26. Dezember 2025 06:00

Religion und Gesellschaft 8 Wie der Pazifist Jesus zum Kriegsgott wurde

Thron und Altar2

von Stefan Blankertz drucken

Pazifismus und Macht: Jesus' Lehre kontra Konstantins Schlacht
Bildquelle: e-Redaktion Pazifismus und Macht: Jesus' Lehre kontra Konstantins Schlacht

Über die Haltung von Jesus, wie sie in den Evangelien dargestellt wird, kann es nicht den geringsten Zweifel geben: Er war ein radikaler Pazifist. Nach dem Verrat durch Judas und während der drohenden Festnahme von Jesus wollten seine Anhänger („Jünger“) ihn mit dem Schwert verteidigen. Interessant ist, dass sie in dieser Szene als bewaffnet vorausgesetzt werden. Von einer solchen Bewaffnung ist an anderen Stellen nicht die Rede, und die Jünger setzen sonst keine Waffen ein. Anscheinend ist die Tatsache, dass ein Mann bewaffnet ist, selbstverständlich; sie muss nicht eigens erwähnt werden. Einer der Jünger schlägt einem der Soldaten sogar ein Ohr ab. Jesus aber stoppt ihn und sagt: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52).

Die ältere Lutherübersetzung „…, soll durch das Schwert umkommen“ lässt in der Schwebe, ob es sich um eine Weissagung oder um einen Imperativ handelt. Ein solcher Imperativ würde zu dem Eigenwiderspruch führen, dass jemand die Tötung des Kriegers auf sich nehmen müsste und damit selbst dem Tod anheimfallen würde. Das griechische Original gibt für einen solchen eigenwidersprüchlichen Imperativ keinen Hinweis. In dem Fall, dass die Aussage als Imperativ gelesen wird, wäre die Szene auch sinnlos, denn der verletzte Soldat ist natürlich bewaffnet, und der Jünger hätte dann guten Grund, gewaltsam gegen ihn vorzugehen.

Jesus aber heilt den verletzten Soldaten sogar. Diese Verweigerung der Selbstverteidigung ist für alle Beteiligten eine völlig unverständliche Provokation. Die umstehenden Beobachter und die mit Jesus zusammen verurteilten Kriminellen fühlen sich zu Spott berufen, die Jünger fliehen vor ihrem Herrn. Sie wären bereit gewesen, für ihn in den Tod zu gehen. Sie sind nicht bereit, seinen gewaltlosen Widerstand zu akzeptieren.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Jesus neben dem dominierenden Einfluss seiner jüdischen Mutterreligion einem wie auch immer indirekten Einfluss aus dem Bereich des asiatischen Buddhismus ausgesetzt war. So ist das mit den Söhnen: Ehe er es sich versah, musste der Kriegsgott zu seinem Horror feststellen, dass er zusammen mit einer Sterblichen einen Pazifisten gezeugt hatte. Ans Kreuz mit ihm! Diesen Kelch lasse ich nicht an ihm vorbeigehen. Solange du an meiner Seite lebst, wird gemacht, was ich sage!

Szenenwechsel, knapp dreihundert Jahre später. Der usurpatorische Kaiser Konstantin (ca. 270 bis 337) kämpfte mit dem konkurrierenden Usurpator Maxentius (278–312) um die Vorherrschaft im römischen Reich. Bei der entscheidenden Schlacht an der Milvischen Brücke (Tiberbrücke) befand Konstantin sich 312 in einer schlechten Ausgangslage und suchte göttlichen Beistand. Im Traum, so erzählen es die Legenden, sei ihm das Kreuz der Christen erschienen, zusammen mit den Worten: In diesem Zeichen siege! Konstantin ließ die Schilde seiner Kämpfer mit dem Kreuz zieren, und siegte in der Tat. Sein Konkurrent ertrank schmählich im Tiber. Der Rest ist bekannt: Das Christentum ward fortan die führende Religion der Bellizisten, und nur selten erinnerten einige mehr oder weniger bedeutungs- und einflusslose Außenseiter an den pazifistischen Ursprung ihrer Religion.

