25. Februar 2026 11:00

Herrschaft Wie Herrschaft unsichtbar wird: Von Hess und Marx über Bogdanov, Wiener und die Limits of Growth bis zu programmierbarem Geld

Davon konnte Marx nur träumen

von Axel B.C. Krauss drucken

Technokratie: Unsichtbare Herrschaft durch Geld und Netzwerke
Bildquelle: Redaktion Technokratie: Unsichtbare Herrschaft durch Geld und Netzwerke

Wie Herrschaft unsichtbar wird: Von Hess und Marx über Bogdanov, Wiener und die Limits of Growth bis zu programmierbarem Geld

Davon konnte Marx nur träumen

Um wirklich verstehen zu können, warum der „Planungswahn“, unter welchen Etiketten er auch immer auftreten mag, heute solche Blüten treibt und von den herrschenden Eliten vorangetrieben wird, sind halbwegs profunde Geschichtskenntnisse natürlich unerlässlich. Nennen Sie es „Regulierungswut“, nennen Sie es „Sozialismus“ oder „Kommunismus“, nennen Sie es Planwirtschaft – die ideengeschichtlichen Samen für dieses Begriffsgestrüpp wurden bereits vor langer Zeit gelegt.

Die Verwirrung, das Staunen und Kopfschütteln vieler Zeitgenossen darob ist oftmals der Tatsache geschuldet, dass heuer leider nicht mehr ausführlicher, sprich in der historischen Vertikalen, gegraben und nach möglichen Ursachen gesucht wird, sondern einer flachen, horizontalen Sicht auf Geschichte geschuldet: Vorgeschichte(n), war da was? Ach, es ist halt so, was will man machen. Alles nur Zufall, gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Im Gegenteil.

Wenn man also die ideengeschichtlichen Strömungen, die letztendlich in den mittlerweile recht weit verbreiteten Oberbegriff „Technokratie“ mündeten, betrachten möchte, könnte man durchaus bis in die Ära der französischen Revolution(en) zurückgehen, wie ich es in meinem Buch „Was ist Technokratie?“ tat, um zumindest einige dieser Wurzeln freizulegen. In Ultrakurzform: Man könnte mit einigem Recht den Globalismus oder „die Globalisten“ von heute als geistesgeschichtliche Erben der französischen Sozialrevolutionäre betrachten. Natürlich nicht, weil diese schon damals umfassende Kontroll- und Überwachungsfantasien gehabt hätten oder Mensch und Welt als große Maschine auffassten, die mit den entsprechenden „Experten“-Kenntnissen steuer- und regulierbar wäre. Sondern weil sie für die von ihnen vertretenen Werte universelle Geltung beanspruchten, also eine weltweite: Die ganze Menschheit solle gemäß dieser Werte leben und arbeiten, auf ein gemeinsames Ziel hin, eben ein globales. Unter den Sozialrevolutionären, so universell ihre Ideale auch gewesen sein mögen, gab es viele unterschiedlich ausgerichtete Strömungen. Da war alles vertreten: Von Hardcore-Kommunisten, eher „soften“ Sozialisten über kapitalistisch orientierte Denker bis hin zu beinharten Anarchisten, die eine möglichst herrschaftsfreie Gesellschaft anstrebten.

Was davon heute „überlebt“ hat und etwas schwammig als „Globalismus“ betitelt wird, ist im Wesentlichen ein oligarchisch oder plutokratisch gefördertes und vertretenes und, wie schon öfter gut beobachtet wurde, korpokratisch-korporatistisches Modell von Machtausübung. Auch wenn das Zitat schon x-mal abgespult wurde, kann es nicht schaden, sich die „Kurzzusammenfassung“ Graf Kalergis noch einmal in Erinnerung zu rufen:

„Die Verfassungsform, die Feudalismus und Absolutismus ablöste, war demokratisch; die Herrschaftsform plutokratisch. [...] Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. [...] Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist.“ (Graf Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, „Praktischer Idealismus – Adel, Technik, Pazifismus“, Paneuropa-Verlag, 1925, S. 39).

Doch warum ist die Plutokratie von heute mächtiger? Weil sie an den Schalthebeln der Wirtschaftsordnung sitzt und nicht zuletzt viele der größten Unternehmen beziehungsweise Konzerne der Welt lenkt. Mit anderen Worten – das hatte Kalergi ganz richtig bemerkt – verfügen sie durch diese globale Reichweite eben auch über globale Macht, im Gegensatz zu den „Aristokratien von gestern“. Sie sind nicht mehr auf ein einzelnes Land oder einige davon beschränkt, sondern können durch ihren Einfluss in und auf globale Institutionen wie zum Beispiel die BIZ, die Weltbank, die WHO, die UN oder den IWF, durch wirkmächtige Organisationen wie das Weltwirtschaftsforum, diverse Denkfabriken und so weiter nicht nur Finanz- und Wirtschaftspolitik gestalten, sondern haben – auch dies begann übrigens schon zu Zeiten der französischen Revolution – durch die „Kooptierung“ des modernen Massenjournalismus eine ungeheure publizistische und propagandistische Macht angehäuft.

