmend vereinheitlicht werden. Staaten und regionale Bündnisse erhalten mehr Spielraum gegenüber Washington, während ihre Bevölkerungen in vergleichbare digitale Verwaltungs- und Finanzsysteme eingebunden werden. Die neue Ordnung wäre demnach – zumindest dem Etikett nach – durchaus multipolar, ohne deshalb automatisch auch mehrere grundsätzlich unterschiedliche Gesellschaftsmodelle anzubieten.

Dieser Zusammenhang ließe sich auch als Abfolge von Dezentralisierung und Rezentralisierung beschreiben. Zunächst gehen Zuständigkeiten auf mehrere regionale Bündnisse und Machtzentren über; Lieferketten und wirtschaftliche Beziehungen werden regional neu geordnet. Solche Pole müssen nicht einmal geografisch geschlossen sein, sondern können aus grenzüberschreitenden Partnerschaften bestehen. Die anschließende Rezentralisierung erfolgt dieser These zufolge über gemeinsame Finanz-, Daten- und Kontrollsysteme: Was politisch aufgeteilt wird, wird durch übergeordnete Regeln und deren technische Durchsetzung quasi „hinter den Kulissen“ der Multipolarität wieder zusammengeführt.

Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen dezentraler Ausführung und zentraler Regelsetzung. Staaten, Regionen und Städte können eigene Verwaltungen behalten, während eine gemeinsame digitale Infrastruktur prüft, ob ihre Vorgänge den vorgegebenen Anforderungen entsprechen. Durch künstliche Intelligenz gestützte Systeme sollen diese Überwachung und Koordination automatisieren. Eine solche Ordnung benötigte also keine einzelne Weltregierung: Ihre Steuerungsmacht läge bei den Instanzen, die verbindliche Standards, Zugangsrechte und programmierte Bedingungen festlegen. Multipolarität und eine erneute Konzentration von Macht wären in diesem Modell miteinander vereinbar.

Entgegen einer gerne kolportierten Behauptung stellen die BRICS wesentliche Institutionen der internationalen Ordnung nämlich nicht grundsätzlich infrage. Ihre gemeinsamen Erklärungen bekräftigen die Bedeutung der Vereinten Nationen und verlangen eine stärkere Vertretung bislang unterrepräsentierter Staaten. Auch nachhaltige Entwicklung, die digitale Transformation und der Ausbau digitaler öffentlicher Infrastruktur gehören zu ihren Zielen. Im Vordergrund steht damit eine veränderte Beteiligung an globaler Steuerung, nicht deren Abschaffung. Unter dem Begriff „Industrie 4.0“ beziehungsweise „Vierte Industrielle Revolution“ finden sich zudem sehr ähnliche technologische Entwicklungsziele wie in westlichen Programmen.

Auch Chinas Staatspräsident Xi Jinping verbindet Multipolarität ausdrücklich mit „Global Governance“. Beim „SCO Plus“-Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit am 1. September 2026 in Bischkek erklärte er, China trete für eine gleichberechtigte und geordnete multipolare Welt ein. Zugleich forderte er eine „gerechtere globale Governance“, eine Stärkung der Autorität der Vereinten Nationen sowie eine engere Abstimmung globaler und regionaler multilateraler Mechanismen. Internationale Regeln sollten gemeinsam festgelegt werden, die Länder des Globalen Südens mehr Mitsprache erhalten. Damit formulierte er Chinas Bekenntnis zur Mitgestaltung globaler Steuerung innerhalb einer multipolaren Ordnung.

Für die Frage, ob eine echte „Systemalternative“ entsteht, reicht es daher nicht aus, auf neue Bündnisse oder eine abnehmende Bedeutung des Dollars hinzuweisen. Entscheidend ist ebenso, wer die Regeln des Wirtschaftslebens festlegt und auf welcher Grundlage Menschen Zugang zu Geld, Eigentum und öffentlichen Leistungen erhalten. Eine größere Zahl einflussreicher Regierungen verändert zunächst mal nur die Verteilung von Macht zwischen Staaten. Ob gleichzeitig die Entscheidungsfreiheit ihrer Bürger wächst, ist damit aber noch nicht beantwortet.

