23. März 2024

Ökonomie Israel Kirzner und das Koordinationsproblem

Ein wertfreies Argument für den freien Markt?

von Karl-Friedrich Israel

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Bildquelle: Centro Mises Israel Meir Kirzner, geboren 1930 in London: US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler der Österreichischen Schule

Israel M. Kirzner ist einer der bedeutendsten lebenden Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Er war einer der einflussreichsten Schüler, die Ludwig von Mises nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika in den 1940er Jahren für seine Ideen begeistern konnte. Bis heute wird Kirzner unter Ökonomen der Österreichischen Schule immer wieder als möglicher Anwärter auf den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Ökonomie gehandelt. Vielleicht ist viel Wunschdenken dabei, aber die Bedeutung seiner Beiträge steht außer Frage. Im Jahre 1974, als Friedrich von Hayek den Nobelpreis gewann, gehörte Kirzner zusammen mit Murray Rothbard noch zur jüngeren, aber dennoch bereits etablierten Garde. Beide zählten zu den Teilnehmern der Konferenz von South Royalton in Vermont, die vor 50 Jahren stattfand und bis heute als Katalysator für die Wiederbelebung der Österreichischen Schule innerhalb der modernen Ökonomik gilt.

Viele Themen, die auf der Konferenz diskutiert wurden, sind auch heute noch relevant und teilweise umstritten, selbst unter Anhängern der Österreichischen Schule. Ein Element, das Kirzner von seinem Lehrer Mises mit innbrünstiger Überzeugung aufgriff, ist das Ideal der Wertfreiheit in den Wissenschaften. Mises war der festen Überzeugung, dass der Wissenschaftler seine eigenen Werturteile, die Moral, Ethik und Politik betreffen, in seiner Arbeit als Wissenschaftler beiseiterücken müsse. So sah es auch Kirzner, und er kritisierte seinen Mitstreiter Rothbard dafür, dass er nicht wertfrei argumentiere. Rothbards Verteidigung der freien Marktwirtschaft sei eine, die Werturteile voraussetze. Deshalb sei sie nicht objektiv wissenschaftlich. Auch viele andere Argumente für Märkte oder dagegen – mögliche Argumente für den Sozialismus oder Interventionismus – seien unwissenschaftlich, da sie subjektive Werturteile voraussetzten, die man nicht objektiv wissenschaftlich begründen könne.

Kann man also überhaupt ein strikt wertfreies Argument für irgendein politisches System formulieren? Kirzner glaubt schon. Und er ist der Überzeugung, dass sein akademischer Lehrer Mises ein derartiges Argument entwickelt hat. Mises, der objektive Wissenschaftler, und Mises, der Befürworter des freien Marktes, seien nach Kirzner ein und dieselbe Person. Mit anderen Worten, sein Argument für freie Märkte fuße auf einem objektiv wissenschaftlichen Fundament.

Kirzner kritisierte zunächst andere Versuche, wirtschaftspolitische Systeme zu rechtfertigen. Sie alle beruhen auf expliziten oder impliziten Annahmen darüber, was die soziale Wohlfahrt oder das allgemeine Wohlbefinden einer Gesellschaft ausmacht. Doch gerade diese Annahmen seien das Problem, da durch sie subjektive Werturteile in die Analyse eingestreut würden. Ein Egalitarist, zum Beispiel, halte die wirtschaftliche Gleichheit für wichtig, weshalb Umverteilung durch Besteuerung gerechtfertigt sei. Dieses Argument fußt auf einem bloßen Werturteil. Ihm liegt keine objektiv wissenschaftliche Notwendigkeit zugrunde. Warum sollte man dieses Argument also für richtig halten, wenn man das subjektive Werturteil nicht akzeptiert?

Dieses Problem durchzieht oft in subtilen Formen die gesamte Wohlfahrtsökonomik. Kirzner glaubt, das Problem zu lösen, indem er deklariert, dass man die Subjektivität und Individualität verschiedener Lebensentwürfe und Lebenspläne respektieren müsse. Statt den Menschen bestimmte Entwürfe und Pläne aufzuzwingen, solle man ihnen den Freiraum lassen, ihre eigenen Pläne zu verfolgen und nach ihren subjektiven Werturteilen zu handeln. Ein System freier Märkte sei nun gerade das System, was die Koordination individueller Pläne ermögliche. Durch ein System freier Märkte werde nicht etwa ein nebulöses Konstrukt der allgemeinen Wohlfahrt, sondern stattdessen der Grad der Realisierbarkeit individueller Pläne maximiert. Und darauf komme es an.

Ist das nun eine wirklich zufriedenstellende Argumentation, wenn man das strikte Ideal der Wertfreiheit ernst nimmt? Wohl kaum. Ein individueller Plan oder ein individuelles Vorhaben ist nicht an und für sich, nur weil es ein individuelles Vorhaben ist, legitim, wünschenswert, richtig oder gut. Es gibt offensichtlich individuelle Vorhaben, die kein vernünftiger Mensch für legitim hielte, auch Kirzner nicht. Was er also implizit annimmt, ist, dass der freie Markt im Wesentlichen nur solchen individuellen Plänen zur Verwirklichung verhilft, die legitim sind, und eben gerade jene verhindert, die es nicht sind.

Würde der „freie Markt“ Massenmördern dazu verhelfen, ihrer Lust zu frönen, würden wir ihn wohl kaum akzeptieren mit der Begründung, dass er den Grad der Realisierbarkeit individueller Pläne maximiere. Jetzt könnte man einwenden, dass durch den Massenmord offensichtlich legitime individuelle Pläne zerstört würden, nämlich die der Ermordeten. Deshalb würde bei Massenmorden gerade nicht die allgemeine Realisierbarkeit von individuellen Plänen maximiert. Das ist richtig, aber ein System der freien Märkte legt unzähligen legitimen Vorhaben Schranken auf. Vieles, was an und für sich legitim wäre, kann im freien Markt nicht realisiert werden. Und das ist der springende Punkt: Der Markt stellt ein Verfahren der Auswahl dar, welche Pläne realisiert werden können und welche nicht. Dieses Auswahlverfahren kann man objektiv wissenschaftlich ergründen und erklären. Es gibt dabei ökonomische Gesetzmäßigkeiten. Aber der Schritt zu sagen, dass nun gerade die Auswahl des freien Marktes die richtige sei, kommt nicht ohne ein subjektives Werturteil aus. Zumindest implizit wird es getroffen, und dem kann sich auch Kirzner nicht entziehen.

Rothbard hat es einmal so formuliert: „Es ist nicht nur unzulässig, dass ein Ökonom für einen freien Markt eintritt, ohne eine Theorie der Eigentumsgerechtigkeit aufzustellen; er kann nicht einmal einen freien Markt definieren, ohne dies zu tun.“ Der freie Markt ist nämlich die Gesamtheit aller freiwilligen, also nicht erzwungenen Tauschhandlungen und Produktionsentscheidungen in der Gesellschaft. Erzwungen ist eine Handlung oder Entscheidung immer dann, wenn sie mit Rechtsbrüchen oder der Androhung von Rechtsbrüchen einhergeht. Der freie Markt ist also kein wertneutraler Begriff. Mit ihm wird eine komplette Theorie der Gerechtigkeit notwendig. Ein Argument für den freien Markt muss also in letzter Konsequenz immer in Ethik und Moral eingebettet sein. Es ist in diesem Sinne niemals wertfrei.   

Israel M. Kirzner (1976): Philosophical and Ethical Implications of Austrian Economics

Murray N. Rothbard (1973): Value Implications of Economic Theory


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