26. März 2024

Top Spin: Die Leipziger Buchmesse 2024 Demokratie, wohin man blickt...

Wie sich auf der Leipziger Buchmesse Angebot und Nachfrage begegnen

von David Andres

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Bildquelle: David Andres Gratismutige NS-Verharmlosung auf allen Ebenen: So auch auf Buchmessen

Die Demokratie muss derzeit ein echter Ladenhüter sein, so kraftvoll, wie sie in Leipzig beworben wird. Schon bei der Hinfahrt bemerke ich digitale Plakatwände in der Stadt, die sie anpreisen. Auf der Buchmesse selber gibt es einen Stand, mehr nur eine große Signalwand, auf der in großen, wohlgestalteten Buchstaben prangt: „Demokratie wählen. Jetzt.“ Ein Spender davor bietet DIN A4-Blätter in schwerem Karton feil, sicher 160 Gramm Farbdruck. Ich nehme eins und drehe es um, da ich auf der Rückseite mehr Informationen darüber vermute, welche Alternativen zur Demokratie zur Verfügung stehen, denn andernfalls bräuchte ich sie ja nicht zu wählen. Doch die Rückseite ist leer, es handelt sich nicht um ein Infoblatt, sondern offenbar um ein Schild zum Mitnehmen und Nutzen auf der nächsten „Demo gegen rechts“.

Im Kinderbereich lernen die Kleinen in der Kreativwerkstatt des „Jugendcampus Uverse“ die Demokratie von der Pike an. Zwar wird hier auch einfach nur gedichtet, gezeichnet und morgens sogar immerhin an Robotern gebaut (ein Hauch von Mint!), doch vor allem wird ideologisch geschult. „Erforsche mit uns, wie wir die Demokratie von morgen gestalten können“, heißt es im Workshop „Zukünfte der Demokratie 2050“. Es gibt Seminare, in denen man „lernt, über Rassismus zu sprechen“ und eine Veranstaltung, die beibringen möchte, wie man „radikal höflich“ mit „Rechtspopulisten“ redet und sie womöglich umstimmt. Vor der Arena und an den Wänden in der Nähe kann man auf großen Plakaten kleine Sticker in Kreise kleben, um zu markieren, was man heute „schon für die Demokratie getan hat“. Ich fühle mich an den berühmten Satz von John F. Kennedy erinnert: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“

Den Gipfel der Demokratie erklimmt man schließlich an einem riesigen Stand, der in freundlicher Holzoptik und mit bunten Buchstaben darauf aufmerksam macht, dass durch die AfD das neue 1933 unmittelbar bevorsteht. Die Standmiete für das beeindruckend riesige Areal könnten sich die ur-linken Nischenverlage in den Gängen für Marxismus und Linksanarchismus, die im Übrigen die Demokratie und den Staat teils ganz offen ablehnen, nicht einmal zu einem Zehntel leisten. Aber das Dreigestirn, das hier mit finanzieller Potenz den neuen Faschismus verhindert, hat offenbar ein prächtiges Budget: „Katapult“, „Correctiv“ und der „Volksverpetzer“ haben sich zusammengetan.

Ich würde lügen, sagte ich, dass der „Jugendcampus“ oder die Anti-AfD-Bude schlecht besucht waren, aber die wahre Nachfrage und das breite Interesse beobachtet man ganz woanders. Beim Stand des Verlags LYX zieht sich eine dermaßen lange Schlange von Fans durch die Halle, dass sie bis an die Ausgänge reicht. Mitarbeiterinnen des Verlags müssen mit Schildern klarmachen, wo Anfang und Ende dieser Menschenreihe sind, die offenbar für Autogramme entsteht. Natürlich oft mit starken Heldinnen als Hauptfiguren ausgestattet, druckt dieses Haus vor allem abenteuerliche, romantisch-actionreiche Fantasy, also das, was überhaupt nicht dem ideologischen Kampfe nutzt, sondern bloß ablenkt, entführt, unterhält. „Schmonzetten“, wie der Bildungsbürger damals gesagt hätte.

Die größte echte Nachfrage, die ich am Messesonntag, dem wichtigsten Publikumstag, beobachten kann, besteht allerdings nach einer kurzen Begegnung mit Philipp Burger, dem Sänger von „Frei.Wild“, der seine Autobiografie vorstellt. Sie erzählt seinen Weg von tatsächlich rechtsradikal zu heimatverliebt-patriotisch-frei, was für die Demokratieretter der Messe natürlich weiterhin „rechts“ bedeutet. Das stets sehr hippe und junge Festival „Litpop“, das parallel zur Messe stattfindet, hatte ihn sogar auch auf dem Planungszettel, sah dann aber von der Buchung ab, weil ein anderer Künstler, der dort spielte, mit seinem Wegbleiben drohte, sollte der freie Wilde auftauchen. Auf der Messe selber war rund um Burgers Verlag Kampenwand ein Auflauf wie bei einem Rockfestival. Burger selber kritisiert derweil die verkommene Diskussionskultur in Deutschland. „In Italien“ hingegen würde „anders diskutiert“, da mache „eine unterschiedliche Meinung […] noch lange keine Feindschaft.“ Genau das sei „Vielfalt“, meint er, und die Schnappatmung von „Jugendcampus“ bis Anti-AfD-Dreigestirn lässt sich förmlich hören.

Als ich gehe, liegen immer noch Schilder für die Demokratie in dem Spender der offiziellen Messekampagne „#demokratiewählenjetzt“. Was beweist – bis die Menschen endlich begreifen, was sie zu wählen haben, müssen noch einige Messen ins Land gehen.

Quellen:

Demokratie wählen. Jetzt. (Leipziger Buchmesse)

Jugendcampus Uverse (Leipziger Buchmesse)

Frei.Wild-Sänger Philipp Burger kritisiert Diskussionskultur in Deutschland (RND)


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