Der zivilisierte Mensch, Teil 1: Die Angst vor der Freiheit
Wie und warum Menschen Freiheit vermeiden
Die Angst vor der Freiheit
Die merkwürdige Neigung der Menschen zur Unterordnung und Konformität, die auch aufrechterhalten wird, wenn eine Selbstschädigung offensichtlich ist, wurde mit einer Angst vor der Freiheit erklärt. Die Formulierung ist einprägsam, weil sie paradox ist, denn Angst vor Unfreiheit erschiene naheliegender. Sie geht auf die deutsche Übersetzung eines Buchtitels des Psychoanalytikers Erich Fromm zurück: „Die Furcht vor der Freiheit“ (Originaltitel „Escape from Freedom“, 1941). Das Buch ist Fromms Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Bolschewismus, wie auch die Gedanken aller anderen im Folgenden genannten Autoren daraus entstanden.
Freiheit entsteht für Fromm durch die Auflösung traditioneller Bindungen, wie sie sich aus Religion, Ständeordnung, Dorfgemeinschaft etc. ergeben, wird also als nachlassende soziale Kontrolle verstanden, sie ist zunächst „Freiheit von“. Die daraus resultierende Vereinzelung, Ohnmachtsgefühle und vermehrte Selbstverantwortung erlebt das Individuum aber als überfordernd. Es meidet deshalb Freiheit und zieht Konformismus und Unterwerfung unter autoritäre Systeme vor. Die Angst vor der Freiheit korreliert negativ mit der Stärke des Ich. Nur ein schwaches Ich ist überfordert. Ein starkes Ich, und somit Freiheit, wird möglich auf der Grundlage von nichtsymbiotischer Liebe und produktiver Arbeit. Jedoch erschwert laut Fromm die moderne Gesellschaftsordnung die Ausbildung eines starken Ich, sie behindert die Selbstentfaltung.
Ein starkes Ich ist fähig, „Freiheit zu“ zu leben, also Freiheit positiv zu bestimmen. Dann gibt es aber auch keine äußere Instanz mehr, auf die Schuld projiziert werden kann. Wer frei ist, kann sich nicht mehr entschuldigen mit Gott, Tradition, Stand oder Autorität. Entscheidungen können nicht mehr gerechtfertigt, sondern müssen getragen werden. Daraus entsteht Schuldangst: die Angst, falsch zu handeln, zu scheitern, sich selbst zu verfehlen. Schuldangst ist für ichschwache Menschen psychisch schwerer auszuhalten als Fremdbestimmung. „Freedom means responsibility; that is why most men dread it.“
Diesen Gedanken äußerte auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der sagte: „Der Verantwortliche wirft sich in die Schuld.“ Ein übersteigertes Reinheitsideal, welches den Makel der Schuld meidet, führt dazu, Verantwortung zu meiden. Reinheit wird so zum Gegenspieler der Freiheit: „Das Streben nach persönlicher Reinheit kann zur Weigerung werden, Verantwortung für andere zu übernehmen.“ (Ethik, DBW 6, Die Struktur verantwortlichen Lebens) Angst vor Freiheit ist Angst vor Schuld.
Auch für den Psychoanalytiker Wilhelm Reich scheitert Freiheit nicht an äußeren Zwängen, sondern an der inneren Struktur des Menschen. Freiheit setzt die Fähigkeit des Organismus, sich selbst emotional, sexuell, affektiv und energetisch zu regulieren, voraus. Ein freier Mensch ist einer, der Gefühle zulassen kann, Aggression ohne Destruktivität integriert und Lust ohne Schuld erlebt. Dies wird durch einen psychischen Prozess verhindert, den er „Charakterpanzerung“ nennt. Zu dieser kommt es durch autoritäre Erziehung und moralische Disziplinierung, insbesondere sexuelle Unterdrückung. In der Folge ist der Mensch nicht nur psychisch, sondern auch körperlich unfähig, frei zu sein, denn Freiheit würde den Kontakt mit intensiven Gefühlen bedeuten, die zu verarbeiten nicht erlernt wurden. Gesellschaftlich wird diese Unfreiheit dann aktiv reproduziert. Die Angst vor der Freiheit ist die Angst vor dem ungebremsten Kontakt mit dem eigenen lebendigen Erleben.
