01. März 2024 11:00

Weltliteratur Wer regiert wen?

80 Jahre nach „The Road to Serfdom“ (Teil 9)

von Carlos A. Gebauer (Pausiert)

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Bildquelle: Sharomka / Shutterstock Früh indoktriniert sich am leichtesten: Sozialisten „engagierten“ sich schon immer gerne in der Erziehung und Ausbildung der Jüngsten

Nachdem die systematisch zwangsläufige Notwendigkeit des übergriffig Totalitären und des kompromisslos Diktatorischen in einer planwirtschaftlich organisierten Gesellschaft beschrieben sind, widmet sich Hayek folgerichtig der anschließenden Frage, wer denn in einer solchen Konstruktion die Regierungsmacht über wen ausübt.

Hierzu blendet er zu Kontrastzwecken zunächst noch einmal zurück auf die Differenz zwischen einer staatlich geplanten und einer freiheitlich selbstorganisierten Struktur: „Wir haben die Wahl zwischen einem System, in dem der Wille einiger [mächtiger] Personen darüber entscheidet, wer etwas bekommt und was genau das ist, und einem solchen, in dem dies mindestens zum Teil von der Fähigkeit und dem Unternehmergeist der Betreffenden abhängt und zum Teil von unvorhersehbaren Umständen.“ Wenn nämlich nicht mehr die dezentral an vielen Stellen gefassten Beschlüsse unterschiedlicher Individuen über die Gegenstände ihrer Produktion und die Art ihres Konsums entscheiden, sondern ein von wenigen machtvollen Personen zentral ausformulierter Gesamtplan, dann wird die Zuteilung von Produktionsmitteln und ihren Ergebnissen plötzlich zur alles vorherbestimmenden Frage. Und diejenigen, die auf diese Frage die Antworten geben, haben dann eine gesellschaftliche Steuerungsfunktion, die es zuvor gar nicht gab.

„Sozialisten vergessen, dass sie durch Übertragung des gesamten Eigentums an den Produktionsmitteln auf den Staat genau diesen Staat in eine Lage versetzen, in der seine Politik tatsächlich über die Einkommen aller anderen bestimmen muss. Es wäre falsch, dabei anzunehmen, dass es sich hierbei um eine bloße Verschiebung einer schon bestehenden Macht vom Individuum auf den Staat handelt. Es ist vielmehr eine Macht, die ganz neu geschaffen wird und die in einer Marktwirtschaft gar niemand besitzt.“

Das Entstehen dieser qualitativ ganz neuen Machtposition in einer Planwirtschaft zerstört sodann zwangsläufig auch die vorher noch gegebenen individuellen Entscheidungs- und mithin Freiheitsspielräume: „Weil die Herrschaft über die Produktionsmittel sich [in einer freiheitlichen Ordnung] auf viele verschiedene Menschen verteilt, die unabhängig voneinander handeln, sind wir dort niemandem ausgeliefert, so dass wir als Individuen entscheiden können, was wir tun und lassen können. Befänden sich aber sämtliche Produktionsmittel in nur einer Hand, dann hätte derjenige, der gerade diese Herrschaft ausübt, uns vollständig in seiner Gewalt.“ Gibt es hundert Bäcker in einer Stadt, dann ist es für den Einzelnen ungefährlich und unschädlich, wenn fünfzig dieser Bäcker ihn nicht mögen, denn er kann sein Brot ohne Weiteres bei einem der anderen fünfzig kaufen. Gibt es aber nur eine einzige Bäckereigesellschaft mit untergeordneten Filialen, dann schneidet der Boykott eines Kunden diesen vollends von der Brotversorgung ab. Greift dieser Mechanismus nicht nur für Bäckereien, sondern für alle Güter des Lebensbedarfes, liegt die Freiheitszerstörung auf der Hand: Die neue Macht der Bürokraten hat das Potenzial, den Einzelnen in allen seinen Lebensbereichen völlig zu steuern und zu beherrschen.

