24. Januar 2026 21:00

Farbe des Jahres Cloud Dancer – Das Farbengefängnis 2026

Eine freie Assoziation, warum ich die Farbe des Jahres 2026 hasse

von Anne-Sophie Chrobok drucken

Wölkchen: Alles ist clean. Alles ist weich. Keine Kanten.
Bildquelle: Redaktion Wölkchen: Alles ist clean. Alles ist weich. Keine Kanten.

Was denken Sie, wenn Sie „Cloud Dancer“ hören? Sehen Sie auch diesen schrecklich kitschigen Film vor sich: jemand, der über Wolken tanzt? Dazu ertönt typische, nichtssagende Instagram-Reels-Musik. Wahrscheinlich folgt noch eine Glückskeks-Weisheit. Dann erscheint ein Produkt – bei dieser Art Werbung könnte es alles sein, von Weichspüler bis BMW.

Alles ist clean. Alles ist weich. Keine Kanten. Keine Spannung. Sterile Tristesse. Behalten Sie diese Bilder einen Moment im Hinterkopf.

„Cloud Dancer“ ist nämlich nicht meinem unkreativen Gehirn entsprungen. Und es ist auch nicht der neue Hit von Taylor Swift. Nein: „Cloud Dancer“ ist die Farbe des Jahres 2026 der Firma Pantone.

Vermutlich fühlen Sie sich jetzt genauso schlau wie zuvor – und überlegen, ob es nicht doch sinnvoller wäre, noch einmal die Wetter-App zu öffnen, um zu prüfen, ob in Deutschland wieder irgendein Wetterchaos samt medialem Untergang droht, statt sich weiter durch die nächsten Zeilen zu kämpfen. Vielleicht denken Sie auch unbewusst an Haarprodukte. Gibt es da nicht auch eine Firma mit P …?

Ich bitte Sie dennoch um einen kurzen Moment Ihrer Aufmerksamkeit. Ich verspreche, das Ganze am Ende „noch abzubinden“ – um mit den unvergesslichen Worten der neu gewählten Sozialdezernentin der Region Hannover, Anne Spiegel, zu sprechen.

Pantone ist eine US-Firma, die Farben für Design und Grafik standardisiert und nur sehr wenig mit der Shampoo-Marke Pantene zu tun hat. Klingt zunächst etwas langweilig, hat aber faktisch eine Art Monopol: Wenn Sie im Internet, bei Logos, Autos oder Möbelstücken die Farbe Grün sehen, handelt es sich sehr wahrscheinlich um Pantone 354 C. Ist es dunkler, moosiger, sprechen wir von Pantone 347 C. Mehr olivlastig? Pantone 7738 C. Sie verstehen: Pantone standardisiert Farben – und damit Wahrnehmung.

Einmal im Jahr kürt diese Firma zudem eine „Farbe des Jahres“. Das geschieht auf eine leicht obskure Weise. Man stelle sich ein World Economic Forum-ähnliches Treffen vor: Designer, Firmenvertreter, Künstler und Medienverantwortliche einigen sich auf einen Farbton, der das kommende Jahr prägen soll. Denn wie das WEF erhebt auch Pantone nicht den Anspruch, den Zeitgeist lediglich abzubilden – man will ihn gestalten. Oder, ehrlicher gesagt: regieren.

Mit der Verkündung erscheint ein Dossier, voll mit Phrasen wie „beruhigende Einflüsse auf die Gesellschaft“, „Der Farbton verwandelt Wohn- und Lebensbereiche in Oasen“ oder „Cloud Dancer hebt uns alle in lichte Höhen“.

Behalten Sie dabei im Kopf, worum es hier geht: um jene Designer, die festlegen, wie Ihr Smartphone aussieht, Ihre Wohnung, Ihr Auto, Ihre Kleidung – kurz: die Welt, in der Sie sich bewegen. Um die Firmen, deren Werbung Sie täglich konsumieren. Um die Ästhetik, die Sie als schön empfinden sollen. Um die Farbe, die das Jahr 2026 bestimmen soll.

Nun kommen wir zur entscheidenden Frage: Was ist denn nun „Cloud Dancer“?

Die Antwort lautet: stinknormales Weiß.

Ja, richtig gelesen. Die Nicht-Farbe Weiß ist die Farbe des Jahres 2026.