Einige der wichtigsten Eckpunkte waren Moses Hess’ Schrift „The Essence of Money“ (1843), in der er Geld als „soziales Blut“ beschrieb, das durch den Körper von Wirtschaft und Gesellschaft fließe; der „richtige“ Einsatz von Geld führe zu fairen und gerechten Ergebnissen, der „falsche“ zu Ungerechtigkeit. Daher müssten Geld und die Geldströme so gestaltet werden, dass sie einem moralischen Zweck dienen. Der Egoismus müsse beseitigt und das Geld müsse an Ziele der Förderung des kollektiven Wohls, des „Gemeinwesens“, angepasst werden. Das Problem dabei ist natürlich, wie man denn nun „richtig“ und „falsch“ definiert und an welchen „moralischen Zwecken“ dies ausgerichtet wird – wer legt das fest? Dieser Grundgedanke – die moralische Aufladung von Geld, sozusagen – spiegelt sich heute in den geplanten programmierbaren Währungen beziehungsweise im programmierbaren Geld wider – es enthält in sich bereits die einprogrammierten „moralischen“ Verwendungszwecke und soll für andere nicht mehr ausgegeben werden können. Diese sogenannten moralischen Werte wären heute vor allem die Orientierung an den „ESG-Kriterien“, also im Kern: Klima, Nachhaltigkeit und Inklusion.

„Hess war nicht der Einzige, der zu diesem Schluss kam“, heißt es in einer gewohnt kenntnisreichen und scharfsichtigen Analyse des Blogs ESC („One“, 21. Februar 2026). „Paul Carus gelangte durch interreligiösen Dialog zu derselben Erkenntnis, Pierre Teilhard de Chardin durch christliche Theologie, Hermann Cohen durch Philosophie, Hans Küng und Leonard Swidler durch ihre Arbeiten aus den 1990er Jahren zum Thema ›globale Ethik‹ […]. Die zugrunde liegende Überzeugung – dass der eigennützige Einzelne das Problem und das Kollektiv die Lösung sei – wird in spirituellen, philosophischen und politischen Traditionen praktisch unangefochten vertreten. Jeffrey Sachs sagt es ganz klar in ›Ethics in Action for Sustainable Development‹: Individualismus ist das Hindernis, kollektives Engagement ist die Lösung.“

Um den Blogartikel etwas zu verdichten: Das ideengeschichtliche Substrat der modernen Technokratie läuft auf ökologisch, sozial und technologisch begründete Elitenherrschaft hinaus, die sich aber nicht mehr als solche zu erkennen gibt. Stattdessen wird der Herrschaftsanspruch als moralisch und aus Vernunftgründen unbestreitbar und alternativlos getarnt: Es geht um den ganzen Planeten, nicht um einzelne Menschen, Gruppen, Nationen oder Eliten.

Es ist also gewissermaßen eine Herrschaft ohne Gesicht, sie braucht keine identifizierbaren Herrscher mehr: Die Durchsetzung der angestrebten Werte ergibt sich aus der „unbestreitbaren“ Vernünftigkeit. Wer könnte etwas gegen die Bewahrung der Umwelt haben? Und wer etwas gegen die Teilhabe aller Menschen („Inklusion“) am neuen Wirtschaftsmodell? Wir lassen niemanden zurück …

„Die Ethik wird zu dem einen Ding, das niemand in Frage stellen kann, ohne den Anschein zu erwecken, gegen die Gerechtigkeit selbst zu sein. […] Hess’ Rahmenkonzept hatte eine Einschränkung: Seine Ethik bezog sich auf eine bestimmte Nation und eine bestimmte historische Mission. Damit das System auf globaler Ebene funktionieren konnte, musste die Ethik universell werden – losgelöst von einem bestimmten Volk oder einer bestimmten Tradition und stattdessen auf Prinzipien basierend, die überall gelten konnten. Hier kommt Hermann Cohen ins Spiel. Als einflussreichster neukantianischer Philosoph des späten 19. Jahrhunderts prägte Cohen eine ganze Generation von Denkern in den Bereichen Rechtsphilosophie und internationale Regierungsführung. In seiner ›Ethik des reinen Willens‹ (1904) argumentierte er, dass Ethik nicht aus Erfahrung, Tradition oder Gefühl entsteht. Sie entsteht aus der Vernunft – und Vernunft ist universell.“

Es ist genau diese „Ethik“, die nun in Form einer Software-Architektur aus dem menschlichen Sichtfeld mehr oder weniger verschwindet: Sie wird dem Geld selbst buchstäblich einprogrammiert. Damit ist der „Faktor Mensch“ beseitigt, er ist aus der Entscheidungskette verdrängt. Bereits im Augenblick einer Transaktion wird automatisch geprüft, ob diese den programmierten Kriterien genügt oder nicht. Doch wie misst man nun die Einhaltung?

