10. März 2026 11:00

Freiheitsimpuls Spielen Sie Ihre Stadt durch

… denn wer ohne Zweck erkundet, fühlt sich frei

von David Andres drucken

Und? Haben Sie schon alles gesehen?
Bildquelle: Albrecht Fietz / fietzfotos / Pixabay Und? Haben Sie schon alles gesehen?

Die Freiheit endet nicht nur dort, wo andere in unser Dasein hineinwirken und uns mit Abgaben und Gesetzen gängeln. Sie hat auch selbstgesetzte Grenzen – ganz räumlich gedacht. Das Schöne ist: Die lassen sich überwinden.

Es schneit ein wenig. Kein dramatischer Schneesturm, sondern das ruhige, langsame Rieseln, das eine Stadt verwandelt, als wäre immer noch Weihnachten. Oder schon wieder. Auf den niedrigen Mäuerchen alter Vorgärten bleibt der Schnee liegen, ebenso auf den gusseisernen Toren der Altbauten. Kopfsteinpflaster glänzt feucht, die kahlen Äste der Straßenbäume zeichnen sich schwarz gegen den Himmel ab.

Durch diese winterliche Szenerie läuft eine Frau. Renate Zimmermann. Fast ein Vierteljahrhundert hat sie in der Mark-Twain-Bibliothek im Freizeitforum Marzahn gearbeitet. Jetzt, in der Rente, nimmt sie sich die Zeit für ein Projekt, das sie auf Instagram unter dem Profilnamen bibliothekarin.laeuft sowie auf ihrem Blog dokumentiert: Sie möchte jede einzelne Straße von Berlin kennenlernen und durchspazieren.

Ich finde diesen Gedanken zutiefst faszinierend. Als Libertäre sprechen wir häufig über die Einschränkungen von Freiheit durch den Staat: durch Steuern, durch Bürokratie, durch immer neue Gesetze, durch moralische und politische Vorgaben. Alles davon ist real, das Geflecht der Regeln kafkaesk, und ja, wir dürfen uns diese Woche darüber aufregen, dass der Staat auf die Teuerung der Spritpreise nicht mit Steuererleichterungen reagiert, sondern mit Zollkontrollen gegen Sprit-Tourismus an den Grenzen nach Polen und Luxemburg. Doch es gibt auch eine andere Art von Freiheitsbeschränkung. Eine, die wir uns selbst auferlegen.

Wir engen uns selbst durch Gewohnheiten ein, die wir kaum mehr brechen. Wir machen unsere Welt klein, auf ganz vielen Ebenen. Wir leben an einem Ort – und kennen ihn kaum. Nicht einmal unser Zuhause spielen wir durch.

In einer Metropole wie Berlin, Hamburg oder München mag das noch verständlich sein – was Renate Zimmermanns Abenteuer noch beachtlicher macht. Großstädte haben über zehntausend Straßen. Doch viele von uns leben in Städten, die viel überschaubarer sind. Mittelstädte. Kleinstädte. Orte mit tausend Straßen, fünfhundert, zweihundert.

Horchen Sie einmal ehrlich in sich hinein: Haben Sie jede Straße Ihrer eigenen Stadt gesehen? Jede kleine Sackgasse, jeden Hinterhofweg, jede alte Wohnstraße, die vielleicht zwei Viertel weiter beginnt? Jedes Waldstück mit Forstweg, jeden Pfad entlang eines Feldes, jede Nische? Oder bewegen Sie sich – wie die meisten von uns – immer wieder auf denselben Routen?

Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich absurd. Es ist, als würden wir in einem Haus leben, dessen Räume wir nicht kennen. Als gäbe es Flure, Kellerzimmer, Dachböden oder Gartenwinkel, die wir noch nie betreten haben. Niemand würde so mit seinem eigenen Zuhause umgehen und dort Türen ungeöffnet lassen.

Der Freiheitsimpuls dieser Woche ist daher ganz einfach: Lernen Sie Ihren eigenen Ort kennen. Gehen Sie hinaus, gerade jetzt, wo der Frühling beginnt, das Licht wieder länger bleibt, die Luft milder wird und überall kleine Pflanzen aus der Erde schießen. Laufen Sie durch Straßen, in denen Sie noch nie waren. Fahren Sie mit dem Fahrrad durch Viertel, die Ihnen fremd erscheinen.

Was das bringt?

Nichts.

Zumindest nichts, das sich messen oder verwerten ließe.

Aber genau darin liegt der Punkt. Es bringt Freude. Eine kindliche, zweckfreie Freude. So, als würde man in einem Computerspiel endlich die ganze Landkarte erkunden. Und gerade weil diese Freude keinem Zweck dient und Sie dabei ganz bei sich sind, ist sie eine der reinsten Formen von Freiheit. Wie ein pawlowscher Hund empört auf die nächsten News reagieren und hinter dem selbsterrichteten Zaun bellen, können Sie danach immer noch.

Quellen:

Statt in ein „tiefes Loch“ zu fallen: Berlinerin will alle Straßen der Stadt ablaufen

https://www.instagram.com/bibliothekarin.laeuft/

Bibliothekarin läuft durch Berlin - Renate Zimmermann


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