gesellschaftlicher Wiederholungszwang: Linke Mythen: Das nächste Mal machen wir es besser
Der älteste und tödlichste linke Mythos
Linke Mythen: Das nächste Mal machen wir es besser
Obwohl es schon immer vereinzelte Berichte im Westen über die Gräueltaten von Stalin und Mao gegeben hatte, wurden diese im Falle der UdSSR erst 1973 durch Alexander Solschenizyns Buch „Der Archipel Gulag“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nach Maos Tod 1976 distanzierte sich Deng Xiaoping von der „Kulturrevolution“ und in der Folge wurden die chinesischen Archive geöffnet. In den 1980er und 1990er Jahren setzte sich dann zunehmend auch bei den Linken die Erkenntnis durch, dass diese beiden Ansätze, den Sozialismus zu verwirklichen, nicht als leuchtende Beispiele taugen. Ca. 20 Millionen Tote in der Sowjetunion und ca. 45 Millionen Tote in China sind einfach kein gutes Argument.
Die Reaktion ist bekannt: Die Idee des Sozialismus sei nach wie vor gut, sie wurde nur schlecht umgesetzt. Das nächste Mal machen wir es besser.
Seither hat es so viele Versuche gegeben, Sozialismus zu verwirklichen, dass es schwer ist, eine exakte Zahl zu finden. Meine Zählung auf Basis einer verfügbaren „List of Socialist States“ kommt auf 45. (1) Sie alle sind gescheitert, auch wenn sie noch bestehen. Aber die Linken bleiben dabei: Die Idee des Sozialismus sei nach wie vor gut, sie wurde nur schlecht umgesetzt. Das nächste Mal machen wir es besser.
„Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und dabei andere Ergebnisse zu erwarten.“ (apokryph)
Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass die Idee des Sozialismus nicht von Marx stammt. Das behauptete er auch nicht, er bezog sich explizit auf „utopische Sozialisten“, denen er aber „Unwissenschaftlichkeit“ vorwarf. Schaut man noch genauer hin, stellt man fest, dass die Idee mindestens 5.000 Jahre alt ist. Das zeigt eine akribische Studie eines Betroffenen des sowjetischen Sozialismus, Igor Rostislawowitsch Schafarewitsch. Er zeigt, dass Sozialismus eine immer wiederkehrende Strömung in der Weltgeschichte ist und verfolgt diese bis auf die Tempelwirtschaft im alten Sumer (Ende des 4. und Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr.) zurück, was aber nicht bedeuten muss, dass es vorher keinen Sozialismus gab, denn es gibt aus der Zeit davor keine schriftlichen Zeugnisse.
Schafarewitsch beschreibt unter anderem den Jesuitenstaat in Paraguay ab Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Jesuitenpater Diego de Torres wollte den zu diesem Zeitpunkt schon lange untergegangenen, aber gut dokumentierten, ebenfalls sozialistischen Inkastaat kopieren, weil er diesen für „seine“ Indianer für geeignet hielt. Das Experiment scheiterte wirtschaftlich, der Export von Produkten reichte nicht aus, um die notwendigen Importe zu finanzieren. Es scheiterte weitaus schneller als nichtintentional entstandene Sozialismen. Die Indianer waren nicht bereit, exportfähige Produkte privat ohne sanktionierende Aufsicht zu produzieren, und in der Gemeinschaft waren sie auch wenig leistungsbereit:
„Augenzeugen machen einmütig auf den Unterschied bei der Bearbeitung gemeinschaftlicher und persönlicher Grundstücke aufmerksam: Während man das Gemeindeland sorgfältig bestellte, machten die persönlichen Grundstücke einen überraschend vernachlässigten Eindruck. Die Jesuiten klagten wiederholt über die Gleichgültigkeit der Eingeborenen gegenüber der Arbeit auf ihrem eigenen Feld: Sie zögen es vor, für eine schlecht bestellte Parzelle bestraft zu werden und von den Vorräten der Allgemeinheit zu leben.“ (2)
Das Phänomen wird in der Psychologie als „soziales Faulenzen“ bezeichnet. (3)
Marx würde natürlich sagen, das Experiment sei nur gescheitert, weil die materiellen Bedingungen dafür noch nicht erreicht waren. Er kann aber damit nicht erklären, warum sich fast alle anderen von Schafarewitsch dokumentierten sozialistischen Gemeinschaften spontan entwickelt haben, obwohl die von ihm angenommenen Bedingungen nicht gegeben waren. Diese sozialistischen Gesellschaften wurden nicht intentional von einem „Erfinder“ ins Werk gesetzt. Das bedeutet, dass es für sie einen Grund geben muss, der tiefer liegt als die utopischen Ideen irgendwelcher Intellektueller. Wenn wir seit nunmehr mindestens 5.000 Jahren die Erfahrung machen, dass es nicht funktioniert, warum geschieht es dann immer wieder?
