09. Januar 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 10 Samuel stößt auf taube Ohren

Thron und Altar 4

von Stefan Blankertz drucken

Religiöser Widerstand: Machtkampf zwischen Glauben und Herrschaft
Bildquelle: e-Redaktion Religiöser Widerstand: Machtkampf zwischen Glauben und Herrschaft

Genauso alt wie das Bündnis von Thron und Altar ist der religiöse Widerstand gegen die Herrschaft.

Um das Jahr 1355 vor Christus versuchte der Pharao Amenhotep gemeinsam mit seiner berühmten Hauptgemahlin Nofretete, der Priesterschaft und dem Volk einen Monotheismus oder zumindest eine Monolatrie aufzunötigen. Fortan nannte er sich Echnaton, Diener des Sonnengottes Aton. Wie weit dieser Monotheismus oder die Monolatrie gingen und wie weit er oder sie sich realisieren ließen, ist umstritten, tut aber an dieser Stelle nichts zur Sache.

Gegen die Entmachtung der Priester anderer Götter lehnten diese sich auf, auch in der Bevölkerung regte sich Widerstand. Weil die ganze Angelegenheit, wie ich gleich zeigen werde, für die abrahamitischen Religionen höchst peinlich ist, wird der Widerstand bis heute aber nicht als solcher gekennzeichnet, höchstens als beleidigte Reaktion der entmachteten Priester erwähnt. Aber nach Echnatons Tod setzten sie sich durch und installierten erneut die alte Ordnung der polytheistischen Gottheiten.

Für die abrahamitischen Religionen ist die Geschichte um Echnaton peinlich:

Erstens erfolgte die Erfindung des Monotheismus durch die Ägypter.

Zweitens erhielt der Monotheismus keine Zustimmung im Volk.

Drittens lässt diese Geschichte es sogar als wahrscheinlich erscheinen, dass Moses, der Stifter der abrahamitischen Religionen, ein Ägypter war.

Vermutlich war Moses, wenn er überhaupt eine historische und nicht nur eine mythische Gestalt ist, einer der Aton-Priester, nach der Wiederherstellung der alten Ordnung arbeitslos geworden, der sich nun ein neues Volk von Gläubigen suchte. Er wurde zum Haupt des Widerstands dieses Volks gegen die Ägypter. Und agierte alles andere als ein Befreier. Einen im Volk verbreiteten konkurrierenden Kult, den ums sprichwörtliche Goldene Kalb, ließ er auf brutale Weise ausrotten. Dieser Akt ist so verstörend, dass etwa Sigmund Freud ihn zweimal negierte: Michelangelos Mose-Statue deutete er 1914 in der Weise, dass Moses nach dem Willen des Künstlers auf das Massaker verzichtet, um die Tafeln mit den Zehn Geboten davor zu bewahren, ihm unter dem Arm wegzufallen und auf dem Boden zu zerschellen. Und in einem seiner großartigsten Werke, „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1938), rekonstruiert er gar, dass die Anhänger des Goldenen Kalbs gesiegt und Moses getötet hätten (Vatermord-Theorie). Erst später habe sich die mosaische Religion durchgesetzt und die Geschichte umgeschrieben. Mehr dazu in Folge 15 dieser Serie.

Der Tanach (Altes Testament) enthält ein interessantes indirektes Zeugnis von echtem Widerstand gegen die Installierung der Staatsgewalt. In Kapitel 8 des ersten Buchs Samuel wird berichtet, das Volk verlange einen zentralen König anstelle der polyzentrischen Richter, von denen Samuel einer war. Samuel missfällt die Forderung und berät sich mit Gott, der sie interessanterweise gegen sich gerichtet sieht: „dass ich nicht mehr König über die Israeliten sein soll“. Martin Buber nimmt diese Stelle zum Ausgangspunkt seiner Deutung, das Königtum Gottes im Judentum sei die Negierung des weltlichen Königtums und ein Plädoyer für die Anarchie. Gott weist Samuel an, der Bitte des Volks nachzukommen. Doch zuvor hält Samuel eine Rede, in der er vor dem Königtum warnt: „Eure Söhne wird der König nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne. … Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten. … Eure besten Äcker und Weinberge wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben.“ Das ist eine erstaunlich präzise Prophetie, doch das Volk will sich nicht warnen lassen und besteht darauf, dass ein König eingesetzt werde.

