Freiheitsverkostung: Das Gartencenter – Freiheit in Töpfen?
Der Frühling ist gekommen
von David Andres drucken
Seit dem vergangenen Wochenende ist der vollste Parkplatz des Einzelhandels der des lokalen Gartencenters. Trotz aller Krisen kann das Grün zu pflegen befreien – mit Einschränkungen.
In den sozialen Medien häufen sich die Memes, in denen Menschen im Vordergrund ihr Leben fortführen, während im Hintergrund Feuerbälle aufstieben und Raketen fliegen. Sie schreiben Mails, schmusen mit ihrer Katze oder backen Kekse. Frei nach dem Motto: Wenn die Welt ohnehin untergeht, kann ich auch so lang wie möglich in mein persönliches Exil emigrieren.
Das Exil des Frühjahrs
Die Entsprechung zum Katzenschmusen und Backen oder, philosophisch betrachtet, zu Ernst Jüngers „Waldgang“, ist für die deutsche Bürgerlichkeit das Gartencenter. Ein seltsamer Ort, halb Baumarkt, halb Paradiesversprechen. Hier stapeln sich Geranien und Hortensien, hier duftet es nach Erde und Holz, hier stehen Rentner neben jungen Familien, Hobbygärtner neben Instagram-Balkonbotanikern. Kaum sind die ersten Sonnenstrahlen des Vorfrühlings da, strömen die Menschen her. In den Gärten röhren die Mäher und die Heckenscheren – letztere werden sogar höchste Zeit, denn ab März gilt für radikalen Rückschnitt bereits das Verbot wegen der Brutzeit.
Grad der staatlichen Einmischung
Auf den ersten Blick halten sich die manikürten Finger des Staates aus unserer Gartengestaltung heraus. Niemand zwingt uns, Petunien zu kaufen oder frische Büsche zu pflanzen. Wer ein Maximum an Nahrung für Insekten und Vögel bereitstellen möchte, kann freiwillig eine Kornelkirsche setzen. Zugleich hält ihn niemand auf, wenn er sich die Landschaft mit Thujen vollstellt oder einen Eukalyptus versucht. Das Gartencenter selbst ist allerdings stärker reguliert, als man denkt. Pflanzenschutzvorgaben, Importbeschränkungen, Quarantäneregeln für invasive Arten, Biozertifikate und Düngeverordnungen – all das bestimmt bereits im Vorhinein, welche Pflanzen überhaupt verkauft werden dürfen und unter welchen Bedingungen. Bestimmte exotische Arten sind schlicht nicht erhältlich, andere nur unter Auflagen. Das ist kein Überwachungsstaat, aber auch kein anarchischer Marktplatz der Botanik. Der Staat mischt mit – nicht sichtbar, aber strukturell.
Grad der Freiwilligkeit
Sehr hoch. Niemand wird ins Gartencenter gedrängt, auch wenn es Anfang März ob der Menge der Besucher so wirkt. Es gibt keinen algorithmischen Zwang oder Abonnementverpflichtungen, keine soziale Erwartung und nur den sanften Gruppenzwang gepflegter Wohnviertel, in denen man mit der Pflege der Rabatte nicht abstinken will. Doch pflegen und aufräumen geht meistens auch ohne Neukäufe. Wer fährt, fährt aus Lust, aus Vorfreude, aus Gestaltungswillen. Der Kauf frischer Pflanzen nach Typ, nach Funktion oder nach Farbe ist eine positive Entscheidung, kein Defensivakt.
Abhängigkeit und Bewegungsfreiheit
Das Gartencenter verspricht die Autonomie, das Stückchen Erde, das uns gehört oder das wir gemietet haben, ganz nach eigener Vorstellung zu gestalten oder auch zu bewirtschaften. Gemüse im Hochbeet und zahlreiche Obstbäume sind schließlich ebenso möglich und bei entsprechendem Geschick ein Weg zu etwas Autarkie. Doch was genau kaufen wir? Wir klinken uns ein in Lieferketten, in ganz bestimmte Züchtungen, in eine industrielle Vorkultur. Viele Pflanzen sind Hybride, die ohne Nachkauf nicht reproduzierbar sind. Saatgut ist oft patentiert. Das Beet bietet Freiheit, aber abhängig vom System dahinter. Wer wirklich autark sein will, sammelt Samen und tauscht Stecklinge. Das Gartencenter bietet Gestaltung, aber keine vollwertige Selbstversorgung.
Reversibilität
Hoch, aber nicht vollkommen. Pflanzen sind günstig, der Kauf ist spontan, der Rückzug jederzeit möglich. Gleichzeitig sind lebende Organismen keine Schrauben. Was man pflanzt, führt zu Verantwortung – und der Umtausch ist meist ausgeschlossen. Man bindet sich – zumindest saisonal.
Freiheitsgrad: 78 Prozent
Das Gartencenter tut gut, so viel darf man sagen. Es bietet Fülle und viel Gestaltungsspielraum sowie beim Pflanzen und Pflegen die unmittelbar sichtbare Wirkung des eigenen Handelns. In einer Zeit, in der jede Nachricht eine Mischung aus Angst und Hilflosigkeit transportiert, ist diese seelische Befreiung nicht zu unterschätzen. Die Einschränkungen liegen weniger im Einkauf als in den unsichtbaren Strukturen dahinter. Wer bewusst kauft, nicht nur konsumiert und die konventionelle Ware eher als Einstieg in die Kunst autarken Anbaus neben Freuden der Blüte betrachtet, kommt der gärtnerischen Selbstbestimmung sehr nahe.
Quellen:
Gemüse anbauen: Tipps zum Aussäen und Anpflanzen
Welcher Obstbaum ist der richtige für meinen Garten?
Kommentare
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