Freiheit: Freiheit heißt Verantwortung
Eine Betrachtung über Eigenverantwortung und gesellschaftliche Freiheit in Deutschland
von Thomas Jahn drucken
Alle vernünftigen und wohlmeinenden Menschen in diesem Land wünschen sich seit Jahren mehr Freiheit für das Individuum. Sie wünschen sich weniger Zwang, also jenen, manchmal brutalen oder oft auch nur sanften Druck, der von Kollektiven, insbesondere vom Staat, ausgeübt wird und der in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer tiefer in die Privatsphäre der Menschen eingedrungen ist. Natürlich wollen die Freiheitsfunken diesem Wunsch, gewissermaßen als publizistische Speerspitze der Freiheitsbewegung im deutschsprachigen Internet, vehement Nachdruck verleihen. Wie eine freiere Gesellschaft aber konkret gerade in Deutschland aussehen könnte, können sich vor allem ein Großteil der rund 20 Millionen Angehörigen der sogenannten Generation Y und Z, also jener Menschen, die zwischen 1980 und 2010 geboren sind, kaum vorstellen. Je jünger sie sind, desto mehr kamen sie in den „Genuss“ einer Vollkaskogesellschaft, eingerahmt von einem übergriffigen Betreuungsstaat, der seinen Bürgern in den letzten Jahren – die „Corona-Zeit“ hat es unabweisbar belegt – sogar das Denken abgenommen hat, wenn sie es nur zuließen. Dieser hypertrophe Staat ist bequem, vor allem dann, wenn er, wie in den Jahren bis 2020, noch von den Wohlstandsresten, also jenem Kapitalstock, zehren konnte, der in den sogenannten Wirtschaftswunder-Jahren der 50er und 60er Jahre aufgebaut wurde. Langsam scheint es allerdings auch einigen Stammwählern der rot-grünen Parteien zu dämmern, dass der Umverteilungsstaat mangels Verteilungsmasse am Ende ist und marktwirtschaftliche Reformen unumgänglich erscheinen.
Libertäre und wirtschaftsliberale Konservative wollen aber mehr. Sie wollen eine grundsätzliche Umkehr auf dem derzeitigen Weg in einen linksautoritären Ameisenstaat. Sie wollen eine freie Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Der Gegenentwurf zur betreuten oder einer von Knechtschaft gekennzeichneten Lebensführung ist dabei die Freiheit des Individuums. Die Kehrseite dieser Freiheit ist allerdings die Notwendigkeit zur Eigenverantwortung, denn echte Freiheit ist nicht die Freiheit von Verantwortung, wie sie Karl Marx und seine Jünger missverstehen wollen. Auch über diese unbequeme Konsequenz einer freiheitlichen Wende müssen Libertäre und Konservative reden, denn eine freie oder gar gänzlich staatenlose Gesellschaft wird natürlich auch kein irdisches Paradies sein.
Entgegen weit verbreiteter Falschbehauptungen schreibt das Grundgesetz nicht die Errichtung eines Sozialstaats vor, denn in Art. 20 Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Ein sozialer Staat fordert lediglich eine Ordnung, die soziale Ergebnisse ermöglicht. Der aktuelle Sozialstaat tut das genaue Gegenteil. Er fördert durch Höchstbesteuerung der Leistungswilligen und durch die dadurch ermöglichte Umverteilung an Leistungsunwillige die systematische Züchtung von Neid, Faulheit und Unehrlichkeit. Die wünschenswerte Abschaffung sämtlicher staatlicher Sozialtransfers, von Arbeitslosen-, Bürger-, Kranken-, Kindergeld und der staatlichen Rentenkasse, würde die meisten von uns veranlassen, unser bisheriges Leben zu ändern. Nehmen wir das Thema Rente: Das bisherige System belohnt Menschen mit möglichst langjährigen Erwerbsbiografien. Wer sich stattdessen der Erziehung von Kindern widmete und daher keiner sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachging, konnte im Alter nur eine Minirente erwarten. Die Nöte des Alters lassen sich in einer freien Gesellschaft allerdings unweit besser absichern, wenn man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Erste und wichtigste Form der Altersabsicherung wird die eigene Familie sein. Das Modell der kinderlosen Doppelverdienerehe verlöre an Attraktivität. Familien würden in einer freien Gesellschaft deutlich früher gegründet, und auch die Zahl der Kinder müsste zwangsläufig steigen.
