Aus der Zeit gefallen: Es gibt kein richtiges (analoges) Leben im falschen (digitalen) (Teil 5)
Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz im Kontext geopolitischer und ökonomischer Herausforderungen
von Michael Jürgen Herner drucken
Im Juli 2025 kam die renommierte Zeitschrift „The Economist“ mit einer Sonderausgabe heraus, versehen mit dem Titel „The economics of superintelligence“ und mit dem Bild eines Mannes mit entblößten Zähnen, aufgerissenen Augen und wehenden Kopfhaaren. Mein erster Eindruck war: Da steht ein Mensch in starkem Wind, vielleicht schon im Sturm; und er muss aufpassen, nicht von den Naturkräften fortgerissen zu werden. Das Cover ist durchaus gelungen, jedoch nur in zweideutiger Lesart in seiner Botschaft:
Zum einen als Chance – und das ist die Lektion, die im folgenden Hauptartikel berichtet wird – welch gewaltige Kraft die Künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren in sich birgt. So sind mit deren Hilfe zukünftig gigantische Wachstumsraten durch gesteigerte Produktivität möglich, die alles bisherige in der Geschichte der Ökonomie in den Schatten stellen könnten. Damit sind Steigerungen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von jährlich 20 Prozent und mehr gemeint.
Zum anderen als Risiko – und das ist die Lektion, die nicht im folgenden Hauptartikel berichtet wird – welch gewaltige Gefahr die Künstliche Intelligenz bereithält. Der gesamte Zukunftsoptimismus in der Branche steht allerdings auf tönernen Füßen, weil die Welt mittlerweile eine andere ist als noch vor 2020, als noch die Energie- und Rohstoffversorgung von Volkswirtschaften verhältnismäßig gesichert war. Das ist jedoch inzwischen Makulatur angesichts geopolitischer Konflikte in letzter Zeit.
Alles steht oder fällt in einer Volkswirtschaft, ob genügend Energien und Rohstoffe zur Produktion verfügbar sind oder nicht. Da nützt auch eine Superintelligenz nicht viel, auch wenn sie lange nachdenken sollte. Das zeigt unumwunden die praktischen Risiken einer Branche auf, die vornehmlich alles auf eine einzige Karte zu setzen versucht: das Digitale.
Das geht solange gut, bis es nicht mehr gut geht. Ein Sprichwort lautet ja: „Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.“ Spätestens bei zeitlich längeren und räumlich größeren Engpässen in der elektrischen Energieversorgung von Landesteilen, von Ländern oder gar von Regionen von Ländern, begrifflich als „Blackout“ bezeichnet, dürfte es ein bitterliches, wenn nicht sogar schmerzliches Erwachen geben; und das allein aufgrund der Tatsache, dass politisch Verantwortliche sich als unfähig oder unwillig erwiesen haben werden (oder beides), ausreichend technische Vorkehrungen getroffen zu haben in Hinsicht auf ein solches Katastrophen-Szenario. Der massive Stromausfall in Spanien und Portugal, am 28. April 2025, der weite Teile der Iberischen Halbinsel betraf, sollte deshalb nicht nur Warnung, sondern auch Ansporn für technische Absicherungen sein – vor allem auch wegen des immensen Stromverbrauchs, der durch die Künstliche Intelligenz und E-Mobilität zu Buche schlägt. So meint Stefan Jäger am 18.12.2025 von Finanzmarktwelt.de, der auf eine „exklusive Analyse von Bloomberg Economics“ Bezug nimmt, „dass nahezu alle G20-Länder wachsende Netzbelastungen verzeichnen“.
Wer weiß? Vielleicht haben die Redakteure vom „The Economist“ tatsächlich weitergedacht, als sie das Cover konzipierten: Wie lebenswichtig weiterhin analoger Kapitalismus ist.
Nicht nur zum Selbstschutz vor einem „Blackout“ ist es ratsam, eine analoge Struktur sich im Alltagsleben aufzubauen, zu erhalten und zu verteidigen, sowohl beruflich als auch privat. Gleichfalls zum Vorbeugen von Krankheiten und zum Aktivieren körperlicher und seelischer Selbstheilungskräfte, wenn man schon krank ist, ist dies angeraten. Mit Struktur ist gesundheitlich vor allem, so meine Erfahrung als Psychotherapeut und Coach, der Rhythmus im Tagesablauf verbunden – der Schlaf-Wach-Rhythmus, der Essens- und Trinkrhythmus, der Bewegungsrhythmus sowie der Entleerungsrhythmus.
