18. Februar 2026 06:00

Kulturkampf Individualismus versus Kollektivismus

Die Trennlinie der Freiheit

von Oliver Gorus drucken

Individualismus: Einzelne Freiheit inmitten kollektiver Kräfte
Bildquelle: Redaktion Individualismus: Einzelne Freiheit inmitten kollektiver Kräfte

Manche sprachlichen Formeln schneiden wie ein heißes Messer durch Butter. Auf X fand ich folgende: „Individualismus: Recht und Gesetz schützen den Einzelnen vor dem Kollektiv. Kollektivismus: Recht und Gesetz erlauben es dem Kollektiv, den Einzelnen zu zwingen.“

Diese Definition trifft es gut, denn sie ist einerseits populär und leicht verständlich, andererseits diagnostisch: Sie beschreibt nicht etwa zwei politische Modelle, sondern zwei grundverschiedene Zustände von Gesellschaften, die nachvollziehbar und unmittelbar erfahrbar sind. Entweder der Mensch ist ein souveränes Wesen, dann kann er nicht Mittel zum Zweck sein, oder er ist eben genau das: Baustein, Werkzeug, Funktion oder Objekt eines „höheren“ Zwecks, was dann allerdings dem Instrumentalisierungsverbot widerspricht, das schon Kant formulierte und das auch das Bundesverfassungsgericht vertrat, als es noch nicht parteipolitisch eingenordet war.

Die weit verbreitete Idee, eine Gesellschaft müsse Individualismus und Kollektivismus irgendwie ausgleichen und miteinander in Einklang bringen, weil es irgendwie beides bräuchte, weil ja der Mensch sowohl Einzel- als auch Gruppenwesen sei, ist ein kolossales Missverständnis.

Der Individualismus ist die Philosophie der Freiheit. Der Kollektivismus, ob in linker oder rechter oder grüner Spielart, ist der Weg in den Totalitarismus, wo ein Herrscherkollektiv, zum Beispiel eine Partei oder eine andere Form von Fürstenklasse, totale Kontrolle über alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens beansprucht und durchsetzt. Beides gleichzeitig kann es nicht geben.

John Locke, der geistige Vater des modernen Liberalismus, formulierte es 1689 in den Two Treatises of Government: Niemand darf „das Leben, die Gesundheit, die Freiheit oder den Besitz eines anderen“ verletzen. Der Staat existiert einzig, um diese natürlichen Rechte zu schützen – nicht, um sie im Namen eines Kollektivs zu brechen. Das Individuum steht am Anfang, nicht am Ende. Seine Rechte sind vorstaatlich, unveräußerlich. Genau hier liegt der Bruch zum Kollektivismus: Dieser erklärt das Kollektiv – Nation, Volk, Klasse, Geschlecht, Rasse, „Wir“, „die Gesellschaft“, „Unsere Demokratie“, „die Zukunft der Menschheit in einem Weltklima, das nicht wärmer ist als 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter“ etc. – zum eigentlichen Subjekt der Rechte. Das Individuum wird zu seinem Mittel.

Ayn Rand hat diesen Gegensatz radikal zugespitzt. In ihrer Ethik des rationalen Egoismus schrieb sie: „Ein Individualist ist ein Mensch, der sagt: Ich will nicht über das Leben von anderen bestimmen – noch will ich mein Leben von anderen bestimmen lassen. Ich will kein Herr sein und kein Knecht.“

Kollektivismus hingegen will herrschen und fordert Opfer. Immer. Ob das Proletariat den Bourgeois opfert, die Nation den freien Bürger, „die Zukunft des Planeten“ den Autofahrer oder Unsere Demokratie die AfD und ihre Wähler – das Prinzip bleibt dasselbe: Das Ganze heiligt die Mittel. Gemeinnutz geht vor Eigennutz.

Friedrich August von Hayek hat in Der Weg zur Knechtschaft den Mechanismus seziert. Jede Form von zentraler Planung, egal ob sozialistisch oder nationalistisch, muss früher oder später die individuellen Ziele den kollektiven Zielen unterordnen: „Wirtschaftliches Kommando ist die Herrschaft über die Mittel für alle Ziele.“

Wer die Wirtschaft plant, plant letztlich das Leben. Und weil freie Menschen nie freiwillig dasselbe wollen, braucht es Zwang – erst sanft („Anreize“), dann hart (Verbote, Enteignungen, Zensur). Hayek zeigte, dass Nationalsozialismus und Stalinismus keine Gegensätze, sondern Geschwister waren: beide kollektivistisch, beide anti-individualistisch. Der eine opferte das Individuum der Rasse, der andere der Klasse. Das Ergebnis war dasselbe: totaler Staat.

Murray Rothbard ging noch einen Schritt weiter. Sein Non-Aggression-Principle (NAP) lautet: Kein Mensch darf physische Gewalt gegen einen anderen initiieren. Punkt. Der Staat selbst wird zum Problem, sobald er diese Grenze überschreitet – sei es durch Militärzwang, Zwangsbesteuerung oder Regulierungswut. Individualismus bedeutet hier konsequent: negatives Recht. Der Staat darf mich nicht zwingen, er darf mich nur daran hindern, andere zu zwingen.

Die Bundesrepublik Deutschland liefert das vielleicht anschaulichste Experiment der jüngeren Geschichte: Es zeigt, dass eine Gesellschaft umkippen kann. Bis in die 1990er Jahre war sie – trotz aller sozialstaatlichen Kompromisse – im Kern und überwiegend individualistisch. Ludwig Erhards freie Marktwirtschaft, die er aus Vermarktungszwecken „sozial“ nennen musste, beruhte auf dem Primat des Einzelnen: freie Preise, Eigentum, Wettbewerb, persönliche Verantwortung.