„Ein Problem blieb bestehen. Marx’ Gutscheine sollten sich danach richten, wie viel Arbeit tatsächlich für die Herstellung eines Produkts erforderlich ist – aber es gibt keine praktische Möglichkeit, dies direkt zu messen. Was man jedoch messen kann, ist Energie. Jeder Produktionsprozess wird letztendlich mit Energie betrieben, und Arbeit ist nichts anderes als die Nutzung menschlicher Energie. Technocracy Inc. hat dies bereits in den 1930er Jahren erkannt: Man sollte das Preissystem abschaffen, stattdessen den Energieverbrauch erfassen und den Bürgern nicht übertragbare, befristete Energiezertifikate ausstellen. Die Idee war klar, aber die Technologie, um sie umzusetzen, existierte noch nicht. Hier kommt Kohlenstoff ins Spiel. Kohlendioxid ist die messbare, nachverfolgbare Kehrseite des Energieverbrauchs. Jede verbrannte Energieeinheit hinterlässt einen CO2-Fußabdruck. Die Kohlenstoffverfolgung ist eigentlich nichts anderes als Energiebuchhaltung unter einem anderen Namen. Das bedeutet, dass es bei der gesamten Kohlenstoffinfrastruktur – der Überwachung, der Berichterstattung, den Netto-Null-Zielen, den Kohlenstoffbudgets, der Idee der persönlichen Kohlenstoffzertifikate – nicht in erster Linie um die Umwelt geht. Es handelt sich vielmehr um das Abrechnungssystem, das erforderlich ist, damit das Gutscheinsystem tatsächlich funktioniert. Kohlenstoff gibt Marx das, was er nie hatte: eine messbare Einheit, mit der der Energieverbrauch in jedem Produktionsprozess, von der Fabrikhalle bis zum Haushalt, in Echtzeit verfolgt werden kann.“

Und spätestens im Jahre 1931 wurde auch die ideologische Vorlage geliefert, die viele Jahrzehnte später als „Zeitalter der Polykrisen“ Einzug in den machtelitären Sprachgebrauch fand:

„1931 veröffentlichte Shoghi Effendi ›Das Ziel einer neuen Weltordnung‹ – darin beschrieb er einen Welt-Superstaat mit ›unangefochtener Autorität‹, einem Obersten Gerichtshof mit bindender Gewalt, einem einheitlichen Völkerrecht, der dauerhaften Beseitigung aller wirtschaftlichen Barrieren, der Aufhebung der nationalen Souveränität als ›unverzichtbare Vorbedingung‹ und der erzwungenen Einhaltung für jedes Mitglied, das sich weigert. […] Er stellte klar, dass ›nichts weniger als intensive geistige und körperliche Qualen‹ diese Transformation bewirken könnten – Krisen als Auslöser. Dieselbe Logik, die vom Club of Rome über Brundtland bis hin zum Rahmenwerk der planetarischen Grenzen reicht.“

Und die später eben vom WEF als „Polykrise“ etikettiert wurde: Klima, Kriege, Krisen, Pandemien. You know the drill, denn es wurde an dieser Stelle ja schon oft genug darüber berichtet. Herrschaft soll automatisch in Form von Algorithmen ablaufen, die keine Paläste mehr brauchen. Sie sind unsichtbar, es sind nur Bits und Bytes, es gibt keine Fototermine für Machthaber mehr, keine Pressekonferenzen, keine Regierungserklärungen. Höchstens noch als Fassade.

„Es besteht keine Notwendigkeit, acht Milliarden Menschen davon zu überzeugen, sich anzunähern […] Die Architektur benötigt lediglich die Kontrolle über das Ziel und die Durchsetzung durch das Geld. Abweichungen werden automatisch bestraft, Konformität automatisch belohnt, und der Spielraum für zulässiges Verhalten verengt sich. Der Omega-Punkt, wie auch immer man ihn nennen mag, ist der statistische Endpunkt eines Steuerungsmechanismus, über den niemand abgestimmt hat und den niemand überprüft.“

Bis nächste Woche.

Quellen:

https://esctheone.blog

Club of Rome - Global equity for a peaceful and healthy planet

https://weforum.org


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