Von analogem Leben spricht man, wenn ein Mensch noch eine Basis in der physischen Welt hat oder wieder zurückgewinnt, wenn diese verloren gegangen ist. Solch eine Welt hat nichts mit einem Fernseher, Computer, Smartphone oder digitalem Medium zu tun. Damit sind alle möglichen Aktivitäten im Alltag verbunden, bei deren Verrichtung keine digitale Technik nötig ist und bei denen die eigenen kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Fähigkeiten gefordert sind, sei es beim Schreiben mit einem Füllfederhalter, sei es beim Lesen in einem Buch, sei es beim Malen mit einem Pinsel oder sei es beim Musizieren mit einer Geige und so weiter. Dabei ist der Mensch nicht nur von seinen Fähigkeiten, sondern auch von seinen Sinnlichkeiten gefordert, weil ohne Einbeziehung der Körpersinne ein Erfolg etwa in Schule, Hochschule oder Beruf umso schwieriger ist.
Daher war es kein Wunder, als vor einigen Jahren der Philosoph Gernot Böhme die Verkümmerung und den Verlust analoger Kompetenzen beklagte und, neben dem kantischen Verständnis von Vernunft, noch etwas anderes im Leben für wichtig hielt. „Das Andere der Vernunft“, so Böhme, „ist das Irrationale, ontologisch das Irreale, moralisch das Unschickliche, logisch das Alogische. Das Andere der Vernunft, das ist inhaltlich die Natur, der menschliche Leib, die Phantasie, das Begehren, die Gefühle – oder besser: all dieses, insoweit es sich die Vernunft nicht hat aneignen können.“ Nach ihm ist es wichtig, die physische Existenz des Menschen aus einer körperlichen, vor allem leiblichen Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren. Etymologisch kommt „Leib“ aus dem Mittelhochdeutschen und ist mit dem „Leben“ verbunden. In seinem Buch „Leib, die Natur, die wir selbst sind“ kommen verschiedene Erfahrungswelten zum Tragen, äußere wie innere: „Körper ist die Natur des Menschen in der Fremderfahrung. Leib ist die Natur des Menschen in der Selbsterfahrung.“ Praktisch heißt dies zum Beispiel: Körperliche Fremderfahrung ist dort ein Thema, wo es um öffentliche Blicke durch andere geht, ob man von Bekannten als gut aussehend komplimentiert oder ob man von Ärzten als krank diagnostiziert wird; leibliche Selbsterfahrung ist dann ein Thema, wenn es ums eigene leibliche Spüren geht, ob man sitzt, steht oder läuft oder ob man im sexuellen Akt mit dem Partner eine Nähe durch Zärtlichkeiten im Bereich von „Leibesinseln“ erfährt.
In die gleiche Richtung geht auch der Ansatz des Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs, der eine Karl-Jaspers-Professur an der Universität in Heidelberg innehat. Er nähert sich in seinem Werk „Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie“ ebenso Fragen von leiblicher Existenz, aber nicht nur aus psychiatrisch-klinischer, sondern auch aus kritisch-transhumanistischer Sicht: „Wir betrachten uns selbst immer mehr wie unsere Maschinen und umgekehrt unsere Maschinen wie uns selbst.“ Was die Freiheit des Menschen anbelangt, besteht nach ihm trotzdem noch Hoffnung; dafür sollte man aber die Fähigkeit des Menschen ins Visier nehmen, der sich in einer Krise, verstanden als Zwiespalt oder Entscheidung, befindet: „Freie Entscheidungen setzen die Fähigkeit voraus, Möglichkeiten als solche zu erfassen und imaginativ vorwegzunehmen; sie bewegen sich also in einem ‚Möglichkeitsraum‘, im Raum einer offenen Zukunft. Dieser Raum wird eröffnet durch eine ‚Hemmung‘: Wir haben das Vermögen, unsere eigenen Impulse und Wünsche zu suspendieren, innezuhalten und zu prüfen, ob und in welcher Weise wir sie in Handlungen überführen.“
Mit dem Leib ist auch die „Willensfreiheit“ beim Menschen eng verbunden. Damit stellt sich die Frage: Wann ist der Mensch in seinen Entscheidungen frei von Zwängen, so dass dessen Handlungen auf freiem Willen und nicht auf unfreiem beruhen? Antworten darauf werden in der Medizin, Philosophie und Psychologie kontrovers diskutiert, und ein Ende ist nicht in Sicht. Vermutlich kommt man an dieser Stelle eher voran, wenn man einen Teil des Leibes – das Herz – als Metapher heranzieht. Der Philosoph Norbert Bolz hat dies in seinem Buch „Die ungeliebte Freiheit“ trefflich formuliert: „Beherzt denken und etwas mit ganzem Herzen tun sind die Formen der Weltzuwendung, die sich nicht aus der negativen Freiheit allein ableiten lassen.“ Kurzum: Es ist nicht nur das Fehlen von Zwang, sondern auch die Angelegenheit des Herzens, die erst die Willensfreiheit möglich macht.
