24. Februar 2026 11:00

Freiheitsimpuls Das Beschwerde-Fasten

… ein frischer Ansatz für die Zeit bis Ostern

von David Andres drucken

Wollen wir so durchs Leben gehen - sogar am Strand?
Bildquelle: Pixabay Wollen wir so durchs Leben gehen - sogar am Strand?

Die Fastenzeit hat begonnen, und auch Sie dürfen sich fragen, was Sie regelmäßig im Übermaß zu sich nehmen. Denn Fasten muss nicht immer bedeuten, schlichtweg weniger oder anders zu essen.

Es gab einmal eine Zeit – sie ist noch gar nicht so lange her –, da sah man in Amerika, aber auch hierzulande, immer wieder Menschen mit einem schlichten, pinkfarbenen Gummiarmband am Handgelenk. Das war kein modisches Statement und auch kein Solidaritätszeichen für irgendeine Kampagne, sondern ein Werkzeug zur Beobachtung des eigenen Verhaltens.

Die Regel war einfach: Jedes Mal, wenn man sich beschwerte – laut oder nur im Stillen –, musste man das Bändchen vom einen auf das andere Handgelenk wechseln. Wer das ernsthaft durchzog und kein einziges Mal schummelte, merkte sehr schnell, wie oft dieses kleine Stück Gummi im Laufe eines Tages den Platz wechselte. Es war nervig und zugleich lehrreich. So häufig beschwere ich mich am Tag? So ein Mecker-Hannes bin ich geworden?

Die Idee stammte von Will Bowen, dessen Buch Einwandfrei (im Englischen A Complaint Free World) für einige Zeit zum Bestseller wurde. Das Konzept war ebenso simpel wie entlarvend: Bevor man lernt, weniger zu klagen, muss man sich bewusst machen, wie selbstverständlich man es jeden Tag praktiziert. Dabei fällt einem auf, dass es sich selbst bei uns gesellschaftlich misstrauischen Menschen bei weitem nicht immer nur um die „berechtigte“ Klage über die Politik und die Absurditäten des Weltgeschehens dreht. Auch wir klagen und ächzen über das falsche Wetter, den zähen Verkehr, die vielen Fehler des Partners und die unendlich vielen Fehler der Kollegen, über die Rückenschmerzen, die stechende Ferse, den latent brummenden Kopf, das Sodbrennen, die schlecht sitzende Hose.

Das Ziel der Complaint-Free-Maßnahme besteht nicht darin, Probleme zu ignorieren oder berechtigte Kritik zu unterdrücken, sondern das automatisierte Dauer-Murren zu durchbrechen, das wie ein leises Hintergrundrauschen unsere Tage begleitet. Wer sich das Beschweren abgewöhnt, bemerkte nach einiger Zeit etwas Überraschendes: Das Leben wird nicht perfekt, aber deutlich leichter. Aus der gewonnenen inneren Ruhe ergibt sich fast automatisch ein zweiter Schritt. Man beginnt, Dinge entweder lösungsorientierter zu betrachten oder einfach wertfrei anzunehmen und sogar wieder für das, was man hat und was gelingt, die berühmt-berüchtigte Dankbarkeit zu entwickeln.

Warum erzähle ich das? Weil in der vergangenen Woche die Fastenzeit begonnen hat. Für Christen reicht sie vom Aschermittwoch bis Ostern – eine Phase der freiwilligen Begrenzung, des Verzichts, der inneren Klärung. Als Kolumnist einer Freiheitskolumne habe ich mich daher gefragt: Wenn ich schon faste – wovon enthalte ich mich, um freier zu werden? Mein erster Impuls ging natürlich in die naheliegende Richtung: etwas weglassen, das ich mir körperlich zu häufig zuführe. Koffein aus mehreren Tassen Kaffee am Tag. Zucker aus Schokoriegeln, Keksen und jedweder Nervennahrung, die sich beim Schreiben von Texten oder auf den Tischen meiner Seminare wie selbstverständlich ansammelt. Den gelegentlichen, aber doch regelmäßig genossenen Alkohol in Form hochwertiger Whiskys und anderer Spirituosen.

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto ehrlicher musste ich mir eingestehen: Nichts davon wirft mich ernsthaft aus der Bahn. Nichts davon zerrüttet meine Seele oder treibt mich in maßlose Exzesse. Ganz anders verhält es sich mit dem Doomscrolling sowie dem täglichen Reinsaugen von Nachrichten aller Art. Daher lautete mein zweiter Gedanke: Fasten von Social Media und von Nachrichten. Doch auch das verwarf ich. Zum einen bleibt es mir als Kolumnist, Ghostwriter und Seminarleiter kaum erspart, das Weltgeschehen wahrzunehmen und zu verarbeiten. Zum anderen besiegt man das Gift, das in Social Media stecken kann, nicht durch Ignoranz, sondern dadurch, wie man darauf reagiert. Genau hier erinnerte ich mich wieder an das rosa Gummiarmband und an Will Bowens Idee vom Beschwerdefasten. Denn das ist der eigentliche Hebel – und das, was ich offenbar am meisten tue.

Während ich diese Zeilen schreibe – nach einer knappen Woche meines Experiments –, wird mir bewusst, wie oft ich mich im Laufe eines Tages immer noch beschwere. Manchmal laut, manchmal in vollständigen Sätzen. Manchmal, indem ich Meldungen oder Reels weiterleite, kommentiere oder mit einem ironischen Zusatz versehe. Oft aber auch ganz leise in Form von Seufzen, Ächzen und genervtem Ausatmen. Geräusche, die nichts mit tatsächlicher körperlicher Erschöpfung zu tun haben, sondern eher mit einer Gewohnheit des inneren Nörgelns.

Der Freiheitsimpuls dieser Woche lautet daher schlicht: Wenn Sie sich an der Fastenzeit beteiligen wollen – oder auch unabhängig davon –, versuchen Sie es einmal mit einem Selbst-Beschwerde-Fasten. Beobachten Sie sich einen Tag lang. Oder eine Woche. Zählen Sie nicht, analysieren Sie nicht, verurteilen Sie sich nicht. Nehmen Sie nur wahr, wie oft Sie sich beklagen. Sie werden überrascht sein. Und Sie werden, wenn Sie es bewusst reduzieren, sehr interessante Effekte erleben. Nicht, weil plötzlich alle Probleme verschwinden. Sondern weil Sie feststellen, dass Freiheit nicht nur darin besteht, äußere Zwänge abzuwehren, sondern auch darin, die eigene innere Dauerkommentierung zu zügeln.

Quellen:

A Complaint Free World

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