07. Juni 2024 10:00

Kulturgeschichte Wasserstände und Panikniveaus

Alles beim Alten

von Carlos A. Gebauer (Pausiert)

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Bildquelle: Carlos A. Gebauer Kein Grund zur Panik: Alles schon mal da gewesen ...

Liebe, sagt man, macht blind. Panik, wissen wir seit dem Corona-Fiasko, auch. Emotionen legen sich über den Erkenntnisapparat, das Denken verengt sich, die Sinne fokussieren sich selektiv auf nur eine Dimension: Der geliebte Mensch scheint nur Stärken zu haben und keinerlei Schwächen. In der Panik gibt es umgekehrt nur noch Risiken, Gefahren, Schadanzeichen und Schmerzpotenziale.

Selbst an wissenschaftlichen Hochschulen, also gerade dort, wo man die nüchternste Ratio in Aktion wähnte, sind Menschen – wird berichtet – in übergroßer Anzahl ängstlich vor einem Erkältungsvirus in die experimentelle Therapie geflüchtet. Intelligenz ist augenscheinlich kein Bollwerk gegen Fehlreaktionen. Wäre sie es, hätte es seit 2020 keine medizinischen, keine juristischen, keine staatshaushalterischen und auch keine betriebswirtschaftlichen Exzesse gegeben. Ließe sich Panik erkennen und in ihren Auswirkungen beseitigen wie ein Rechenfehler, sähe die Welt anders aus. Tut sie aber nicht.

Während ich diese Zeilen schreibe, steigen die Flusspegel überall im Land und fluten langsam die umliegenden Retentionsflächen. Seit Wochen regnet es ohne Unterlass. Die Böden sind tief durchtränkt und stehen nicht mehr als aufnahmebereite Schwämme unter der Oberfläche bereit. Und wie es nicht anders sein kann, stimmen die Ängstlichen ihren Sorgengesang an: Der Mensch ist schuld. Der Kapitalismus hat das Wetter zerstört. Marktkräfte sind die Ursache des Regens. Ein Spurengas ist in die Erdatmosphäre aufgestiegen und tötet das Klima. Nur noch ökologischer Kommandosozialismus könne das Artensterben stoppen. Das Profitstreben der internationalen Konzerne müsse sofort mithilfe milliardenschwerer Tech-Giganten eingehegt werden. Nur Gentechnik bringt uns also zurück zur Natur?

Die offenkundigen Implausibilitäten im Verhalten derer, die sich mit Spezialchemikalien an Straßen kleben, um die Welt zu retten, sind Legion. Vegan ist man nur, wenn man sich von Käfern ernährt. Salate darf man aus dem Boden schneiden, Kräuter herausreißen, umarmte Bäume fällen und alles essen. Pflanzen kennen keinen Schmerz?

Wer sich ohne Panikattacke an die Ufer des Rheins stellt, das Wasser steigen und seine Breite langsam amazonasartig empfinden mag, der könnte seinen Blick – mit verbliebener Nüchternheit – in den eigenen Rücken wenden. Denn überall dort, wo unsere Flüsse an ihrem Lauf von Häusern gesäumt sind, haben Menschen seit Generationen Marken an ihre Hauswände angebracht, um an vergangene Wasserhöchststände zu erinnern. Auch hinter den Bänken des Rheins ist das geschehen.

Gegenüber des hübschen Düsseldorfer Stadtteils Kaiserswerth ist beispielsweise die Stadt Meerbusch mit ihrem Ort Lank-Latum gelegen. Man erreicht ihn mit einer kleinen Fähre, die am Fuße der Burgruine ablegt. Drüben angekommen, kann man das Boot über den in Beton gegossenen Steg verlassen und zu Fuß aufwärts dem Straßenverlauf folgen. Langsam schreitet man so zwischen den Ufergräsern hinauf über einen mit Schotterstein belegten Platz und erreicht dann – weiter beharrlich ansteigend – eine betonierte Straße. Diese schlängelt sich nun durch einen kleinen Wald, vorbei an einem auf mächtigen Betonständern in die Höhe ragenden Hotel. Weiter geht es hinauf in Richtung Deich, der oben am langen Straßenende eingeschnitten ist, um den Fähr- und Hotelgästen die Durchfahrt ins Landesinnere zu ermöglichen. Hat man sich diese Strecke schließlich erwandert, kommt – neben weiteren Häusern zu beiden Seiten – auf der rechten ein älteres Gebäude in den Blick. An der liebevoll gepflegten Fassade haben Bewohner gut sichtbar die vergangenen Flusshöchststände festgehalten. In Kniehöhe die des Jahres 1920. In Höhe der Türklingel die des Jahres 1882. Und knapp unter dem Türbalken der Hauspforte die des Jahres 1855.

In der Panik, gefangen zwischen Sorge und Ideologie, massenpsychologisch verwirrt und von den Medien mit pfiffiger Technik in den Emotionen aufgepeitscht, gelingt dem Hochwassertouristen nicht, den Blick auf das Haus in seinem Rücken zu richten. Alleine dies könnte zu realistischeren Einordnungen der Gegenwart führen. Doch jene, die eben noch Dürresommer fürchteten und austrocknende Talsperren fotografierten, sind Gefangene ihrer eigenen Vorurteile. Vor vierhundert Jahren war dies der Stoff, aus dem Hexenflüge und Zaubertränke hervorgingen. Was sich damals als Kampf gegen Satansanbetung und Teufelskult verstand, quillt heute als Verschwörungshypothese aus manchen Kommentarspalten der sozialen Medien.

Nichts Neues unter der Sonne. Menschen waren schon immer so. Das Wetter auch.


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