06. Februar 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 14 Sündenfall, Erbsünde und beschädigte Natur

Die Perversion des Gehorsams 2

von Stefan Blankertz drucken

Hendrick Goltzius, Der Sündenfall, 1616
Bildquelle: National Gallery of Art Hendrick Goltzius, Der Sündenfall, 1616

In dem biblischen Buch Genesis (2,15 bis 3,24) wird die berühmt-berüchtigte Geschichte um Adam und Evas Sündenfall erzählt: Gott erschafft die ersten Menschen, Adam und Eva, setzt sie im Paradies aus, erlaubt ihnen dort alles, außer Früchte von einem bestimmten Baum zu essen, demjenigen der Erkenntnis. Genau dies tun die beiden Stammeltern, und Gott bestraft sie, indem er sie aus dem Paradies vertreibt: Eva soll fortan ihre Kinder unter Schmerzen gebären und Adam das Brot für die Familie im Schweiße seines Angesichts verdienen. Diese Straffolge des Sündenfalls erstreckt sich für die Folgezeit auf alle Nachgeborenen; in diesem Sinne handelt es sich um eine Erbsünde, denn die Veränderung („Beschädigung“) der Natur wird ererbt. Zu der beschädigten Natur wird neben den Geburtsschmerzen der Frau und der Notwendigkeit schweißtreibender Arbeit dann vor allem auch die Neigung gezählt, Böses zu tun („zu sündigen“). Sündenfall und Erbsünde im Sinne der ererbten beschädigten Natur sind allen abrahamitischen Religionen gemeinsam. Die inzwischen oft zu lesende Behauptung, Judentum und Islam (sowie orthodoxes Christentum) würden die Erbsünde nicht kennen, basiert auf Verkennung.

Was die letztgenannten Richtungen der abrahamitischen Religionen tatsächlich nicht kennen, ist eine spezielle Auslegung der Erbsünde im nicänischen Christentum, die besagt, dass jeder Mensch bereits als konkret schuldiger Sünder geboren werde, nicht nur als prinzipiell zur Sünde fähiger Mensch. Diese Auslegung geht auf den Kirchenvater Augustinus zurück und gründet in einer speziellen, aber umstrittenen Lesart des Apostel Paulus. Nur und erst die Taufe kann von dieser Sünde befreien, sodass zum Beispiel ungetauft direkt nach der Geburt sterbende Kinder im Stand der Sünde verbleiben und nicht in den Himmel kommen. Eine grausame und unwürdige Vorstellung. In der katholischen Kirche ist dies seit Peter Abaelard und Thomas von Aquin nicht mehr die geltende Lehre. Einige evangelische Richtungen belebten sie freilich wieder.

Im Judentum wird weiterhin auf die Erlösung von der Strafe gehofft, im Christentum und im Islam ist sie mit dem Erscheinen von Gottes Sohn Jesus respektive Allahs Propheten Mohammed eingetreten, allerdings beschränkt auf die jeweilige Anhängerschaft („Gläubigen“). Damit machen diese Religionen klar, dass die Straffolge des Sündenfalls im Sinne eines von Geburt anhaftenden Makels weiterhin in Kraft ist und nur ein eigenes religiöses Ritual von ihm befreit. Befreiung an Gehorsam zu koppeln, eine solche Volte muss einem mal einfallen. Es ist ein Meisterstück der rhetorischen Unterwerfung. Freiheit sei Sklaverei, sagt der Große Bruder in George Orwells „1984“.

Die Erzählung um den Sündenfall von Adam und Eva macht, wie gesagt, den gemeinsamen Ausgangspunkt der abrahamitischen Religionen aus. Der Begriff abrahamitische Religionen ist in Verruf geraten, weil er eine Gemeinsamkeit von Judentum, Christentum und Islam (sowie einigen weiteren Religionen in diesem Umfeld) suggeriere und die Unterschiede verwische. Sicherlich ist es falsch, Unterschiede nicht angemessen herauszuarbeiten und zu würdigen. In dem Rahmen meiner Fragestellung, welche Strategien Religionen anwenden, um ein universalisiertes Schuldverhältnis der Gläubigen gegenüber ihrem Gott zu konstituieren, gibt es freilich tatsächlich mindestens die folgenden drei Gemeinsamkeiten innerhalb der abrahamitischen Religionen:

Erstens: Die Erzählung vom Sündenfall inklusive vererbter Straffolge. Die Straffolge besteht in einer „Beschädigung der Natur“.

