Politik im Ausland: Politischer Umsturz im Iran 1953! 1979! 2026?
Zwischen Schah-Regime, Revolution und aktuellen Protesten
von Andreas Tögel drucken
Nachdem die sozialen Medien bereits tagelang von einschlägigen Meldungen überquollen, dauerte es bemerkenswert lange, bis die Hauptstrommedien bemerkten, dass sich im Iran etwas tut. Während sie regelmäßig hochsensibel reagieren, wenn ein Hamas-Aktivist vom israelischen Militär schief angeschaut wird, sind die Opfer mohammedanischer Gewalttäter, wie sie gegenwärtig im Iran massenhaft zu beklagen sind, für die Redakteure offenbar nicht von Bedeutung. Immerhin – mit einiger Verzögerung haben nun auch die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland und Österreich bemerkt, dass da etwas im Busch ist.
Im Jahr 1976 reiste ich, zur Feier der bestandenen Reifeprüfung, zusammen mit einem Schulfreund kreuz und quer durch Persien. Mit einem VW-Bus über Jugoslawien, Griechenland und die Türkei angereist, fuhren wir die Route Täbriz–Teheran–Isfahan–Shiraz–Hamadan und über Kermanschah wieder zurück in die Türkei. Persien wirkte auf uns damals – im Vergleich zur Türkei – außerordentlich modern. Zudem war der Zustand der Straßen ungleich besser.
In den Städten wimmelte es von nach westlicher Mode gekleideten und geschminkten Frauen, von denen keine einzige ein Kopftuch trug. Auf dem flachen Land dagegen waren Frauen so gut wie unsichtbar. Auf Straßen und Plätzen waren fast ausschließlich Männer zu sehen. Immer wieder beobachteten wir modern ausgestattete Militäreinheiten mit einer Ausrüstung, die großteils aus den USA und dem UK stammte. In jedem Geschäft, das wir betraten, hingen Bilder von Schah Reza Pahlavi – mit oder ohne Familie. Es gab keinerlei erkennbare Hinweise auf eine allgemeine Unzufriedenheit oder gar die Bereitschaft zur Revolution im Land. Wir hätten damals jeden Eid geschworen, dass das Schah-Regime fest im Sattel sitzt und zu unseren Lebzeiten dauerhaften Bestand haben wird. Drei Jahre später – 1979 – war der Schah vertrieben.
Vorgeschichte: Im Jahr 1953 verstaatlichte der anno 1951 auf verfassungsmäßig korrekte Weise ins Amt gekommene (vom Parlament gewählte) linke Premierminister Mohammed Mossadegh die Ölindustrie, was den britischen Eigentümern (BP) naturgemäß nicht gefiel. In den USA wurde angesichts der Linksorientierung Mossadeghs außerdem ein wachsender Einfluss der UdSSR im Land befürchtet. So kam es zur vom britischen MI6 und der CIA organisierten „Operation Ajax“, einem professionell orchestrierten Staatsstreich gegen Mossadegh. Der zunächst ins Ausland geflohene Schah kehrte erst nach dem erfolgreichen Putsch ins Land zurück und war danach stark von der Unterstützung der USA abhängig, die einen prowestlichen Kurs des Landes sicherstellen wollten. Darüber, ob der Schah eine „Marionette“ der USA war, herrscht Uneinigkeit unter Fachleuten.
Tatsache ist, dass der Aufbau des weithin verhassten Geheimdienstes SAVAK, auf den der Schah sein autoritäres Regime stützte, von den USA gefördert wurde. Von der Modernisierungsagenda Pahlavis, der „Weißen Revolution“, profitierte überwiegend die westlich orientierte urbane Elite, während auf die Befindlichkeiten der rund 52 Prozent auf dem Land lebenden (1950 waren es noch 70 Prozent gewesen!) und großteils in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen keine Rücksicht genommen wurde.
Die top-down verordnete Modernisierung des Landes wurde von einem großen Teil der Bevölkerung nicht begrüßt. Zudem wurde die intellektuelle linke Opposition durch das Regime mit harter Hand unterdrückt. So kann es nicht verwundern, dass auch viele Linke im Land sich von einer durch religiöse Kräfte getragenen Revolution das Heil versprachen. Der aus dem französischen Exil ins Land gekommene Revolutionsführer Ajatollah Khomeini verstand es geschickt, die Linke zunächst für seine Ziele zu instrumentalisieren, um sie nach der Konsolidierung seiner Herrschaft aus allen relevanten Positionen zu drängen und schließlich politisch sogar zu verfolgen. Khomeini etablierte ein strikt theokratisches Regime, das keinerlei politische Opposition duldet.
Dank konsequent planwirtschaftlich orientierter Wirtschaftspolitik und der kostspieligen Förderung militärischer Abenteuer im Ausland (wie die finanzielle und logistische Unterstützung von Gotteskriegern im Libanon, in Gaza und im Jemen) verarmten große Teile der Bevölkerung. Galoppierende Inflation, Frustration über die weit verbreitete Korruption sowie Engpässe bei der Lebensmittel-, Energie- und Konsumgüterversorgung, aber auch die von Frauen getragene Auflehnung gegen strikte islamische Bekleidungsvorschriften führen seit vielen Jahren zu Unruhen. 2019 kam es zu „Benzinpreis-Protesten“, die an Intensität die vorangegangenen übertrafen und angesichts der brutalen Repression durch die schiitischen „Revolutionsgarden“ (Pasdaran) hunderte Tote forderten.
Im Unterschied zu den Protestbewegungen der Vergangenheit verfügt die gegenwärtige Revolte in der Person des Thronprätendenten Reza Pahlavi (dem Sohn des 1979 entmachteten Schah Pahlavi) über eine Führungsfigur. Die vom Mullah-Regime durchaus ernstzunehmenden Drohungen des US-Präsidenten, der für den Fall schwerer bewaffneter Ausschreitungen gegen die Protestierenden eine militärische Intervention durch amerikanische Streitkräfte in Aussicht stellt, sind ebenfalls als neue „Karte im Spiel“ zu werten.
Noch ist es für eine Einschätzung zu früh, ob das Regime Ajatollah Khameineis die Protestbewegungen mit weitreichenden Zugeständnissen beschwichtigen kann (eher nicht) oder mit brutaler Gewalt niederschlagen wird. Im Moment jedenfalls spricht einiges dafür, dass es der Protestbewegung diesmal gelingen könnte, einen Regimewechsel zu erzwingen. Wenn das passierte, wäre das sowohl für Wladimir Putin als auch für die Hisbollah und die jemenitischen Huthis die bislang schlimmste Nachricht des Jahres 2026. Damit würden sie nämlich einen ihrer wichtigsten Verbündeten verlieren.
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