13. Februar 2026 11:00

Aus der Zeit gefallen Es gibt kein richtiges (analoges) Leben im falschen (digitalen) (Teil 4)

Eine wirtschaftsliberale Perspektive auf den hybriden Kapitalismus

von Michael Jürgen Herner drucken

Kapitalismus: Harmonie von analog und digital
Bildquelle: e-Redaktion Kapitalismus: Harmonie von analog und digital

Das Lied „The Captain of Her Heart“ ist, so Wikipedia, durch ein „Piano-Riff“ ausgezeichnet und stammt von dem Schweizer Pop-Duo Felix Haug und Kurt Maloo aus dem Jahr 1985. Es hebt die Zeit der Trennung als heilsamen Faktor hervor, durch die sich eine Frau in ihrem Herzen von einer Liebe plötzlich lösen kann.

Sprichwörtlich sagt man auch: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Auch der Ökonomie ist diese Wirkung zuzutrauen. Deshalb wird, wie schon gesagt, die anstehende narzisstische Kränkung der Menschheit durch das Ökonomische ebenso heilsam sein, und zwar in Form einer Abwendung von dem, was eher unwichtig, unflexibel, unrentabel ist, und einer Hinwendung zu dem, was eher wichtig, flexibel, rentabel ist. Der Grund dafür ist einfach: Man wird in der Zukunft nicht mehr so leicht „aus dem Vollen schöpfen“ können wie in der Vergangenheit, weil die Welt komplexer und komplizierter geworden sein wird. Das muss man, selbst wenn es bitter ist, zur Kenntnis nehmen; ansonsten bleibt man als Mensch ein „Traumtänzer“ oder ein „Hans Guck-in-die-Luft“ – eine Figur aus dem „Struwwelpeter“ und auf den Arzt und Geschichtenschreiber Heinrich Hoffmann zurückgehend.

Um zu verstehen, was damit gemeint sein kann, ist ein grobes Raster zur Orientierung hilfreich, bestehend aus zwei dichotomen Dimensionen: die Dimension Kapitalismus versus Sozialismus und die Dimension analog versus digital. Beschränkt man sich in dem resultierenden Vier-Felder-Schema auf den analogen Kapitalismus und digitalen Kapitalismus, dann ergeben sich für den (Wirtschafts-) Liberalismus erneut gute Chancen, um wieder einen in breiten Bevölkerungskreisen verloren gegangenen Boden zurückzugewinnen. Geht man noch einen Schritt weiter und dichotomisiert man die zwei Dimensionen nicht, sondern unterteilt selbige feinstufiger (gemäß einer Skala) mit den jeweiligen Endpolen Kapitalismus versus Sozialismus beziehungsweise analog versus digital, dann erhält man eine Vielzahl an Kombinationen verschiedener Ausprägungen, womit ein Land zu positionieren wäre im Hinblick auf seine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Mit Hilfe eines solchen Maßstabs dürften sich wohl die allermeisten Länder in der Welt methodisch erfassen und repräsentieren lassen.

Dies ist auch bitter nötig: Trotz zwischenzeitlich beachtlicher Erfolge, die Wirtschaftsliberale im Westen im 20. Jahrhundert erzielen konnten – in Westdeutschland unter einem Wirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler Ludwig Erhard, in den Vereinigten Staaten von Amerika unter einem Präsidenten Ronald Reagan und im Vereinigten Königreich unter einer Premierministerin Margaret Thatcher – , ist doch die Bilanz der ihnen folgenden Politiker unterm Strich ernüchternd: eine Politik mit Schuldenbergen allerorten.

War dieses wirtschaftsliberale Aufbäumen nur ein Strohfeuer im Laufe der Zeit? Und wenn ja, lässt sich die erloschene Flamme erneut entzünden? Ich denke: Ja, weil das derzeitige Momentum kaum besser werden kann, um ein tieferes Interesse an einer anderen Art von Wirtschaften zu erreichen. Damit ist zuvorderst die Österreichische Schule der Nationalökonomie gemeint. Mit ihr ist ein Bild von einer liberal-demokratischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufgeworfen, in dem etwa ein freier Markt im Rahmen von einem weitgehenden „Nachtwächterstaat“ kultiviert wäre, der vor allem für die innere und äußere Sicherheit seiner Bürger entsprechende Verantwortung trüge und der für eine strikte Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative einstünde; alles andere wäre freie Verhandlungssache, und zwar in jedweder Form. Weltweit gesehen kommt dem derzeit kein Land wirklich nahe; am ehesten noch die Schweiz – dort, wo dem Wettbewerb, dem Subsidiaritätsprinzip, dem Selbstverantwortlichen noch größerer Wert beigemessen wird, und dort, wo der Staatsherrschaft, dem Etatismus, noch größerer Einhalt geboten wird.

