21. März 2024

Geldpolitik Schaffen Zentralbanken Stabilität?

Das Gegenteil ist der Fall

von Olivier Kessler

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Bildquelle: rtbilder / Shutterstock Weitverbreiteter Irrglaube: Zentralbanken sorgen für „sicheres“ Geld

Zwar ist das Bewusstsein für die erheblichen Schäden einer Konsumentenpreisinflation ein Fortschritt gegenüber früheren geldpolitischen Experimenten – vor allem in Form von politisierten Zentralbanken, die Ersparnisse innert kürzester Zeit vernichtet und Volkswirtschaften ruiniert haben. Einer der verhängnisvollsten Mythen bleibt dennoch die Vorstellung, Zentralbanken könnten und müssten mit ihren Interventionen die Preisstabilität sichern, was die Gesamtstabilität des Finanzsystems garantiere.

Dahinter verbirgt sich das nachvollziehbare Bedürfnis nach einer möglichst beständigen Entwicklung der Wirtschaft. Die Europäische Zentralbank (EZB) formuliert es auf ihrer Internetseite so: „Die Gewährleistung stabiler Preise ist der beste Beitrag, den die Zentralbanken zur Verbesserung des individuellen Wohls aller leisten können.“ Und auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) schreibt auf ihrer Website: „Preisstabilität ist eine wesentliche Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand.“ Doch die Vorstellung, wonach stabile Preise anzustreben seien, ergibt sich nur aufgrund der Gefahren der Inflationierung, die von politisierten Zentralbanken ausgehen. Es handelt sich also um ein planwirtschaftliches Ersatzziel zur Vermeidung eines größeren Übels, das allerdings der wohlstandsschaffenden freien Preisbildung auf Märkten widerspricht.

Preise haben in einer Marktwirtschaft die elementare Funktion der Übermittlung sozialen Wissens und dezentral verstreuter Informationen. Sie sind entscheidende Voraussetzung der gesellschaftlichen Koordination und Kooperation. Preise mittels staatlicher Intervention zu „stabilisieren“ und damit zu verfälschen, muss notwendigerweise zu suboptimalen Ergebnissen führen, weil damit dieser Informationsaustausch verzerrt oder unterbunden wird.

So wichtig Preise für die gesellschaftliche Koordination auch sind, so wenig interessieren sich die Individuen für ein wie auch immer geartetes generelles „Preisniveau“, das zur Messung der Preisstabilität herangezogen wird. Der Begriff impliziert, dass alle Preise stets miteinander fallen oder steigen. In Wahrheit verändern sich Preise niemals im Gleichschritt und zur gleichen Zeit.

Der Preis eines Gutes ergibt sich einerseits aus Angebot und Nachfrage nach dem jeweiligen Gut und andererseits aus Angebot und Nachfrage nach jenem Geld, in dem der Preis des Gutes ausgedrückt wird. Der Geldwert, auf den Zentralbanken Einfluss nehmen können, trägt zwar zur Höhe des Preises bei, zu dem ein Gut gehandelt wird, aber er ist bei Weitem nicht die allein entscheidende Komponente.

Weil sich beim Angebot und der Nachfrage große Unterschiede zwischen den einzelnen Produkten und Dienstleistungen ergeben – etwa aufgrund sich ändernder menschlicher Bedürfnisse oder auftretender Knappheit von Ressourcen –, kann auch die Preisentwicklung über alle Güter hinweg gesehen nicht dieselbe sein. So kann es gut und gerne vorkommen, dass beispielsweise der Preis eines knapper werdenden und nachgefragten Gutes steigt, während gleichzeitig ein anderes Gut im Preis sinkt, bei dem die Nachfrage nachlässt oder das Angebot größer wird.

Das „Preisniveau“ ist deshalb ein wenig brauchbares Aggregat, um die Stabilität der Wirtschaftsentwicklung zu messen. So könnten auf die Preisstabilität fokussierte Analysten selbst beim Auftreten schlimmster Verwerfungen meinen, es herrsche perfekte Stabilität, wenn sich beispielsweise die Preise der einen Hälfte aller Güter über Nacht halbieren und die Preise der anderen Hälfte verdoppeln.