Die Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum ersten erstaunt, dass dieses Zeugnis von Widerstand gegen das weltliche Königtum überhaupt alle Redaktionsstufen überdauert hat. Dann aber ist es ein geschickter rhetorischer Kniff der vermutlich etatistischen Redakteure, die Forderung nach einem König dem Volk – und zwar dem Volk als Ganzes – in den Mund zu legen, während die alte polyzentrische Elite mit Samuel an der Spitze die Gegner der Einrichtung des Königtums ist. Schließlich überzeugt die Rhetorik aber nicht. Es scheint tatsächlich einen Widerstand im Volk gegeben zu haben. Samuel wendet sich an diejenigen, die die ökonomischen Verlierer sein werden, und das ist eben nicht die Elite, die vielmehr auf Bereicherung hoffen kann. Dies hat Samuel ja nicht einfach so daher gesagt, rund um das Volk der Juden existierten Königtümer, und Samuels Prophetie stützt sich auf eine echte Empirie.

Später leisteten die Juden militärischen Widerstand gegen die römischen Besatzer, denen sie schließlich unterlagen. Zugleich aber kämpften sie nicht für die Befreiung, sondern hatten keine Probleme damit, interne Abweichler zu töten. Jesus ist nur das prominenteste Opfer. Die Liste ist leider lang.

Passiven Widerstand leisteten die Frühchristen gegen die römische Militärmaschinerie, gegen Sklavenhaltertum, gegen Dekadenz und Gladiatorenspiele, gegen die Diskriminierung der Frauen. Doch in dem Moment, als das Christentum im Jahr 380 zur Staatsreligion wurde, war dies alles vergessen – bis auf die Gladiatorenspiele, die sukzessive abgeschafft wurden; dafür aber gab es nun das Tötungsgebot für Homosexualität und für Abweichung im Glauben. Das Drama habe ich in Folge 8 der Serie beschrieben.

Die Zeiten und die Formen ändern sich, aber die Essenz bleibt gleich: Religiöse Überzeugungen sind ein starker Stachel, der zum Widerstand reizt und befähigt, auch schlimmen Verfolgungen standzuhalten. Dies vor allem dann, insoweit durch die Herrschenden die Ausübung des Kultes selber angegriffen wird oder insoweit die Herrschenden zentrale Werte der in Frage stehenden Religion verletzen. Falls der Widerstand Erfolg hat, gewähren die zur Macht gekommenen Gläubigen allerdings keine Freiheit, sondern wünschen sich den Einsatz von Staatsgewalt, um ihre Werte und zum Teil sogar ihren Glauben den Andersgläubigen aufzuzwingen.

Eine Ausnahme von dieser Regel zeigt, dass sie letztlich doch gültig bleibt. Die Ausnahme ist die Amerikanische Revolution 1775–1783, der erfolgreiche Widerstand gegen die Herrschaft der englischen Krone. Die Herstellung der Glaubensfreiheit nach der Revolution entsprang nicht der Überzeugung der Religiösen, sondern der glücklicherweise faktischen Unmöglichkeit eines der involvierten Glaubenssysteme, die Vorherrschaft zu erlangen. Die Glaubensfreiheit war nichts als ein pragmatisches Zugeständnis an die realen Verhältnisse und erstreckte sich meist nur auf die verschiedenen evangelischen Kirchen und Gemeinden. Die italienischen und irischen Katholiken wurden diskriminiert.

Ein markantes Beispiel ist die US-amerikanische Bildungspolitik um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Über lange Zeit bewirkte die Machtbalance zwischen den evangelischen Glaubensbekenntnissen, dass sie einander die Freiheit gewährten, jeweils eigene Schulen einzurichten. Mit den Migrationswellen von Katholiken aus Irland und Italien schlossen die evangelischen Glaubensbekenntnisse sich zusammen, um den Katholiken das gleiche Recht abzunehmen. Stattdessen einigten sie sich nun auf das säkulare Programm einer verstaatlichten Schulbildung, das etatistische Bildungsreformer schon seit langem propagierten, womit die Religionen sich mittelfristig selber aus dem Geschäft kickten.

Fundamentalistische Christen träumen nicht bloß in den USA davon, einst in die Lage zu kommen wie die Islamisten mit der iranischen Revolution. Das ist kein Widerstand.

Die iranische Revolution stellt der Religion in der Tat ein erschreckendes Zeugnis aus, nicht dem Islam allein, sondern sie offenbart eine Wahrheit, die der Religion innezuwohnen scheint, jeder Religion. Der Widerstand gegen das Regime des Schahs von Persien war echt und wurde von weiten Teilen der Bevölkerung getragen, die bereit war, sich unter das vermutlich deutlich schlimmere Regime der Mullahs zu beugen, inklusive der Frauen, die begierig darauf waren, sich zu verschleiern und zum Verschwinden zu bringen. Und niemand, wirklich niemand durfte behaupten, es nicht besser gewusst haben zu können: Wer sich nur ein wenig in Geschichte und Gegenwart umschaut, weiß, wie Religionen hausen. Samuel bleibt der Prophet, der auf taube Ohren stößt.


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