An dieser Stelle dürfen sich nun die üblichen ideologischen Ränder – ganz gleich welcher Couleur – reflexhaft erregen und Bedeutungen konstruieren, die mit Gestaltung oder Wahrnehmung wenig zu tun haben. Der Rest von uns steht davor und denkt schlicht: Wie einfallslos und mittelmäßig kann man eigentlich sein?

Das war jedenfalls mein erster Gedanke. Der zweite war, halb bewundernd: Wow – sie wissen ziemlich genau, was gerade los ist. Denn Einfallslosigkeit und Mittelmäßigkeit sind tatsächlich prägende Merkmale unserer Zeit. Und dann kam das unangenehme Bauchgefühl: Wow – wir sollen offenbar nicht nur so bleiben, sondern noch ein Stück einfallsloser und mittelmäßiger werden.

Da mein Gehirn dazu neigt, gerne in seiner eigenen Suppe zu köcheln, begann ein Gedankeneintopf, der sich über mehrere Spaziergänge mit meinem weißen Hund durch die weiße Schneelandschaft Schwedens hinweg in mir zusammenbraute. Ich werde nun einige ästhetische Schwurbel-Verschwörungen zur Farbe Weiß ausbreiten – und Sie dürfen dabei gerne denken: „Bei so viel Schwurbelei würde sogar Attila Hildmann neidisch werden.“

Zunächst haben wir bereits festgehalten: Weiß ist keine Farbe. Sie ist nichts. Sie eckt nicht an. Sie bietet keinen Widerstand. Sie entzieht sich dem Zugriff. Sie ist nicht wirklich stofflich. Fast schon transzendent. Engel. Gespenster. Reinheit. Eine Seite, bevor man sie bemalt. Das wären die klassischen, positiven Assoziationen.

Gleichzeitig denke ich an Blindheit. An Blendung. An gepolsterte Wände in einer Psychiatrie. An die moderne Dystopie in ihrer formlosen Gestalt – die schöne neue Welt, in der alles glatt, hell und bedeutungslos zugleich ist.

Ich denke an Newtons Prisma: Licht bricht sich in seine Bestandteile und wird zum Regenbogen. Doch hier geht man den umgekehrten Weg. Individuelle Bestandteile werden zu einer Nicht-Farbe konformiert. Kein Raum für Rot, Blau oder Gelb. Alles soll zusammengeführt werden zu einer Einheit, die nicht einmal mehr sichtbar ist – oder vielleicht so sehr, dass sie blendet. Lucifer war nicht der Engel der Dunkelheit, sondern des Lichts. Nicht schwarz, sondern weiß.

Zuletzt sehe ich einen Raum. Weiß. Leer. Dinglos. In dieser Leere wird man verrückt, weil jede Erdung fehlt.

Vielleicht kennen Sie das Buch Non-Things: Upheaval in the Lifeworld von Byung-Chul Han. Darin unterscheidet er zwischen „things“ und „non-things“. Things sind materiell, schwer, dauerhaft, voller Geschichte. Non-Things dagegen sind Informationen: flüchtig, austauschbar, schnell vergessen.

Stellen Sie sich die Schallplatte Ihres Lieblingsinterpreten vor – Sie wissen vielleicht noch, wer sie Ihnen geschenkt hat, erinnern sich an das Cover, das Gewicht, den Geruch. Das Gefühl, sie das erste Mal aufgelegt zu haben. Und nun dieselbe Musik als Stream auf Spotify. Sie öffnen die App und hören sie. Nicht ganz der gleiche Vibe, oder?

Han kritisiert, dass wir nicht mehr in Dingen leben, sondern in Informationen. Wir besitzen nichts mehr (WEF lässt grüßen!). Wir erinnern uns nicht mehr, sondern speichern nur noch. Beziehungen werden Kommunikation. Erfahrungen werden Content.

Wir sitzen in einem weißen Raum voller Non-Things, die verschwinden, sobald wir nicht mehr hinschauen oder zuhören. Wir sind allein. Wir sind abgeschnitten.

Im weißen Raum. Oder, präziser gesagt: im Raum, der die Farbe „Cloud Dancer“ trägt.

Wir schauen ein nichtssagendes Video von Wolken. Von Tänzern. Und werden verrückt.

Denn Freiheit bedeutet, Farbe zu bekennen. Das Gefängnis dagegen bleibt farblos.


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