Folgt man dieser Sicht, dann kommt man an dem Philosophen Harry G. Frankfurt nicht vorbei. Für ihn ist die Willensfreiheit ein Ergebnis von handlungswirksamem Willen. Dabei erhält die Liebe, verstanden als eine Form des Sich-Sorgens („caring“) um das Geliebte, besonderen Stellenwert. Liebe in Frankfurts Verständnis hat dabei weniger mit Leidenschaft, vielmehr mit einem dauerhaften Motivsystem zu tun, das zur Identifikation mit dem, was einer Person wichtig ist, taugt und das zur Ausbildung von Vorlieben, Zielen und Verhaltensweisen dient. Objekte der Liebe stellen nach ihm vor allem Personen dar. Als Beleg für selbstbestimmtes Handeln einer Person gilt die aktive Liebe; sie ist durch Selbstlosigkeit ausgezeichnet und dient primär den Interessen und Zielen des geliebten Menschen, wobei via Identifikation diese Belange auch zu eigenen werden. Über das Identifizieren mit den Interessen und Zielen des oder der Geliebten wird zugleich der Selbstliebe noch Genüge getan. Aktives Lieben ist hiernach eine Form von praktischer Vernunft – von volutionaler Vernunft.
Kritik an Frankfurts Ansatz gibt es dennoch. Manches an Unstimmigkeit, Unklarheit und Widerspruch darin wäre erspart geblieben, wenn er sich auch die Psychologie des Narzissmus vor Augen geführt hätte. Nicht nur mit der Figur des „Narziss“ ist die Selbstliebe frühzeitig in der griechischen Mythologie durch den römischen Dichter Ovid eingebracht worden. Auch die Bibel steht dem nicht nach, gemäß dem christlichen Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Erich Fromm wies schon in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ 1956 darauf hin, wie wichtig die Selbstliebe für die Liebe ist: „Wenn ein Mensch fähig ist, produktiv zu lieben, dann liebt er auch sich selbst; wenn er ‚nur‘ andere lieben kann, dann kann er überhaupt nicht lieben.“ Und 1980 kam der Historiker Christopher Lasch mit seinem Buch „Das Zeitalter des Narzissmus“ heraus.
Die Selbstliebe ist nicht nur für die Liebe gegenüber einem anderen Menschen, sondern auch für die Leiblichkeit des eigenen Selbst von unschätzbarem Wert. Das liegt nach Sigmund Freud daran, dass nach der Geburt des Kindes die sexuelle Triebenergie (Libido) noch auf das eigene Ich ausgerichtet ist (primärer Narzissmus). Später wird sie auf die Objekte in der Umgebung verlagert (Objektlibido). Nach Enttäuschungen in der Liebe oder nach erfahrenen Kränkungen zieht sich die sexuelle Triebenergie wieder vom Objekt zurück, und zwar hin zum eigenen Ich (sekundärer Narzissmus). Damit setzt auch eine Charakterentwicklung ein, die komplexen Vorgängen unterliegt und die entweder normales (gesundes) oder pathologisches (krankes) Erleben und Verhalten mit sich bringt. Deshalb geht man, im Gegensatz zu Freud, der die Selbstliebe noch negativ einschätzte, mittlerweile davon aus, dass es auch einen normalen oder gesunden Narzissmus beim Menschen gibt.
Die „CD“ „Herz Kraft Werke“ der Sängerin Sarah Connor, lässt man das Politische einmal außer Acht, ist ein musikalisches Meisterstück der Extraklasse an Menschlichkeit, bei dem im übertragenen Sinne der mythische Narziss und der mythische Eros (oder mythische Amor) nicht zu kurz kommen, weil sie sich jeweils noch in gesunder Weise begegnen, bewahren, begrenzen.
Ansonsten vermittelt das „Narzissmusinventar“, entwickelt von dem Psychoanalytiker Friedrich-Wilhelm Deneke und Burkhard Hilgenstock, immer noch einen guten Einblick, wie sich das narzisstische Selbstsystem dynamisch zu organisieren und zu regulieren vermag: in Hinsicht auf die vital-körperlichen und erotisch-sexuellen Bedürfnisse, die Sicherheitsbedürfnisse, das Selbstwertgefühl sowie die Sinngebung beim Menschen. In ihrem Buch „Narzissmus – die Wiederkehr“ gehen die Psychologen Hans-Werner Bierhoff und Michael Jürgen Herner näher darauf ein.
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