Eine ganz besondere Bedeutung, die bislang nicht deutlich genug analysiert wird, kommt dabei den internationalen Finanzstandards zu – denn sie wirken unterhalb der offiziös sichtbaren Auseinandersetzungen zwischen Regierungen. Risikomodelle, Berichtspflichten und Nachhaltigkeitskriterien beeinflussen, welche Projekte finanzierbar bleiben und welche Investitionen teurer werden. Die sich auf diese Betrachtungsebene richtende Kritik nimmt die Steuerungsfunktion solcher Vorgaben in den Blick: Politische Zielsetzungen werden in Kennzahlen übersetzt, Kennzahlen in Kreditbedingungen und diese wiederum in wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten. Unterschiedliche nationale Währungen ändern an diesem Mechanismus nämlich wenig, solange die beteiligten Finanzsysteme vergleichbaren Regeln folgen.

Eine technische Weiterentwicklung dieser Ordnung wird unter dem Begriff „Finternet“ bereits diskutiert. Das von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – BIZ – vorangetriebene Konzept zielt auf die Verbindung bislang getrennter Finanzsysteme: Digitales Geld, tokenisierte Vermögenswerte und automatisierbare Transaktionen sollen über kompatible Infrastrukturen zusammengeführt werden; das Zauberwort in diesem Kontext lautet „Interoperabilität“. Tokenisierung bedeutet dabei, Ansprüche auf Vermögenswerte in digital übertragbaren Einheiten abzubilden. Das kann Wertpapiere ebenso betreffen wie Immobilien oder andere Eigentumsrechte.

Die Tragweite liegt nicht allein darin, Zahlungen schneller abzuwickeln – das allein wäre ja ein durchaus lobenswertes Ziel. In einer programmierbaren Finanzarchitektur lassen sich Identitätsnachweise und Bedingungen unmittelbar mit Transaktionen verknüpfen. Ein System kann dann vor der Ausführung prüfen, ob eine Zahlung zulässig ist, ob bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind oder ob ein Beteiligter ausgeschlossen wurde. Regeln werden dadurch zu festen Bestandteilen der technischen Abwicklung. Welche Bedingungen tatsächlich eingebaut werden – genau das bleibt eine Frage der politischen und wirtschaftlichen Verfügung über diese Infrastruktur.

Für ein solches Finanznetz ist also weder eine einzige Weltwährung noch eine einzige globale Datenbank erforderlich. Unterschiedliche Währungen und regionale Plattformen können nebeneinander bestehen bleiben, sofern sie miteinander arbeiten und gemeinsame Vorgaben umsetzen. Gerade darin liegt der Zusammenhang mit Multipolarität: Die nach außen sichtbare Vielfalt der Teilnehmer kann mit einer weitgehenden Vereinheitlichung der zugrunde liegenden Verfahren auf technischer Ebene einhergehen. Macht verschiebt sich dann zu denjenigen Institutionen und Unternehmen, die Zugangsbedingungen festlegen, technische Standards bestimmen und die entscheidenden Schnittstellen betreiben.

Eine räumliche beziehungsweise geografische Entsprechung dieser Entwicklung findet sich in den Konzepten der Netzwerkstaaten. Gemeint sind damit digital organisierte Gemeinschaften, die Kapital sammeln, Land erwerben und eigene Verwaltungsstrukturen aufbauen sollen. Ihr Anspruch reicht über die Gründung einer weiteren Onlineplattform hinaus: Angestrebt werden territoriale Standorte mit besonderen rechtlichen Befugnissen und langfristig politischer Anerkennung. Projekte aus dem Umfeld von „Praxis“ und Investoren wie Peter Thiel verbinden diese Vorstellung mit einem Netz unternehmerisch organisierter Städte.

Sogenannte „Sonderwirtschaftszonen“ und „Charter Cities“ bieten hierfür mögliche Ansatzpunkte. Besondere Steuer- und Investitionsregeln können um weitreichende Zuständigkeiten für Verwaltung, Infrastruktur und Sicherheit ergänzt werden. Je mehr öffentliche Funktionen auf Betreiber übergehen, desto stärker verändert sich das Verhältnis zwischen Bewohnern und politischer Autorität. Im Modell „Governance as a Service“ – GaaS – wird Verwaltung als technische Dienstleistung organisiert. Die Bewohner treten den Anbietern zunehmend als Kunden gegenüber, während die Regeln des Zusammenlebens durch Verträge, Plattformbedingungen und programmierte Verfahren geprägt werden.

