21. Februar 2026 11:00

Der zivilisierte Mensch, Teil 6 Der Terror der Schuld

Wie die Tauschregel zu Herrschaft und dem modernen Fürsorgestaat führt

von Ralf Blinkmann drucken

Gefangen in der Undurchsichtigkeit
Bildquelle: Eigenes Bild Gefangen in der Undurchsichtigkeit

Alle der von Clastres beschriebenen Gruppen waren sesshaft und führten Kriege. Er weist auf ihre „Befriedigung ihrer leidenschaftlichen Liebe zum Krieg“ hin (ebd. S. 149). Doch die Tatsache, dass zu Kriegszeiten der Häuptling ausgetauscht wurde und dieser Kriegshäuptling mit zwangausübender Macht ausgestattet war, erklärt für ihn nicht den Zwang nach innen in einem Staat. Der Kriegshäuptling ist für ihn nicht der Vorläufer des Staates. Eine Vermutung äußert er dann aber doch: „Die Dinge können allein dann nach dem primitiven Modell funktionieren, wenn es nur wenig Leute gibt“ (ebd. S. 163). Die Zunahme der Bevölkerung führt zu einer Zersplitterung in unterschiedlichste Gruppenformen, die alle bestrebt sind, ihre Autonomie zu bewahren. Der erhöhte Regelungsbedarf führt zu einer Stärkung des Häuptlingstums. Doch wie genau der Übergang zur Herrschaft passiert, beschreibt Clastres nicht. Er spricht vom „Geheimnis des Ursprungs“ (ebd. S. 157).

Die Entstehung des Staates erscheint uns nur rückblickend als ein revolutionäres Ereignis, weil wir schon wissen, zu was für Grausamkeiten diese Entwicklung führte. Auch die von Clastres untersuchten indianischen Völker mögen das schon gewusst haben, schließlich gab es schon den Inkastaat. Sie haben sich vielleicht tatsächlich bewusst dieser Entwicklung widersetzt, wie Clastres behauptet. Doch wie war das bei Menschen, die noch keinen Staat kannten und diesen erstmals schufen? Würden Menschen, für die Kriege normal waren, eine erhöhte äußere Sicherheit als innere Bedrohung erleben? War ein Wehrzwang in einer an Kriege gewöhnten Gesellschaft anfangs überhaupt nötig, wo doch Kampf ehrenvoll war? Wurde Zwang nach innen, wenn er in einer immer komplexeren Sozialstruktur die Anderen und nicht die eigene Gruppe betraf, als Bedrohung empfunden? Wurde die bürokratische Verwaltung von Lebensmittelvorräten als Bedrohung empfunden? Der Staat bricht nicht mit der Tauschregel. Die Menschen tauschen Loyalität und Steuern gegen Sicherheit. Auch Korruption bricht nicht mit der Tauschregel. Nicht einmal Menschenopfer brechen damit, weil mit dem Opfer das Wohlwollen der Götter erworben wird.

Clastres gibt den sehr interessanten Hinweis, dass der Übergang zur Herrschaft stattfinde, „wenn an die Stelle der Tauschregel der Terror der Schuld tritt“ (ebd. S. 151). Die Tauschregel schafft zunächst keine Schuld, sondern Verpflichtungen und erhält dadurch ihre integrierende Wirksamkeit. Aus Verpflichtung wird Schuld, wenn diese nicht mehr eingelöst wird. Die normale Funktion des Schuldgefühls ist ein Impuls zur Wiedergutmachung, der Versuch, das soziale Verhältnis zu reparieren, eine soziale Reintegration herbeizuführen. Dem Schuldgefühl des Normenverletzers steht der Zorn oder die Wut der Betroffenen gegenüber. Schuld und Wut sind universelle Emotionen, das heißt, sie treten in allen Kulturen auf und ihr Zweck ist es, ihr Auftreten zu verhindern, das heißt, die auslösende Störung zu beseitigen. Schuld entsteht, wenn eine Handlung als falsch empfunden wird, und motiviert zur Korrektur.

Schuld und Wut drücken sich in verschiedenen Kulturen unterschiedlich aus. In Ehrenkulturen, wie Clastres sie beschrieb, führt Wut besonders leicht zu Gewalt, weil Ehre leicht kränkbar ist. Der Austausch großzügiger Geschenke diente auch dazu, einer Ehrverletzung vorzubeugen (Uskul et al. in Handbook of Cultural Psychology, Second Edition, The Guilford Press 2019, 793ff). Schlägt das fehl, neigt eine Ehrenkultur zu einer Gewaltspirale. Herrschaft kann dann als Eindämmungsversuch verstanden werden, was auch erklärt, warum sie unvermeidlich erschienen sein mag. Die Korrektur der ursprünglichen Normverletzung wird so aber unmöglich. Im Staat wird der Terror der Schuld chronisch.

