23. Januar 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 12 Von der Autonomie des Gewissens

Die Dawkins-Hypothese

von Stefan Blankertz drucken

Religion: Symbolik und Vernunft im Konflikt
Bildquelle: e-Redaktion Religion: Symbolik und Vernunft im Konflikt

Eine verbreitete Strategie zur Verteidigung des Glaubens besagt, alle Religionen wollten im Grunde das Gleiche, und zwar das Gute, demgegenüber Verbrechen wie Inquisition, Hexenverfolgung oder heutiger islamistischer Terror einen Missbrauch darstellten. Aber selbst wenn wir zugestehen würden, dass „die“ Religionen unschuldig seien (im Beitrag letzte Woche habe ich nachgewiesen, dass dies nicht der Fall ist), zeigt der „Missbrauch“, dass es nicht der Glaube und die religiöse Moral an sich sind, die Terror und Verbrechen verhindern. Glaube und religiöse Moral induzieren kein moralisches Handeln, sondern sind Wachs in den Händen derer, die auf Religion und sakrale Texte zurückgreifen, um damit ihren Standpunkt zu rechtfertigen.

Im Jahr 2006 veröffentlichte Richard Dawkins sein Buch „Der Gotteswahn“. Richard Dawkins ist kein Philosoph und kein Theologe, sondern Biologe, genauer gesagt Soziobiologe: Er vertritt eine Evolutionsbiologie, die von dem Verbreitungsinteresse des einzelnen „egoistischen“ Gens ausgeht. Das „Interesse“ des egoistischen Gens steuert sowohl die allgemeine biologische Entwicklung als auch das Verhalten des einzelnen Individuums. Dawkins ärgert sich insbesondere über die christlichen Fundamentalisten, die der Evolutionslehre mit der auf der Bibel fußenden dogmatischen Schöpfungslehre entgegentreten, dafür aber freilich Gründe in wissenschaftlichem Gewande anführen. Der Ärger ist ein mächtiger Co-Autor des Buches, man merkt ihn ihm an. In vielen theologischen und philosophischen Einzelheiten schießt Dawkins weit übers Ziel hinaus und erlaubt sich etliche handwerkliche Fehler.

Dennoch zähle ich es zu den großen Werken der Weltliteratur. Es eröffnet eine Einsicht, die nicht hoch genug geschätzt werden kann. Denn Dawkins zeigt auf, dass die sakralen Texte (fast ausschließlich befasst er sich mit der Bibel und hauptsächlich dem Alten Testament) kein moralisch schlüssiges Konzept enthalten. Egal ob die kriegshetzerischen Bösewichte oder die liebdienerischen Gutmenschen, beide können für ihre Sache jeweils Belegstellen zitieren. Text steht gegen Text. Dawkins hätte hier seiner Argumentation Tiefe verleihen können, hätte er auf den mittelalterlichen christlichen Philosophen Peter Abaelard verwiesen, der nämlich genau dies rund tausend Jahre vorher bereits statuiert und akribisch belegt hatte.

Es ist demnach nicht so, dass uns die Religion (welche auch immer) mit einem moralischen Urteil ausstattet, sondern wir lesen den Text mit unserem bereits vorgefassten moralischen Urteil und picken uns die dazu passenden Stellen heraus, während wir die entgegenstehenden Passagen ausblenden oder weginterpretieren. Dies gilt sogar für die schlimmsten Dogmatiker. Sie hauen uns Zitate um die Ohren, die ihren Standpunkt zu stützen scheinen, aber verschließen die Ohren für alles, was ihnen nicht in den Kram passt.

Um es einmal an einem anderen als dem biblischen Text deutlich zu machen, nämlich dem Koran. Es ist bekannt, dass der Koran bezüglich vieler ganz konkreter Anweisungen wie dem Konsum von Alkohol widersprüchliche Aussagen enthält; dies ist so deutlich, dass nicht einmal die übelsten islamischen Dogmatiker daran vorbeikommen, sich zu äußern. Sie haben nun die Regel aufgestellt, dass die historisch spätere Anweisung gültig sei und die historisch frühere Anweisung aufhebe. Dieses schematische Verfahren wird „Abrogation“ genannt. Es ist einfach und klar, aber durchaus fraglich, denn für jeden denkenden Menschen wirft es drei Fragen auf: Erstens, warum enthält der sakrale Text weiterhin die aufgehobene Anweisung? Sie könnte ersatzlos gestrichen werden. Zweitens, wie kann es sein, dass Gott oder sein Prophet sich zu einem früheren Zeitpunkt geirrt haben bei einer Anweisung? Drittens, wenn die Abrogation ein sinnvolles Interpretationsverfahren wäre, weshalb steht es dann nicht im Koran? Darüber hinaus setzt die Abrogation eine historische Lesart des Korans voraus, die die islamischen Dogmatiker strikt verbieten. Die Anordnung der Suren folgt aber nicht ihrer historischen Entstehung; an ihr kann der Laie die Abrogation nicht nachvollziehen.