Zweitens: Die Erzählung von der nur im letzten Moment abgewandten Opferung Isaaks durch seinen Vater (Genesis 22, Verse 1 bis 19), respektive im Koran: der drohenden Opferung Ismaels (Sure 37, Verse 99 bis 109; wobei der zu opfernde Sohn namenlos bleibt): Gott weist Abraham an, ihm seinen Sohn als Opfer darzubringen. Gehorsam macht Abraham sich ans Werk; kurz bevor es zur Sache geht, ändert Gott aber per Engelsbotschaft seinen Auftrag und ersetzt das Kind durch ein Lamm. Über die Jahrtausende las man diese Erzählung als Probe auf die unbedingte Gehorsamkeit: Du musst bereit sein, auf Befehl Gottes das größte Verbrechen zu begehen sowie das dir Liebste zu opfern. Neuere philologische Thora-Auslegungen weisen darauf hin, dass in der Erzählung der hebräische Name des Gottes, der das Opfer anweist, nicht identisch ist mit dem Namen des hebräischen Gottes, der es widerruft. Es ginge in der Erzählung in Wirklichkeit darum, den alten Gott, der Menschenopfer fordert, durch den neuen Gott zu ersetzen, der sie ablehnt. Schön beobachtet, nur gänzlich irrelevant. Denn diese philologische Auslegung setzt nicht außer Kraft, dass die Erzählung mehr als zwei Jahrtausende lang als Test für Abrahams Gehorsam gelesen wurde. Was ist das für ein Gott, der den Menschen eine Erzählung gibt, deren Moral erst nach zwei Jahrtausenden Philologen in der Lage sind zu entschlüsseln? Mehr noch: Die philologische Interpretation widerspricht dem Monotheismus, dass es nur einen Gott gäbe; sie setzt voraus, dass Gott wie ein beliebiger Herrscher ausgetauscht werden könne. Es bleibt, dass Abraham dem Gott 1 bedingungslos gehorsam und bereit war, seinen Sohn zu opfern. Dass er dann zum Gott 2 überlief, kann man sicherlich seiner Erleichterung zuschreiben. Dennoch fragt sich, wie die Verschiebung des Gehorsams von Gott 1 auf Gott 2 legitimiert wird. Der Koran löst die Unterscheidung von Gott 1 und Gott 2 etwas anders: Den Befehl, seinen Sohn zu opfern, erhält Abraham im Traum. Dennoch scheint der Traum eine hohe Autorität zu besitzen, denn der Sohn bestärkt den Vater, er müsse vollstrecken, was ihm im Traum (durch Gott?) befohlen worden sei; in dieser Hinsicht ähnelt diese Koran-Erzählung der biblischen Jeftah-Erzählung (siehe Folge 11 dieser Serie), die im Koran nicht enthalten ist.

Drittens: Die Erzählung vom Tanz um das Goldene Kalb (siehe die Folge 15 der Serie in der nächsten Woche).

In allen drei Fällen geht es um die Etablierung des bedingungslosen, des unbedingten Gehorsams. In der Erzählung vom Tanz um das Goldene Kalb wird zusätzlich das Tötungsgebot gegenüber Abtrünnigen ausgesprochen (wobei die jeweils herrschende Linie geringfügige Nuancen in der Auslegung der Schrift bereits als Abfall wertet).