Es zeigt sich also historisch, dass die Wirkmächtigkeit der primitiven Tauschregel begrenzt war und Zwang ihr Versagen kennzeichnet. Damit verschwindet die Tauschregel aber nicht! Der ursprüngliche Staat basiert auf der Tauschregel, und auch heute ist ein Geschenk im privaten Umfeld oder Nachbarschaftshilfe zu erwidern, sind Gratisproben ein wirksames Marketinginstrument, verschaffen Ehrenämter Prestige etc. Auch der moderne Staat steht in einem Tauschverhältnis zum Bürger, denn dafür, dass dieser ihn akzeptiert, muss er eine Gegenleistung liefern. Der moderne Fürsorgestaat perfektioniert dieses Prinzip. Er erscheint dem Bürger als der Gebende, dem er im Austausch eine Sonderstellung und Loyalität zubilligen muss. Er darf ihn wie einstmals den archaischen Häuptling ausplündern, muss ihm dafür aber seine Privilegien lassen. Der Staat demütigt den Bürger und stellt ihn „in den Schatten seines Namens“, wie es einst der reiche Schenker tat. Da der Fürsorgestaat seine Gaben raubt, macht er seine Begünstigten permanent schuldig. Zudem ist das Raubgut knapp, so dass er irgendwann die Erwartungen nicht mehr erfüllen kann und seinerseits schuldig wird und seine Untergebenen wütend macht.

Niemals in der Geschichte war der Terror der Schuld größer als heute, jedoch verschwindet dieser in der Indirektheit der Tauschverhältnisse scheinbar. Die Schuld wird abgewehrt, indem andere beschuldigt werden, und damit unlokalisierbar. Wird Schuld aber untilgbar, hat dies eine Vielzahl von psychischen Folgen, die man alle heute beobachten kann, von denen ich nur eine herausgreifen will, weil sie wiederum stabilisierend für den Staat wirkt: der Verlust von Selbstwirksamkeit und Selbstwert. Ein Individuum, das unbewusst davon ausgeht, dass mit ihm etwas nicht stimmt, fühlt sich insuffizient und meidet Risiken. Seine Fähigkeit, seine Situation zu verstehen, was der einzige Weg wäre, sich von der Schuld zu befreien, wird untergraben. Wer sich schuldig fühlt, verzichtet auf Autonomie, und das wird selbststabilisierend, denn wer abhängig ist, erlebt sich als schuldig. Im Fürsorgestaat wird die Tauschregel auf Verantwortung ausgedehnt; der Staat übernimmt die Verantwortung gegen Abhängigkeit. Für die meisten Bürger eines Fürsorgestaates ist Selbstverantwortlichkeit eine unerfüllbare Last. Der Fürsorgestaat wird von Abhängigen bevölkert, im Grunde von Kindern, denn erwachsen zu werden bedeutete, autonom zu werden, sich von jeglicher Schuld zu befreien.

Sieht man sich die politischen Diskussionen in Fürsorgestaaten an, so drehen sich diese immer um Schuldfragen. Die Männer sind schuld an der Unfreiheit der Frauen, der Kolonialismus ist schuld am Elend in der Welt, der Kapitalismus ist schuld, dass ein Rentner Flaschen sammelt. Das Problem daran ist nicht, dass ein Individuum ein moralisches Störgefühl hat. Das Problem ist, dass es kognitiv nicht zu den Ursachen vordringt. Es findet das statt, was Aaron T. Beck „emotional reasoning“ genannt hat: Ich fühle mich schlecht, also ist die Welt schlecht. Ich fühle mich schuldig, also gibt es einen Täter. So wird das eigene Schuldgefühl nach außen projiziert. Dies begründet das, was Campbell et al. „Kultur der Opfer“ genannt haben (The rise of victimhood culture. Springer International Publishing 2018).

Warum führt das Tauschprinzip am Ende zu Schuld? Weil irgendwann die Erwiderung als Element der Tauschregel nicht mehr möglich ist. Das Tauschprinzip ist ein Ponzi-Schema, das immer mehr Ansprüche erschafft, die notwendigerweise irgendwann nicht mehr eingelöst werden können. Eine ausbleibende Erwiderung ist aber eine schwere moralische Schuld. Das Tauschprinzip führt notwendigerweise zum Terror der Schuld und kann diesem nicht mehr entkommen. Wenn Mauss meint, dass der Markt ein moralischer Rückschritt gegenüber dem archaischen Tauschprinzip sei, übersieht er völlig, dass der Markt eine Weiterentwicklung davon ist, die dessen fundamentalen Nachteil beseitigt: eben die Schuld. Der Markt ist Geben, Annehmen, Geben, Annehmen. Es kann keine Schuld zurückbleiben, wenn die erworbene Leistung vollständig vergolten ist. Schuld gibt es nur noch als Ergebnis eines echten Vertrages und ist tilgbar. Die „Gabe“ ermöglicht eine gesellschaftliche Integration über die Herkunftsgruppe hinaus und vermeidet die Begrenztheit des archaischen Tausches, wenn sie im Markt von Schuld befreit wird. Der Markt erfüllt nicht nur materielle Bedürfnisse der Menschen.

Quellen:

Die Tauschregel


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