Wie kam Konstantin darauf, den Freak Jesus zu seinem Schutzpatron zu machen? Die römischen (und griechischen) Götter waren impulsive, emotionsgetriebene Wesen, die wenig auf die logische innere Folgerichtigkeit ihrer Handlungen gaben, und vor allem waren sie eitel und bestechlich. Die Währung, mit der man einen antiken Gott bestach, war Verehrung. Jesus war der Gott einer über fast dreihundert Jahre lang verfolgten Religion, die dennoch immer stärker wurde. In den letzten Jahren nahm die Christenverfolgung ab und wich einer Toleranz. Für Konstantin bot es sich an, in dieser Situation einem solchen Gott das Angebot zu machen, die Toleranz zu festigen sowie den konkurrierenden Religionen die staatliche Förderung zu entziehen. Und siehe da: Der angerufene kauzige Gott stimmte dem Angebot zu, das er nicht ablehnen konnte. Es war einfach zu verlockend. Auch Konstantin hielt sich als römischer Ehrenmann an den Vertrag, legalisierte das Christentum und stellte die Unterstützung für die Konkurrenten ein. Im engeren Sinne Christ war Konstantin nie, jedenfalls nicht im Sinne des monotheistischen Glaubens an den einen wahren Gott. Neben Jesus huldigte er vor allem dem römischen Sol invictus (unbesiegter Sonnengott). Seine Rhetorik zielte darauf ab, eine möglichst große Harmonie zwischen den verschiedenen religiösen Anschauungen im römischen Reich herzustellen. Machtpolitisch war das eine weise Herangehensweise.

In den Augen des Römers Konstantin war sein Vertrag mit dem Christengott also ein ganz normaler Alltag im Umgang mit dem Übernatürlichen. Aber wie konnte die Gemeinde der verfolgten Pazifisten sich darauf einlassen? Grund dafür war genau die Währung, in der der Römer einen Gott bestach. Ob es Götter gibt, ob es einen Gott gibt, ob die Bestechung funktioniert, anstatt nur ein Aberglaube zu sein, sei dahin gestellt. Unter Menschen funktioniert die Bestechung prächtig. Der gebeutelten Gemeinde der Christen wurde angeboten, dass die Staatsgewalt sie von Opfern zu Tätern umdeklariert. Und das ist ein Angebot, das verlockend klingt und das man ungern ablehnt. Alles, was dazu notwendig war, war eine völlige Verkehrung der ursprünglichen Lehre. Aber sind Worte nicht nur Schall und Rauch, die man getrost in den Wind schlagen kann?

Für die Verkehrung der christlichen Lehre bot sich der Rückgriff auf das später sogenannte Alte Testament an, in welchem der Gott, mit dem Jesus als dessen Sohn nach trinitarischer Auffassung identisch ist oder dem Jesus als dessen Sohn nach arianischer Auffassung als Prophet dient, eine höchst kriegerische Gestalt annimmt. Die Diaspora (Verstreuung) der Juden machte es diesen unmöglich, kriegerische Aufträge ihres Gottes in größerem Umfang anzunehmen; insbesondere nach der verheerenden Niederlage gegen das römische Reich im Jüdischen Krieg 70 bis 74 war an Waffengänge nicht mehr zu denken. Dankbar traten die Christen in dieses Vakuum ein, leugneten Jesus und huldigten einem Kriegsgott. Es dauerte nur noch wenige Jahrzehnte, bis sie begannen, auch interne Streitigkeiten mit Gewalt zu lösen und Abweichler hinzurichten.

Die Geschichte um Kaiser Konstantin lehrt uns eine zentrale Wahrheit über Religion im Allgemeinen: Auf den Inhalt kommt es nur bedingt an. Die Inhalte konstituieren die Tradition, aber die gesellschaftlichen Interessenskämpfe verändern sie, und beides zusammen fließt ein in die spontane Ordnung. Nicht einmal die Religionsstifter, nicht einmal Gott, geschweige denn die Gläubigen sind in der Lage, über ihre Religion zu verfügen. Religion ist unverfügbar, im guten wie im schlechten Sinne.


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