Damit wiederum verbindet sich die Idee eines „Digital Nation Stack“, also eines aufeinander abgestimmten technischen Unterbaus für Identität, Zahlungsverkehr, Datenaustausch und Verwaltungsleistungen. Künstliche-Intelligenz-Systeme sollen Abläufe koordinieren und Entscheidungen innerhalb vorgegebener Regeln ausführen. Die Frage ist, ob dadurch wirklich mehr Freiheiten entstehen oder nur eine neue Form der Technokratie: Gesellschaftliche Steuerung erfolgt über die datenbasierte Zuteilung von Ressourcen und Zugangsrechten. Die maßgebliche Autorität liegt zunehmend bei denjenigen, die diese Systeme entwerfen und kontrollieren. Genau das aber stand schon in den 1930er Jahren auf dem Fahrplan der technokratischen Bewegung, die damals ihren Hauptsitz in den Vereinigten Staaten hatte („Technocracy, Inc.“): Die Verwaltung von Menschen, Ressourcen, Eigentums- beziehungsweise Zugangsrechten und so weiter durch eine „wissenschaftlich-technische Elite“.

Vereinzelte geopolitische Konkurrenz schließt diese Entwicklung nicht aus, im Gegenteil: Sonderwirtschaftszonen, intelligente Städte – „Smart Cities“ – und digital vernetzte Lieferketten werden in unterschiedlichen politischen Lagern gefördert. Die chinesische „Digitale Seidenstraße“ und westlich unterstützte Infrastrukturprogramme setzen gleichermaßen auf Datenzentren, Kommunikationsnetze und automatisierte Logistik. Im Nahen Osten überschneiden sich zudem Handelswege und Investitionsbeziehungen stark, die in politischen Darstellungen häufig getrennten Machtblöcken zugeordnet werden. Regionale Konkurrenz kann somit innerhalb eines ähnlichen technischen und wirtschaftlichen Modells stattfinden.

Kriege und Versorgungskrisen wie zum Beispiel die durch den Irankrieg ausgelöste Verteuerung von Energieträgern erscheinen in dieser Sichtweise zugleich als Beschleuniger des Umbaus. Unterbrochene Handelswege und steigende Energiepreise erhöhen den Druck, neue Korridore zu schaffen und Lieferketten regional abzusichern. Sicherheitsbedürfnisse wie nach den jüngsten Unruhen in Frankreich und auch einigen anderen europäischen Ländern erleichtern den Ausbau von Überwachung und zentraler Koordination. Manche sehen in einigen dieser Konflikte sogar ein Mittel, um diesen Umbau gezielt voranzutreiben. Ihre Kernthese lautet, dass militärische Gegnerschaft und übereinstimmende Interessen an bestimmten Punkten von Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen nebeneinander bestehen können.

Konkreter „Anwendungsfall“: Im zerstörten Gazastreifen verdichten sich diese Fragen tatsächlich in den vorliegenden Wiederaufbaukonzepten. Neben der Wiederherstellung von Wohnungen und Versorgung geht es um die künftige Verwaltung des Gebietes, seine wirtschaftliche Ausrichtung und die Verfügung über Grund und Boden. Die unter Bezeichnungen wie GREAT und „Project Sunrise“ vorgestellten Entwürfe sehen eine umfassende Umgestaltung zu einem Investitions-, Technologie- und Handelsstandort vor. Der Wiederaufbau wird damit zugleich zum Projekt einer neuen politischen und ökonomischen Ordnung.

Zu den beschriebenen Elementen gehören eine Sonderwirtschaftszone, die Beteiligung privater Investoren und eine technokratische Verwaltung unter externer Aufsicht. Vorgesehen sind digital gesteuerte Städte, Rechenzentren, Produktionsanlagen und touristisch erschlossene Küstenabschnitte. Öffentliche Zuschüsse und Garantien sollen Investitionen ermöglichen und Risiken abdecken. Der Zugang zu Grundstücken sowie die Nutzung der Küste bilden wesentliche Bestandteile der wirtschaftlichen Planung. Die Region soll in übergreifende Handels- und Infrastrukturverbindungen zwischen Europa, den Golfstaaten und Asien eingebunden werden.