Die andere Form der Absicherung ist verantwortungsvolles Sparen, also die Anhäufung von Kapital, sei es in Form von selbstbewohntem Eigentum oder in Form von unvergänglichen Werten wie zum Beispiel Edelmetallen. Auch die Kosten für Krankenbehandlungen müsste künftig jeder selbst tragen. Auch dieses Problem können Menschen, die auf Verantwortungsbewusstsein setzen, mit besseren Ergebnissen als heute lösen. Der allgemeine Lebenswandel würde wahrscheinlich vorsichtiger und gesünder sein. Viele würden auf Risiko-Sportarten oder auf starken Alkohol- und Tabakkonsum verzichten. Private Krankenversicherungen würden Anreize in Form von günstigen Versicherungstarifen für Menschen schaffen, die sich verantwortungsbewusst verhalten, gesund ernähren und Arztbesuche dadurch weitestgehend vermeiden könnten.
Auch die Absicherung vor Armut und Arbeitslosigkeit ist möglich und beginnt bereits mit der Berufswahl. Die Menschen müssten sich spätestens im Jugendalter oder als junge Erwachsene die ernste Frage stellen: Wie kann ich meinen Mitmenschen nützlich sein? Was wird eher gebraucht, ein Handwerker, der mit Geschick und Verstand Schäden repariert und Nützliches konstruiert, oder ein Politologe, der nach 13 Semestern Hochschulstudium Phrasen texten kann?
Aber was ist mit Mitmenschen, die unverschuldet in Not geraten sind oder die aufgrund einer angeborenen Behinderung keine Familie gründen oder sich selbst helfen können? Auch für diese Fälle lautet die Antwort: Verantwortungsbewusstes Handeln schafft soziale Ergebnisse. Menschen, die sich gegen unerwartete Schicksalsschläge absichern wollen oder von Geburt an mit Beeinträchtigungen leben müssen, verhalten sich verantwortungsbewusst, indem sie zuvorkommend und freundschaftlich auf die Hilfe von Nachbarn, Freunden und Verwandten setzen und diese Hilfe dann auch erwarten können, denn jeder Mensch hat viel zu bieten, und sei es, Dankbarkeit und emotionale Wärme auszustrahlen, wenn einem die Hilfe anderer zuteilwird. Die teilweise aggressiv vorgetragenen Forderungshaltungen, die heute bei vielen sozial Benachteiligten erkennbar sind, würden größtenteils der Vergangenheit angehören.
Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, vor allem auch, wenn das elterliche Erziehungsrecht endlich wieder ausgeübt werden könnte: Auch wenn sich heute viele Menschen überhaupt nicht mehr vorstellen können, dass Eltern ihre eigenen Kinder wieder selbst erziehen und alle wesentlichen Entscheidungen bis zur Volljährigkeit selbst treffen, würde der Wegfall der staatlichen Einrichtungen, von der Kinderkrippe bis zur Zwangsbeschulung, verantwortungsbewusstes Handeln erzwingen. Die Kinderbetreuung würde in Eigenorganisation übernommen werden, auch durch Nachbarschaftshilfen und Elterninitiativen. Das würde die Menschen endlich wieder mehr zusammenbringen.
Dieser kurze Abriss zeigt: Eine freie Gesellschaft ist das Gegenteil von Chaos, kapitalistischer Kälte und sozialen Härten. Eine freie Gesellschaft handelt verantwortungsbewusster als staatlich gelenkte und vielfach entmündigte Bürger. Sie ist das Gegenteil des derzeitigen Sozialstaats, weil sie allein einen menschenwürdigen Ordnungsrahmen für soziale Ergebnisse zu schaffen vermag.
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