Der Fokus auf die Preisstabilität verleitet zudem zu verheerender Blindheit hinsichtlich der negativen Effekte einer interventionistischen Geldpolitik, welche die Preise stabilisieren will: Womöglich ändert sich der statistische Durchschnitt von allen gemessenen Preisen für den Moment nicht, wenn die Zentralbank und das ihrem Regime unterstellte fraktionale Reservesystem neues Geld in Umlauf bringt. Das bedeutet jedoch nicht – wie viele Ökonomen meinen –, dass die Geldschöpfung keine Preisverzerrungen und ungerechten Umverteilungseffekte zur Folge hätte.

Dies zeigt etwa ein Blick nach Japan, das seit den 1990er Jahren eine ultraexpansive Tiefstzinspolitik fährt. Auf den ersten Blick könnte man zum Schluss kommen, dass da bislang alles gut gelaufen sei. Doch der erste Eindruck täuscht. Das durchschnittliche Lohnniveau fällt seit 20 Jahren. Mehr Frauen treten in den Arbeitsmarkt ein, um den Lebensstandard der Familie zu halten. Der Anteil der prekären Teilzeit- beziehungsweise befristeten Beschäftigungsverhältnisse hat sich seit Mitte der 1980er Jahre von 15 Prozent auf heute 40 Prozent mehr als verdoppelt.

Da durch das zusätzlich geschöpfte Geld die relativen Preise verändert werden, kommt es mit einer expansiven Geldpolitik zu einer Fehlallokation von Kapital und Arbeit, weil Projekte als lohnenswert erscheinen, die in Wahrheit gar nicht rentabel sind. Dies muss früher oder später zu entsprechenden Krisen und Korrekturen führen, die dann wiederum fälschlicherweise dem „freien Markt“ angelastet werden, obwohl in Wahrheit politische Interventionen dafür verantwortlich sind. Auf diese Zusammenhänge wies Ludwig von Mises in seinem 1912 erschienenen bahnbrechenden Klassiker Theorie des Geldes und der Umlaufmittel hin. Ein Zentralbanker, der lediglich die kollektive Größe der Preisstabilität im Blick hat, merkt nichts von den aufziehenden dunklen Gewitterwolken am Horizont und ist dann beim Auftreten einer vermeintlich „plötzlichen Krise“ „vollkommen überrascht“. Natürlich realisiert er dann auch nicht, dass es seine Geldpolitik war, die sich für das Ungemach verantwortlich zeichnet.

Sobald die Menschen einem staatlichen Geld-Monopolisten ausgeliefert sind – der sich nicht mehr groß um Wertstabilität bemühen muss, weil es keine Konkurrenz beim Geldangebot mehr gibt –, ist es auch mit der Enteignung der Bürger nicht mehr weit. So fällt die Bilanz hinsichtlich der längerfristigen Geldwertstabilität bei ausnahmslos sämtlichen staatlichen Währungen sehr unvorteilhaft aus – selbst bei den verhältnismäßig stabilen Kandidaten. Der US-Dollar etwa, der als robuste Referenzwährung gilt, verlor in den ersten 100 Jahren seit der Gründung der Federal Reserve über 95 Prozent seines Werts, was bedeutet, dass ein US-Dollar aus dem Jahr 1913 im Jahr 2013 de facto nur noch eine Kaufkraft von 0,05 US-Dollar aufwies.

Die Ansicht, wonach Zentralbanken der Wirtschaft zu mehr Stabilität verhelfen, ist daher grundfalsch. Vielmehr stellen sie die wichtigste Quelle der Destabilisierung des Systems dar, genauso wie es Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest gefordert haben. Durch ihre laufenden Eingriffe und Rettungsaktionen tragen sie sogar dazu bei, dass sich die Geretteten in Zukunft noch riskanter verhalten, zumal sie bei einem Scheitern keine persönliche Verantwortung wahrnehmen müssten: Sie würden dann einfach wieder durch ein „Bail-out“ der Zentralbanken gerettet. Der wichtigste Beitrag zur Stabilisierung der Wirtschaft bestünde nicht darin, durch gesetzliche Interventionen ein künstliches Monopol durchzuboxen, sondern die Wahlfreiheit hinsichtlich des Geldes für alle Wirtschaftsteilnehmer zu garantieren und auf Eigenverantwortung statt auf kollektive Haftung zu setzen.


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