Das Wirtschaftswunder war kein Zufall, sondern die logische Folge. Menschen, die ihr Schicksal selbst gestalten durften, schufen Wohlstand für Millionen. Die Grundgesetz-Interpretation des frühen Bundesverfassungsgerichts verstand unter Menschenwürde die Würde des Einzelnen, nicht die des Kollektivs. Freiheit war glasklar die Freiheit des Individuums, nicht die „Unserefreiheit“. Selbst die SPD akzeptierte unter Brandt und Schmidt noch weitgehend die marktwirtschaftlichen Spielregeln.

Seit den 1990er Jahren kippte die Waage. Die Wiedervereinigung und damit der Wegfall des kollektivistischen Kontras, der Maastricht-Vertrag und der Euro, der Aufstieg der Grünen und schließlich und vor allem die dunkle Merkelzeit und danach die durchgeknallte grüne Ampel markierten den immer schneller schleichenden Siegeszug des Kollektivismus. Plötzlich galt nicht mehr „der Einzelne vor dem Kollektiv“, sondern „das Kollektiv bestimmt, was der Einzelne zu opfern hat“. Adenauer rotiert im Grab.

Konkrete Beispiele machen das greifbar. Die Energiewende: Ein von Politikern beschlossenes und dem Individuum aufoktroyiertes Kollektivziel („Klimaneutralität 2045“) zwingt Millionen Bürger und Unternehmen zu teuren Umrüstungen, Subventionen und Netzausbau – während individuelle Energieentscheidungen per Gesetz verboten werden. Ein zentralplanerisch gesetzter Preis für Kohlendioxid verdrängt dessen Emissionen per Wasserbett-Effekt in andere Weltgegenden. Das Klima schert sich derweil nicht darum, aber darum geht es ja auch nicht wirklich.

Der Mietendeckel und die Mietpreisbremse: Das kollektive „Recht auf bezahlbaren Wohnraum“ bricht das Eigentumsrecht des Vermieters und verknappt und verteuert völlig kontraproduktiv den Wohnraum – womit auch hier klar ist, dass das offizielle Kollektivziel nur vorgeschoben ist.

Gender- und Diversitätsquoten: Nicht individuelle Leistung und Qualifikation, sondern Gruppenzugehörigkeit entscheidet. Das NetzDG, der DSA und der Feldzug gegen „Hate Speech“ unterhalb der Strafbarkeitsschwelle mit Meldestellen, Majestätsbeleidigungsparagraf und Hausdurchsuchungsterror, Einschränkungen der individuellen Grundrechte während der Coronamaßnahmenkrise, Masern-Impfzwang, Schulzwang, Militärzwang, Zwangsbeiträge zum Staatsfernsehen, immer höhere Steuern und Abgaben, immer mehr Rechtsnormen, immer mehr öffentlicher Dienst, immer höhere Staatsquote, immer höhere Zwangsverschuldung – der Würgegriff des Kollektivismus am Hals des Bürgers wird immer enger.

Die Folgen sind messbar. Wirtschaftlich stagniert Deutschland seit Jahren bei Wachstumsraten unter dem EU-Durchschnitt, bei sinkender Produktivität und bei sinkender Zahl von Industriearbeitsplätzen. Die Schuldenuhr tickt, die Bürokratie explodiert (über 20.000 neue Vorschriften allein seit 2010). Gesellschaftlich wächst die Polarisierung: Wer „falsch“ denkt, wird nicht mehr argumentativ widerlegt, sondern moralisch exkommuniziert – Cancel Culture als soft-totalitärer Sozialzwang.

Demografisch und kulturell verliert das Land seine Kohäsion, weil das Kollektiv „Vielfalt“ über die individuelle Integrationsleistung der Einwanderer und über die deutsche Kultur stellt. Hayek hatte gewarnt: Je mehr der Staat plant, desto mehr muss er lügen, kontrollieren, umerziehen. Genau das beobachten wir. Man muss nur dem ÖRR dabei zuschauen, wie er in Nachrichtenformaten KI-Videos und andere Fake-News- und Framing-Techniken einsetzt, um die ideologische Agenda seiner aktivistischen Redakteure durchzudrücken, als ob der schwarze Kanal Karl-Eduard von Schnitzlers im neuen, zeitgemäßen Gewand wiederauferstanden wäre.

Die gute Nachricht: Der Weg zur Knechtschaft ist kein Schicksal. Hayek schrieb 1976 in der Vorrede zur Neuauflage: „Wir können noch umkehren.“ – dieser Zug erscheint mir abgefahren. Aber ein Staatsgebilde ohne Kohäsion wird unweigerlich an sich selbst scheitern und zerfallen. Vor allem, wenn es sich mit der moralisierenden Großmäuligkeit seiner unterbelichteten Führungsgestalten im Größenwahn ohne Wirtschaftskraft gegen alle weltpolitischen Großmächte gleichzeitig stellt. Hochmut kommt vor dem Fall.

Und wenn dann das Zeitfenster für die Verwirklichung neuer gesellschaftlicher Versuche wieder aufgeht – wie schon zahllose Male in der Geschichte, dann braucht es hoffentlich keine Gewalt, sondern vor allem die konsequente Rückbesinnung auf die alte individualistische Formel: Recht und Gesetz schützen den Einzelnen vor dem Kollektiv. Alles andere führt bergab. Immer.


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