Von Hayek war überzeugt, dass es entweder eine genetisch bedingte oder eine noch aus dem Paläolithikum (als wir als Jäger und Sammler lebten) stammende kulturell verwurzelte Neigung gibt. Beides führe dazu, dass diese nur schwer mit Vernunft zu überwinden sei:
„Die rund zehntausend Jahre, die er [der Mensch] seit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht in größeren Gemeinschaften verbracht hat, oder gar die wenigen tausend oder gar nur Hunderte von Jahren, seit die Vorfahren der meisten von uns aus den Möglichkeiten der Arbeitsteilung und des Fernhandels Nutzen zogen, sind viel zu kurz, als daß wir die tief eingewurzelten Emotionen abgelegt haben könnten, die der Erhaltung jener kleinen Gruppen dienlich waren – obwohl ich es offen lassen will, wie weit diese ältesten Elemente unserer Moral genetisch übermittelt und uns daher angeboren oder kulturell übertragen und daher erlernt sind.“ (4)
Aktuelle Forschung zeigt, dass die betreffenden „ältesten Elemente“ angeboren sind. Es ist ethnologisch gut belegt, dass nicht sesshafte Kulturen nach innen sehr kooperativ und friedlich waren. Ihre Lebensweise ermöglichte ein hohes Maß individueller Freiheit. Es ist plausibel, dass der Mensch aus genetischen Gründen nach der „Wärme“ der Kleingesellschaft von Freunden sucht, doch wieso führt das im Sozialismus immer zu Gewalt?
Jäger und Sammler begingen Gewaltakte, insbesondere Morde, und unternahmen von Zeit zu Zeit Raubüberfälle auf andere Gruppen, was Schimpansen auch tun. Die Teilnahme daran war aber freiwillig. In der Sprache fast aller Indigenen bedeutet der Name der eigenen Gruppe schlicht „Menschen“. Menschen tut man keine Gewalt an, aber den Anderen, wenn es einen Grund gibt (zum Beispiel Schädigung der eigenen Gruppe durch Hexerei). Über das Ausmaß dieses Phänomens gibt es unterschiedliche Ansichten, nicht jedoch über seine Existenz.
Mit dem Aufkommen der Sesshaftigkeit, beginnend vor ca. 10.000 Jahren, kommt es nun aber zu der Notwendigkeit, ein Territorium zu verteidigen. Die Konflikte werden sehr viel zahlreicher und brutaler, es werden Kriege geführt. Die Teilnahme daran war nicht mehr freiwillig. Die Notwendigkeit permanenter Kriegsbereitschaft führt zu Gewalt nach innen: „Nachbarn, einst beste Partner, konnten nun zur Bedrohung werden. An die Stelle der Solidarität traten Egoismus und Fixierung auf die eigene Abstammungsgemeinschaft. Das ist eine der folgenreichsten Mentalitätsänderungen der Menschheitsgeschichte.“ Es entstanden patriarchale Clangesellschaften mit sanktionierenden Clanführern. Weil für die Verteidigung eines Territoriums Größe vorteilhaft ist, strebten die Gemeinschaften danach, und so bildet sich schließlich der Staat. „Die Hochkulturen des Altertums und die antiken Staaten sind kriegsgeboren.“ (5)
Nicht nur der Kapitalismus, sondern alle Großgesellschaften sind insofern „unnatürlich“, als dass die biologische Evolution uns an ein Leben in kleinen Gemeinschaften angepasst hat. Noch heute funktioniert eine nicht-dysfunktionale Familie so wie eine Horde im Paläolithikum, und in einer solchen fühlt sich jeder Mensch wohl, weil er emotionale Wärme erlebt. In einer Großgesellschaft ist das Individuum permanent mit Fremden umgeben, die potenzielle Feinde sind, und selbst wenn sie es nicht sind, beurteilen diese das Individuum nach der Nützlichkeit für ihre Zwecke. Jede Großgesellschaft fordert dem Individuum ein hohes Maß an Disziplin und Vernunft ab, in einem Ausmaß, das unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die biologisch für ganz andere Zwecke entstanden ist, sehr strapaziert. Vor diesem Hintergrund wird die Sehnsucht nach einer Gesellschaft verständlich, in der es nur Freunde gibt und in der man sich nicht ständig disziplinieren muss.
Das ist jedoch eine regressive Reaktion, denn es gibt kein Zurück. Jeder Versuch ist zum Scheitern verurteilt. „Wärme“ lässt sich nicht erzwingen, und deshalb kann Sozialismus nicht funktionieren. Karl Popper war der Meinung, dass sich unsere „Zivilisation noch immer nicht vom Schock ihrer Geburt erholt hat – vom Schock des Übergangs aus der Stammes- oder ‚geschlossenen‘ Gesellschaftsordnung, die magischen Kräften unterworfen ist, zur ‚offenen‘ Gesellschaftsordnung, die die kritischen Fähigkeiten des Menschen in Freiheit setzt.“ (6)
Der einzige Ausweg ist der nach vorn. Wir können die Möglichkeiten für Freiheit unter den gegebenen Umständen erkennen und kultivieren. Und eine große Entdeckung, wie Freiheit unter den Bedingungen der Großgesellschaft möglich ist, haben wir bereits gemacht: die wundersame spontane Ordnung des Marktes. Das Nichtaggressionsprinzip ist eine moderne Antwort auf den Schock der Geburt der Zivilisation. Wir suchen eine Kultur, die zu unserer Biologie passt.
(1) https://handwiki.org/wiki/Earth:List_of_socialist_states
(2) Schafarewitsch, I. R.: Der Todestrieb in der Geschichte. Lichtschlag 2016 (1. Auflage 1975), S. 240
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_Faulenzen
(4) F. A. von Hayek: Die Anmaßung von Wissen. Mohr Siebeck 1996, S. 193
(5) Meller, H., Michel, K., van Schaik, C.: Die Evolution der Gewalt. DTV 2024, S. 207, S. 237
(6) Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1. Francke 1975 (deutsche Originalausgabe 1957), S. 28f
Quellen:
Earth:List of socialist states
Soziales Faulenzen - Wikipedia
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