Eine besondere Note erhält die Erzählung vom Sündenfall durch die Kennzeichnung der verbotenen Frucht als diejenige, die vom Baum der Erkenntnis stamme. Dies lädt zu einer entwicklungsgeschichtlichen Interpretation ein: Auf die Erkenntnis folgen die Unterscheidung von Gut und Böse sowie das Realisieren, dass man nackt und dass man sterblich sei. Nicht die Tatsache der Nacktheit und die der Sterblichkeit selber folgen aus dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis, sondern dass der Mensch sich im Gegensatz zu seinem tierischen Zustand dessen bewusst wird. Der Primatologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel identifizieren diesen Zeitpunkt in einer 2016 publizierten Studie mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Auf den biblischen Text zurückbezogen ließe sich daraus schließen, dass Gott nicht gewollt habe, den Menschen zum Unterscheiden von Gut und Böse, zum Realisieren von Nacktheit und Sterblichkeit zu befähigen. Damit aber wäre die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die gerade in seiner Vernunft- und Erkenntnisfähigkeit gesehen wird, in Frage gestellt. Der Mensch hätte Tier bleiben sollen, nach Gottes Willen. Eine interessante Parallele dazu ist in der griechischen Mythologie der Ungehorsam von Prometheus, der den Menschen gegen den Willen des Rats der olympischen Götter das Feuer bringt und sie damit den Göttern ähnlich werden lässt. Auch hier folgt die Menschwerdung aus einem Ungehorsam.

Bei Thomas von Aquin erhält der Gehorsamsbegriff eine tiefgreifende Umdeutung: Gehorsamkeit bedeute, der von Gott gegebenen Vernunft zu folgen. Gott habe dem Menschen die Vernunft gegeben, um sein Leben anzuleiten, und damit den naturgeleiteten Tieren gegenübergestellt. Wunderbar, ich liebe diese Stellen bei Thomas. Eine Übereinstimmung mit den biblischen Erzählungen kriegt er allerdings nur durch halsbrecherische Interpretationen hin.

Die abrahamitischen Religionen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Weitere bestimmende Glaubensbekenntnisse sind mit etwas über zehn Prozent der Hinduismus, mit etwas unter zehn Prozent der Buddhismus. Hinduismus und Buddhismus werden (mit einer Reihe weiterer Religionen) als dharmische Religionen zusammengefasst, wobei „Dharma“ auf den in diesen Religionen geglaubten Weisheitsschatz hindeutet. Sie bezeichnet man oft als nicht-monotheistisch, was unzutreffend ist, denn der den dharmischen Religionen zugerechnete Sikhismus ist monotheistisch; und beim Buddhismus würde ich mich dafür starkmachen, auch ihn als monotheistisch zu bezeichnen, weil Buddha die Funktion des monotheistischen Einen höheren Wesens einnimmt, das verehrt wird.

Die Erzählung vom Sündenfall, wie die abrahamitischen Religionen sie tradieren, findet sich so im Hinduismus und Buddhismus nicht. Die oft in diesem Zusammenhang zu lesende Behauptung, diese Religionen würden nur die individuellen eigenen Taten moralisch bewerten, ist freilich Unsinn. Bei der Wiedergeburt entscheidet das im früheren Leben angesammelte Karma über die Art und Weise der Wiedergeburt, es wird ererbt. Die Erbsünde ist nicht wie in der biblischen Erzählung kollektiviert, sondern sie bleibt individuell, aber überspannt den gesamten Zyklus der aufeinander folgenden Leben. Ob ich für die Sünde büßen muss, die angeblich die Stammeltern Adam und Eva einst begingen, oder für diejenigen, die ich von einem früheren, mir unzugänglichen und nicht bewussten „Ich“ ererbt habe, läuft praktisch gesehen auf das Gleiche hinaus. Der Buddhismus hat überdies die Schwierigkeit, zu erklären, wie ein „Ich“, das als eine bloße Illusion angesehen wird, wiedergeboren werden könne; das aber ist eine andere Baustelle.

Eine spannende Differenz zwischen abrahamitischen und dharmischen Religionen besteht darin, dass in der biblischen Erzählung vom Sündenfall dieser darin besteht, vom Baum der Erkenntnis zu essen, während die dharmischen Religionen das Problem in der Unwissenheit sehen. Unwissenheit allerdings ist nicht nach einem wissenschaftlichen oder vernünftigen Prinzip definiert, sondern nur durch die strikte Befolgung der tradierten Weisheiten.

Eigenes Nachdenken scheint allen Religionen zuwider zu sein. Theologen wie Peter Abaelard und Thomas von Aquin sind heldenhafte Ausnahmen. Sie stehen an der Schwelle zum Unglauben.


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