11. Januar 2026 18:00

Freiheit und Herrschaft Venezuela und die doppelte Lüge der Macht

Warum Tyrannen stürzen nicht reicht – wenn Macht unangetastet bleibt

von Volker Ketzer drucken

Wenn Gewalt endet, kann Freiheit beginnen.
Bildquelle: Eigenes Bild Wenn Gewalt endet, kann Freiheit beginnen.

Venezuela ist kein Unfall der Geschichte.

Es ist das Ergebnis einer Idee, die immer gleich endet: dass Macht Freiheit ersetzen könne. Erst versprach der Staat Gerechtigkeit. Dann Ordnung. Dann Sicherheit. Am Ende blieb nur Gewalt – innen wie außen.

Heute streiten sich viele darüber, wer Venezuela zerstört hat: der Diktator, der Sozialismus, Korruption und Klientelismus, die Sanktionen, das Ausland. Das ist bequem. Denn so muss man sich nicht mit der eigentlichen Frage beschäftigen: warum Menschen immer wieder glauben, Freiheit lasse sich durch Herrschaft retten.

Venezuela zeigt nicht nur, wie ein Staat seine Bürger unterdrückt. Es zeigt auch, wie andere Staaten diese Unterdrückung benutzen, um ihre eigene Macht zu rechtfertigen. Zwei Seiten. Ein Prinzip. Derselbe Irrtum.

Freiheit stirbt nicht erst, wenn Panzer rollen.

Sie stirbt, wenn man Macht und Herrschaft als Lösung sieht.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen:

Ja, ich halte es für richtig, dass ein sozialistischer Wahlbetrüger, ein korrupter Autokrat und mutmaßlicher Drogenboss festgenommen wird. Niemand muss Mitleid mit einem Regime haben, das sein eigenes Volk ausgehungert, enteignet und mit Gewalt zum Schweigen gebracht hat. Wer das bestreitet, verharmlost Tyrannei.

Aber genau hier beginnt das Problem. Denn die Geschichte Venezuelas lässt sich nicht auf einen einzelnen Bösewicht reduzieren. Maduro ist nicht die Ursache, er ist das Symptom. Die Ursache ist ein Staat, der sich für allzuständig erklärt hat – für Wirtschaft, Moral, Wahrheit und Zukunft. Ein Staat, der Eigentum abschaffte, Preise diktierte, Opposition kriminalisierte und sich dabei stets auf „das Volk“ berief.

Sozialismus ist in Venezuela nicht an bösen Absichten gescheitert. Er ist an seiner Logik gescheitert. Wer Macht konzentriert, zerstört Verantwortung. Wer Verantwortung zerstört, erzeugt Abhängigkeit. Und wer Abhängigkeit erzeugt, muss irgendwann Gewalt anwenden, um sie aufrechtzuerhalten.

Das ist die innere Lüge der Macht.

Doch Venezuela zeigt noch etwas Zweites. Etwas Unbequemereres. Denn dort endet die Geschichte nicht mit der Diktatur. Sie geht weiter mit Sanktionen, Interventionen, geopolitischen Interessen und der Erzählung, man müsse Freiheit „von außen“ bringen.

Hier wird die Herrschaft des Tyrannen plötzlich zur Bühne für andere Machtapparate. Dieselben Staaten, die Freiheit im eigenen Land immer weiter einschränken, entdecken auf einmal ihr Herz für Menschenrechte – allerdings nur dort, wo es strategisch passt. Freiheit wird zur Begründung, nicht zum Ziel. Menschen werden zu Argumenten.

Auch das ist kein Zufall. Wer glaubt, Freiheit lasse sich mit Zwang exportieren, hat nie verstanden, was Freiheit ist.

Bomben befreien nicht. Sanktionen machen Menschen nicht souverän. Ein Machtwechsel ersetzt keine Machtbegrenzung.

Das ist die äußere Lüge der Macht.

Und genau hier wird Venezuela für Libertäre interessant – und gefährlich zugleich. Denn die Versuchung ist groß, Partei zu ergreifen. Für den starken Mann gegen den schwachen Staat. Für den äußeren Eingriff gegen den inneren Despoten. Für den Feind meines Feindes.

Aber Freiheit funktioniert nicht nach Lagerlogik. Sie ist kein geopolitisches Projekt. Sie ist eine Ordnung ohne Herrschaft, nicht eine Herrschaft mit besserer PR.

Wer staatliche Macht nur dann kritisiert, wenn sie die falsche Fahne trägt, hat Freiheit nicht verstanden. Und wer glaubt, der richtige Staat werde es diesmal richten, wiederholt exakt den Fehler, der Venezuela erst möglich gemacht hat.

Das eigentliche Lehrstück Venezuelas ist deshalb nicht der Sozialismus allein. Es ist der Glaube, dass große Probleme große Macht brauchen. Dass Ordnung von oben kommt. Dass Menschen gelenkt werden müssen, zu ihrem eigenen Besten.

Venezuela war reich.

Venezuela war souverän.

Venezuela hatte Ressourcen.

Was es nicht hatte, war eine Begrenzung der Macht.

Und genau deshalb wurde aus Reichtum Mangel, aus Ordnung Chaos und aus Politik Gewalt. Erst im Namen der Gerechtigkeit. Dann im Namen der Stabilität. Am Ende im Namen des Überlebens.

Freiheit ist kein Zustand, den man verordnen kann. Sie entsteht nicht durch Erlasse, nicht durch Präsidenten, nicht durch Interventionen. Sie entsteht dort, wo Macht begrenzt wird, wo Eigentum geschützt ist, wo Verantwortung beim Einzelnen liegt – und wo niemand behauptet, für alle sprechen zu dürfen.

Venezuela braucht keine neuen Herren.

Es braucht weniger Herrschaft.

Das gilt dort. Und es gilt überall sonst auch.

Wer aus Venezuela lernen will, sollte nicht fragen, welcher Staat der bessere ist. Sondern warum wir immer wieder glauben, der Staat werde es schon richten.

Freiheit braucht keine Retter. Sie braucht Menschen, die Macht misstrauen – auch dann, wenn sie angeblich auf der richtigen Seite steht.

Bleib frei im Kopf.


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