Fatal ist, dass sensiblere Sozialisten diesen Ablauf bereits selbst erkannt hatten. Hayek zitiert den amerikanischen Schriftsteller Max Forrester Eastman (1883–1969), dessen Erkundungen des Sozialismus und Kommunismus in der Theorie und Praxis ihn schließlich feststellen ließen: „Marx ist es, der uns im Hinblick auf die Vergangenheit darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Entwicklung des Privatkapitalismus und der freien Marktwirtschaft eine Vorbedingung für die Entwicklung aller unserer demokratischen Freiheiten gewesen ist. Es ist ihm jedoch nie in den Sinn gekommen, dass jene anderen Freiheiten mit der Abschaffung des freien Marktes verschwinden könnten.“

Die Mutation des frei disponierenden Bürgers in einen um behördliche Gunst buhlenden Untertanen ist in diesem Kontext schlechterdings unausweichlich: „In einer Planwirtschaft werden wir alle wissen, dass es uns besser oder schlechter geht als anderen, weil eine Behörde es so will. Und unsere Anstrengungen, die wir zur Verbesserung unserer Lage unternehmen, werden sich darauf richten müssen, uns die Obrigkeit, die die gesamte Macht besitzt, günstig zu stimmen.“ Damit ist das Thema eingegrenzt, das den Kern dieses Kapitel bildet: Wer regiert wen?

„Sobald der Staat die Planung des gesamten Wirtschaftslebens übernimmt, ist es unvermeidlich, dass die Frage, welche Stellung den einzelnen Individuen und Gruppen zukommt, zum Kernproblem der Politik wird. Die allein erstrebenswerte Macht besteht nun in einem Anteil an der Ausübung dieser obersten Gewalt.“ Diese bittere handlungslogische Konsequenz hat sogleich auch eine handfeste staatsorganisatorische Folge: „Der Gegensatz zwischen einem liberalen System und einer totalen Planwirtschaft findet eine treffende Illustration in der den Nationalsozialisten und den Sozialisten gemeinsamen Forderung nach dem Primat der Politik über die Wirtschaft.“ Die politische Werteskala präjudiziert mithin die materielle Güterverteilung. Kommt es zu Meinungsverschiedenheiten über die politischen Ideale, gerät das gesamte Machtgefüge ins Rutschen.

„Schwierigkeiten treten hervor, wenn eine sozialistische Politik in der Realität versucht wird. Dann wird es nämlich bald zu einzigen brennenden Frage, welches System von Idealen allen auferlegt werden soll, damit die gesamten Produktivkräfte eines Landes genau diesen dienstbar gemacht werden.“ Liest man diese Sätze aus der Perspektive des Jahres 2024, zeigt sich der geradezu prophetische Charakter der Überlegungen Hayeks. Denn aktuell werden, jedenfalls in Deutschland, die gesamten Produktivkräfte des Landes in einer ökologischen Transformation zur Verfolgung politischer Umweltideale umgeformt. Dass dabei jene Akteure auch zu materiellen Gewinnern werden, die sich mit dieser Werteskala einig zeigen, kann mithin nicht erstaunen.

Diejenigen, die an dieser Profitmaximierung durch politische Umverteilung noch nicht akut teilhaben, werden durch entsprechende Indoktrination für ihre künftige Rolle vorbereitet. Hayek formuliert es so: „Bei den Sozialisten ist es Tradition, die Lösung des Problems von der Erziehung zu erhoffen. Tatsächlich erkannten überall die Sozialisten, dass die Aufgabe, die sie sich gestellt hatten, die allgemeine Annahme einer gemeinsamen Weltanschauung erfordert. In diesem Bestreben schufen die Sozialisten als erste Instrumente zur geistigen Abrichtung, von denen dann die Nationalsozialisten und Faschisten so wirksam Gebrauch gemacht haben.“

Hayek analysierte auch, dass die ursprüngliche Beherrschung eines solchen Machtsystems allenfalls so lange gelingen kann, wie die Aufspaltung der Gesellschaft in übersichtliche Klassen erhalten bleibt. „Der Theorie und der Taktik des Sozialismus liegt überall der Gedanke einer Teilung der Gesellschaft in zwei Klassen miteinander widerstreitenden Interessen zugrunde, die Scheidung in Kapitalisten und Arbeiter.“ Diversifiziert sich diese Zweiheit indes im weiteren Meinungsstreit, wird die Lage schnell fragil und unübersichtlich. Denn das gesellschaftliche Steuerungsmittel in Gestalt der Subvention politisch gefälliger Gruppen „versagt den Dienst, wenn alle unterstützt werden sollen“. Insoweit sind rivalisierende Gruppen nur eine folgerichtige Konsequenz der planwirtschaftlichen Umverteilung. Das machtvoll gesteuerte Herrschaftssystem spaltet Gesellschaften und trennt Menschen voneinander, statt friedliche Kooperation und Koopetition zu ermöglichen.

(wird fortgesetzt)


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