12. Dezember 2025 06:00

Religion und Gesellschaft 6 Religion und Kapitalismus

Max Webers Irrtum

von Stefan Blankertz drucken

Kapitalismus: Historische Analyse zur protestantischen Ethik
Bildquelle: e-Redaktion Kapitalismus: Historische Analyse zur protestantischen Ethik

Eins der bedeutendsten und bekanntesten Bücher zur Religionssoziologie – zur Interaktion zwischen Religion und Gesellschaft – ist „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von Max Weber. Seit dem Erscheinen dieses Buches 1905 ist die darin entfaltete These bis heute Gegenstand zahlreicher Kontroversen und Versuche der empirischen Widerlegung oder Bestätigung. Max Weber bezweifelte die marxistische These, der Kapitalismus habe eine „ursprüngliche (Raub-) Akkumulation“ zur Voraussetzung, das heißt eine Anhäufung von großen Kapitalstöcken durch Raub. Anhand dreier historischer Fakten konnte Weber nämlich zeigen, dass diese These jedenfalls nicht allein hinreichend ist.

Erstens führte Weber an, dass es während der frühen Neuzeit Länder gab, in denen die aufgrund von Raubakkumulation angehäuften Reichtümer erheblich größer waren als im Mutterland des Kapitalismus, England; dazu zählt etwa Spanien.

Zweitens konnte Weber darauf verweisen, dass in der gleichen Stadt Protestanten mehr Handel treiben, reicher sind sowie ihre Familien sich besser bilden, besonders in betriebswirtschaftlicher und naturwissenschaftlicher Hinsicht als die Katholiken (sein Paradebeispiel ist Baden-Baden).

Schließlich und drittens wandte Weber sich der Wirtschaftsgeschichte der nordamerikanischen Kolonien zu. Weber stützte sich auf die Beobachtung, dass in Nordamerika der Kapitalismus nicht dort zur Blüte kam, wo durch große spätfeudalistische Farmen mit Sklavenarbeit Reichtümer konzentriert wurden, nämlich in den Südstaaten, vielmehr in den ursprünglich viel ärmeren Staaten der Puritaner und Quäker, die durch kleinbäuerliche Siedlungen geprägt waren und zunächst kaum genug produzierten, um sich selber am Leben zu erhalten.

Aus diesen historischen Fakten schloss Max Weber, dass eine andere Erklärung für das Entstehen und die Blüte des Kapitalismus gefunden werden müsse als die von einer ursprünglichen (Raub-) Akkumulation. Die Erklärung, auf die er stieß, drückte sich direkt als markante These aus, formuliert im Titel seiner Schrift: Es gebe einen „Geist“ des Kapitalismus, der im Protestantismus wurzelt. Als „Geist“ des Kapitalismus machte Weber vor allem die protestantische Berufs- und Arbeitsethik sowie die innerweltliche Askese und Sparsamkeit aus. Für die protestantische Berufs- und Arbeitsethik, die in der erfolgreichen Ausübung einer zugleich anstrengenden (oder gar unangenehmen) und nützlichen Tätigkeit die Rechtfertigung des irdischen Lebens sieht, analysierte Weber bereits an Luthers Auffassung; als Beispiel für die innerweltliche Askese und Sparsamkeit zitierte er eine lange Passage aus Benjamin Franklins berühmten Lebensmaximen, von denen „Zeit ist Geld“ die geläufigste ist. Die Verbindung der Askese, die traditionell meist auch die Enthaltung von Arbeit einschloss, mit dem Nachdruck darauf, ein produktives Leben zu führen, so Weber, schaffe den Typus Mensch, der für den Kapitalismus und das Anhäufen von genügend Kapital zur Steigerung der Produktion geneigt sei. Trotz des großen Umfangs, den die Analyse von Luthers Berufs- und Arbeitsethik in Webers Schrift einnimmt, legte er sich darauf fest, den „Geist“ des Kapitalismus vor allem im Calvinismus zu sehen bzw. im Puritanismus, der englischen und amerikanischen Variante des Calvinismus.