Nehmen wir für einen Moment an, dass wir durch Abrogation oder sonst ein interpretatorisches Verfahren einen sakralen Text ohne moralische Widersprüche herstellen können. Was würde uns das helfen? Wodurch sollte der Text uns veranlassen, seinen nun moralisch eindeutigen Kriterien zu folgen? Schon Peter Abaelard hatte es gewusst: Nichts. Der Text verfügt über keinerlei Autorität, wenn es der Vernunft nicht erlaubt ist, über ihn zu urteilen. Andernfalls könnten beliebige Aussagen getroffen und zum Glauben vorgelegt werden. Erst eine vernünftige Prüfung der Wahrheitsansprüche des Textes macht aus ihm etwas, dem wir folgen sollten. Abaelards frühmittelalterliche Pionierleistung arbeitete Thomas von Aquin im Hochmittelalter zu einer umfassenden Synthese von Theologie und Philosophie aus. Ein guter und wohlwollender Gott, den Thomas – den alttestamentarischen Texten entgegen – unterstellte, könne uns nichts zum Glauben vorlegen, was der Vernunft widerspricht, der Vernunft, die wir als Gnadengabe von ihm empfangen haben, statuierte Thomas. Obwohl er die Philosophie zur Magd (Hilfswissenschaft) der Theologie erklärte, wandelt sie sich per Dialektik von Herrin und Magd zur Herrin: Die Philosophie entscheidet per Vernunft, was geglaubt werden darf. Sie steckt den Rahmen ab, ebenso wie sie richtig und falsch, gut und böse definiert. Der sakrale Text sinkt zu einem pädagogischen Instrument ab, das dem einfachen, zur Vernunft nur unzulänglich zugänglichen Volk die Wahrheiten schmackhaft macht. Auf islamischer Seite hatte Avicenna (Ibn Sina) dies zweihundert Jahre vor Thomas von Aquin bereits dargelegt; für das Judentum Maimonides rund fünfzig Jahre eher. Der unmoralischen und widervernünftigen Aussagen in ihren jeweiligen sakralen Texten wegen hatten es alle drei Denker schwer, ihren Thesen eine theologische Grundlage zu verpassen.

Was von Avicenna, Abaelard, Maimonides und Thomas von Aquin tatsächlich zu lernen ist, ist das Folgende: Der (sakrale) Text kann uns zu denken geben, er kann uns zum Nachdenken anleiten; er kann aus sich heraus uns weder dazu veranlassen, ihm zu glauben, noch uns zu einem moralischen Verhalten veranlassen, es sei denn, er überzeugt uns.

Viele Religionen leben von einer Kombination aus Offenbarung und Text. Die Offenbarung deutet auf den Text, der seine Autorität aus der Offenbarung bezieht. Dies macht die ganze Sache keinen Deut besser. Die Offenbarung erfordert ebenfalls, einer vernünftigen Abwägung unterzogen zu werden. Zum einen muss man eine Offenbarung vom krankhaften Stimmenhören abgrenzen, dem sicherlich keine Autorität zugesprochen werden sollte. Aber auch der Inhalt der Offenbarung bedarf der Prüfung, ansonsten ließen beliebige Anweisungen, sogar diejenigen zu den abscheulichsten Schandtaten, sich als Offenbarung deklarieren. Auch dies ist keine leere oder abstrakte Befürchtung, vielmehr sind die Annalen der Geschichte angefüllt mit hochrangigen Verbrechern, die ihre Mordlust im Kleid einer Offenbarung ausführten. Zu erinnern ist an den sadistischen Inquisitor Tomás de Torquemada im 15. Jahrhundert. Heutige islamistische Terroristen stoßen bei der Verübung ihrer Anschläge den Gottesnamen aus. Zu den Ungereimtheiten des Gotteswahns gehört es, dass er einen Gott konstruiert, der zwar auf geringfügige Beleidigungen seines Namens oder Abweichungen im Glauben die schärfsten Strafen anweist, aber offenbar keinerlei Anstoß an dem Missbrauch seines Namens für Kapitalverbrechen nimmt.

Wenn man nun einwendet, Gott könne sich gegen den Missbrauch seines Namens nicht zur Wehr setzen, da er in einem solchen Fall die von ihm den Menschen zugestandene Willensfreiheit aufheben würde, führt auch das in den Selbstwiderspruch: Warum kann er sich nicht gegen den Missbrauch seines Namens wappnen, sehr wohl sich aber des Armes mörderisch gesinnter Menschen bedienen, um Abtrünnige hinzurichten – angefangen in jener erbärmlichen Erzählung um das Goldene Kalb: Moses kehrt mit den Tafeln der Zehn Gebote unter dem Arm ins Lager der Israeliten zurück, den Geboten, deren sechstes lautet: Du sollst nicht töten. Das fünfte lautet: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Dann sieht er, dass ein Teil des wartenden Volkes abtrünnig geworden ist und das Goldene Kalb anbetet. Flugs zerschmettert er die Tafeln und ordnet die kollektive Ermordung der Abtrünnigen an, ausdrücklich eingeschlossen sind „Bruder, Freund und Nächster“ (wobei „Nächster“ hier nichts anderes als nahe Verwandte heißen kann). (Mehr zum Tanz ums Goldene Kalb in Folge 15 dieser Serie.) Keine Religion, die sich auf diesen Gründungsmythos bezieht (und das sind alle abrahamitischen Religionen), kann Anspruch auf den Titel erheben, in auch nur dem rudimentärsten Sinne Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu fördern.

Der Gläubige, der Dawkins’ Buch „Der Gotteswahn“ die eine oder andere Nachlässigkeit ankreidet, verfährt nach dem Jesus-Wort, den Splitter im Auge des Bruders zu sehen, den im eigenen Auge aber zu leugnen (Mt 7,3; Lk 6,41).


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