Besonders weit reichen die beschriebenen digitalen Komponenten. Leistungen und wirtschaftliche Aktivitäten sollen über identitätsgebundene Systeme abgewickelt werden. Hinzu kommen Konzepte für biometrische Zugangskontrollen, überwachte Wohngebiete und den Einsatz privater Sicherheitsunternehmen. Eigentumsansprüche sollen teilweise über Blockchainregister erfasst und in handelbare Anteile zerlegt werden. Damit berühren die Pläne nahezu alle Bereiche des Alltags: Wohnen, Bewegung, Versorgung, Zahlungsverkehr und die rechtliche Zuordnung von Besitz.

In dieser Verbindung wird Gaza als möglicher Netzwerkstaat interpretiert. Die Gemeinsamkeit liegt in der Zusammenführung besonderer Verwaltungsrechte, privater Finanzierung, digitaler Identität und programmierbarer wirtschaftlicher Teilhabe. Der Wiederaufbau wäre dann zugleich der Aufbau eines Systems, in dem wesentliche Lebensbedingungen von technischen Zugangsregeln abhängen. Dabei handelt es sich um Entwürfe und Entwicklungsperspektiven; ihre vollständige Umsetzung ist damit nicht vorweggenommen.

Auch der von der Arabischen Liga unterstützte Wiederaufbauplan enthält digitale Verwaltung, intelligente Infrastruktur und durch künstliche Intelligenz gestützte Dienstleistungen. Unterstützung findet dieser Ansatz sowohl bei China und Russland als auch bei europäischen Regierungen. Die Unterschiede zwischen den Plänen betreffen damit unter anderem Zuständigkeiten, Finanzierung und politische Einbindung, während sich technologische Grundelemente überschneiden. Daneben steht mit „Phoenix Gaza“ ein von palästinensischen Fachleuten erarbeiteter Ansatz, der Eigentumsrechte und die Beteiligung der Bevölkerung stärker hervorhebt. Gerade dieser Unterschied lenkt den Blick auf die Frage, wessen Entscheidungsrechte der Wiederaufbau absichert.

Summa summarum: Die Frage nach einer Alternative zum Westen lässt sich deshalb nicht allein anhand der Zusammensetzung internationaler Bündnisse beantworten. Die BRICS können westliche Vormacht begrenzen und ihren Mitgliedern mehr Einfluss verschaffen. Daraus folgt jedoch noch kein Bruch mit einer Ordnung, in der staatliche Institutionen und große Unternehmen gemeinsam Finanzströme, Infrastruktur und gesellschaftliche Zugänge organisieren und kontrollieren.

Der rote Faden zwischen Finternet, Netzwerkstaaten und den Gaza-Plänen liegt in der Verbindung von politischer Neuordnung und technischer Vereinheitlichung. Unterschiedliche Machtzentren können innerhalb derselben Infrastruktur handeln, während die Verfügung über deren Regeln konzentriert bleibt. Unter diesen Voraussetzungen bezeichnet Multipolarität vor allem eine Neuverteilung von Zuständigkeiten und Einfluss. Als Bezeichnung für eine grundsätzliche Alternative zum bestehenden System trüge sie jedoch nur dann, wenn sich auch die Verfügung über Eigentum, Ressourcen und politische Entscheidungen verändert. Ein Wechsel der führenden Staaten allein erfüllt diese Voraussetzung nicht. Die Frage muss daher auch lauten, ob die Regionalisierung tatsächlich eigenständige Entscheidungsräume eröffnet oder lediglich eine Zwischenstufe zur Rezentralisierung auf der Ebene gemeinsamer Systeme bildet. Daher sollte die große Erzählung von der „Multipolaren Weltordnung“ als vorgeblicher Alternative zur bisherigen unipolaren mit Vorsicht genossen werden: Entsteht unter ihrem „Schleier“ womöglich eine neue Unipolarität auf finanzsystemischer beziehungsweise -technisch-infrastruktureller Ebene?

Bis nächste Woche.


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