Mit dem Puritanismus und mit Benjamin Franklin sind wir wiederum in den nordamerikanischen Kolonien angelangt. Das Material, das der libertäre Ökonom und Historiker Murray Rothbard in seinen fünf Bänden „Conceived in Liberty“ (1975–79 sowie, posthum 2019) zur Geschichte der amerikanischen Revolution präsentiert, legt zumindest eine Differenzierung von Webers These nahe, die meines Erachtens zu ihrem weitgehenden Zusammenbruch führt. Denn keineswegs waren die Puritaner die Träger des wirtschaftlich erfolgreichen mittelständischen Kapitalismus, sondern die Quäker. Weber subsumiert die Quäker unter die Puritaner, von denen sie sich tatsächlich abgespalten haben. Theologisch mag man die Differenz zwischen Puritanern und Quäkern von einer späteren, säkularen Perspektive aus für vernachlässigbar halten, polit-ökonomisch könnte die Differenz aber kaum größer sein. Einerseits beteiligten die Puritaner sich in den Kolonien am Aufbau der spätfeudalistischen Struktur der mit Knechts- und Sklavenarbeit betriebenen Farmen, andererseits gründeten sie theokratische Siedlungen, in denen strikte Kontrolle und Begrenzung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens herrschte. Abweichungen wurden mit empfindlichen Strafen, teils mit dem Tod, geahndet. Sowohl in den spätfeudalistischen Farmen als auch in den theokratischen Siedlungen führte die fehlende soziale und wirtschaftliche Freiheit dazu, dass aus der Verbindung der Gebote zu harter Arbeit und zu strikter Askese eben keine rationale, effektive und fortschrittliche Produktion entstand, die Weber für den Kapitalismus als kennzeichnend erachtete.

Die Quäker dagegen erkannten in ihren Siedlungen die volle Freiheit an, sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Sie schafften Lohn- und Preiskontrollen ab. Sie zahlten keine Steuern. Sie beteiligten sich nicht an Kriegen. Sie gewährten Religionsfreiheit. Sie kannten keine Regulierungen des „öffentlichen Anstands“ wie etwa das puritanische Tanz- und Feierverbot (auch wenn sie selber ebenso strenge Askese hielten wie die Puritaner). Fünf sensationelle Kapitel, die zusammen kaum zwanzig Seiten umfassen, widmet Rothbard in seinem 500 Seiten umfassenden ersten Band von „Conceived in Liberty“ der Darstellung, wie der wirtschaftliche Erfolg der Quäker die puritanische Theokratie in die Knie zwang; die durch Rothbard hier vorgelegte Analyse ist in meinen Augen klassisch marxistisch. Kein Schuss fiel, keine Überzeugungs- und Missionsarbeit ging voran, einzig die wirtschaftliche Überlegenheit der Freiheit hat diesen Effekt erzielt. Es sind die wirtschaftliche und die soziale Freiheit, die den „Geist“ des Kapitalismus ausmachen. Weber hat nicht nur vergessen, dass für die rationale Organisation der Produktion ein freies Handeln vorausgesetzt ist, sondern dass es auch Konsumenten für die Produkte der Produktion geben muss. Der Konsum der Produktion kann entweder im Konsum der erzeugten Waren oder im Konsum der durch größere Produktivität ermöglichten größeren Freizeit erfolgen; die erste Form des Konsums widerspricht dem calvinistischen Gebot der „innerweltlichen Askese“, die zweite Form des Konsums widerspricht der lutherischen Arbeits- und Berufsethik, wie Weber sie herausgearbeitet hat. Dass Weber diesen soziologischen Aspekt im „Geist“ des Kapitalismus übersehen hat, erstaunt mich am meisten.


Sie schätzen diesen Artikel? Die Freiheitsfunken sollen auch in Zukunft frei zugänglich erscheinen und immer heller und breiter sprühen. Die Sichtbarkeit ohne Bezahlschranken ist uns wichtig. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Freiheit gibt es nicht geschenkt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

PayPal Überweisung Bitcoin und Monero


Kennen Sie schon unseren Newsletter? Hier geht es zur Anmeldung.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.

Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.