Auch der Hafenarbeiter und nebenberufliche Philosoph Eric Hoffer (1902–1983) stellt fest, dass der durchschnittliche Mensch Unsicherheit meidet, klare Anweisungen Ambivalenz vorzieht und Verantwortung als Belastung empfindet. Das menschliche Ich ist für ihn von Natur aus fragil. Es gibt keinen stabilen Kern einer Identität, sondern Selbstachtung muss permanent neu erworben werden durch Vergleich, Erfolg und soziale Rückmeldung. Neid ist für Hoffer kein moralisches Versagen, sondern eine anthropologische Konstante. Dies alles bringt es mit sich, dass der Mensch sehr leicht kränkbar ist. Scheitert der Aufbau eines positiven Selbstbildes, kommt es also zu wahrgenommener Minderwertigkeit, externalisiert der Betreffende sein Elend, indem er Schuldige sucht. Minderwertigkeit wird zunächst als persönliche Schuld erlebt, und da sie unerträglich ist, sofort umgedeutet: „Ich habe versagt“ wird zu „Das System ist schuld“, „Ich bin ungenügend“ wird zu „Andere unterdrücken mich“, „Ich bin verantwortlich“ wird zu „Ich bin Opfer“. Wer sich auf diese Weise moralisch schuldlos fühlt, empfindet keine inneren Grenzen mehr und handelt mit fanatischer Reinheit, was für Hoffer die Grundlage totalitärer Bewegungen ist.
Die Fragilität des Selbst macht den Menschen in hohem Maße suggestibel: Wiederholung ersetzt Überzeugung, Gruppenzugehörigkeit ersetzt Wahrheit, emotionale Narrative schlagen Argumente. Der Mensch sucht Bedeutsamkeit, Anerkennung und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Deshalb neigt er dazu, in religiöse, politische, nationalistische oder revolutionäre Massenbewegungen zu flüchten, weil diese ihn von der Selbstverantwortung entlasten. Massenbewegungen bieten Identität ohne Leistung, ersetzen individuelles Urteil durch kollektiven Glauben und entlasten von eigenem Versagen durch Schuldzuweisung an äußere Feinde. Die Inhalte der Ideologie sind dabei völlig zweitrangig. Hoffer nimmt nicht an, dass der Mensch von Natur aus zu Aggression und Gewalttätigkeit neigt, sondern nur dazu fähig ist. Bevor es zu Aggression und Gewalt kommen kann, muss diese moralisch reingewaschen werden. Die dazu nötigen Ideologien liefern die Intellektuellen.
Aus diesen Gründen kann es für Hoffer Freiheit nur geben, wenn als Voraussetzung Ordnung, Identität und Selbstdisziplin gegeben sind. Keine von diesen drei Voraussetzungen ist aber natürlich gegeben, sie sind kulturelle Errungenschaften. Insbesondere Selbstdisziplin muss kulturell entwickelt werden. Moralische Zurückhaltung entsteht aus Tradition, Übung und sozialer Einbettung. Sind die Voraussetzungen nicht erfüllt, kippt Freiheit in Zwang oder Chaos. Gute Absichten verhindern keine Katastrophen, Systeme wirken stärker als Moralappelle. Der Mensch fürchtet Verantwortung mehr als Zwang, weshalb der Wunsch nach Unfreiheit oft stärker ist als der Wunsch nach Freiheit. Freiheit ist eine höchst instabile kulturelle Errungenschaft.
Hoffer geht davon aus, dass der Mensch nach Freiheit strebt, nur ist für ihn dieses nicht sein wichtigstes Motiv, sondern die Errichtung eines positiven Selbstwertgefühls wichtiger. Nicht eine Angst vor Freiheit hindert den Menschen, diese zu ergreifen, sondern das Fehlen der inneren Voraussetzung positiven Selbstwertes. Ist das nicht gegeben, ziehen Menschen aufgezwungene Regeln, die sie vor Schuld und/oder Selbstverachtung schützen, vor. Und sie ziehen die Sicherheit des Staates der Gefahr des Scheiterns in Selbstverantwortung vor.
Es ist sehr wichtig, sich klarzumachen, dass alle hier genannten Autoren die psychische Verfasstheit zivilisierter Menschen, die in einem Staat leben, beschreiben. Doch der Staat ist durch unsere Zivilisierung längst in uns: „Je mehr die Gewaltanwendung durch ein zentrales Gewaltmonopol eingeschränkt wird, desto mehr wird der Einzelne gezwungen, die Affekte, die früher unmittelbar ausgelebt werden konnten, selbst zu zügeln. Die Fremdzwänge verwandeln sich allmählich in Selbstzwänge.“ (Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 2, Suhrkamp 1976, S. 323f) Die psychische Struktur des Menschen existiert nicht unabhängig von seinen sozialen Verhältnissen, sondern ist, abgesehen von einem genetisch festgelegten Anteil, deren Spiegel. Sie ist in hohem Maße Kultur.
Quellen:
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