Wieso dürfte dies von Nutzen sein? Mindestens vier Gründe sprechen dafür: Weil der Kapitalismus im Vergleich zum Sozialismus eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat, weil Mensch und Technik manchmal gut, manchmal schlecht miteinander harmonieren, weil geopolitisch sich gerade ein verändertes Kräfteverhältnis auf der Welt durch die Brics-Staaten einstellt und weil die zukünftige weltweite Bevölkerungszahl, aber auch die demographische Entwicklung in manchen Ländern in der Welt zur Sorge berechtigt. Was dies aus Sicht dysfunktionaler Eliten im Westen bedeuten kann, hat der Dramaturg und Autor Klaus-Rüdiger Mai im Podcast „Die Neuordnung der Welt“ am 12.10.2025 im Internetradio „Kontrafunk“ aufgezeigt.

Fest steht: Ohne das Digitale im Kapitalismus wird es nicht gehen, wird es nicht funktionieren, was funktionieren muss, will zukünftig der Mensch noch ein würdevolles Leben in Freiheit, Humanität und Wohlstand erleben. Dazu bedarf es auch das Analoge im Kapitalismus. Das Kunststück dabei wird sein, beiden kapitalistischen Formen gerecht zu werden, so dass Mensch und Technik sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen: Wenn Digitales an Grenzen stößt, ist Analoges, und wenn Analoges an Grenzen stößt, ist Digitales eine Option. Evaluation zu Technikfolgen ist dann eine Selbstverständlichkeit und wird die Weisheit „Handwerk hat goldenen Boden“ sicherlich nähren.

Grundlage für einen „hybriden Kapitalismus“ dürfte nicht nur ein „Geist von Freiheit und Tauschhandel“ sein, sondern auch ein Angebot an jeden Bürger, das dieser partout nicht ablehnen kann, weil es an die Substanz der Conditio humana zu rütteln vermag. Dabei wird jenes Angebot besondere Wirkung entfalten können, das, anthropologisch gesehen, seit Urzeiten im Homo sapiens als Bedürfnis, als Passion, als Gefühl zum Vorschein kam, derzeit noch zum Vorschein kommt und auch zukünftig zum Vorschein kommen wird: die Liebe.

Die Liebe ist im positiven Sinne das Mächtigste, was die Natur hervorgebracht hat: Ohne die Liebe gäbe es keine Menschheit, keine Kultur, keine Zivilisation mit all dem erreichten Wohlstand und Fortschritt; mit der Liebe sind schon riesige Mengen an ergreifenden Gedichten und Briefen im Laufe der Geschichte geschrieben worden; und wegen der Liebe haben nicht wenige Menschen alles verloren, was sie haben, notfalls ihr Leben.

Deshalb ist die Liebe wohl das einzige Gegenmittel, um einem ausufernden Sozialstaat in einem freiheitlich-demokratischen Staatswesen noch halbwegs Grenzen zu setzen – Grenzen im Hinblick darauf, einen Menschen von gewissen Härten des Lebens zu befreien, etwa durch regelmäßige finanzielle Zuwendungen. Damit tut man aber einem (erwachsenen) Menschen keinen Gefallen, sondern macht ihn im besten Fall zu einem abhängigen Kind, im schlechtesten Fall zu einem sich schämenden Bettler. Deshalb kann das Motto für einen funktionstüchtigen Sozialstaat nur lauten: für Jemanden in Not so viel erste Hilfe und Unterstützung wie nötig, aber auch so viel Selbstverantwortung wie möglich!

Nun weiß man durch den Psychologen Abraham Maslow und seiner „Bedürfnispyramide“, dass das Bedürfnis nach Sicherheit zu dem zweitwichtigsten beim Menschen zählt, nach den Grundbedürfnissen wie Nahrung, Schlaf und Atmung. Vermutlich kommt deshalb das Bedürfnis nach Freiheit so oft zu kurz, um es für sich selber im Leben zu beanspruchen, auszuleben oder gar einzufordern. Das liegt zudem, tiefenpsychologisch gesehen, zum Teil an dem, wie schon gesagt, verlockenden Angebot nach Sicherheit durch den Staat, zum Teil daran, ob der Staat regressiv als elterliche Autorität in der Funktion als „versorgende Mutter“ oder als „strenger Vater“ erlebt wird. Deswegen kann man ihn, den Staat, so schlecht hinter sich lassen, als es eigentlich angeraten wäre.

Vermutlich wird erst mit einem Appell an die „Liebe“, verpackt in Kampagnen mit aufklärerischem Anspruch, die Situation für den (Wirtschafts-) Liberalismus sich verbessern in Deutschland; angesichts des Krieges in der Ukraine auch gemäß dem Motto: „Make love, not war.“ (das übrigens, um fair zu bleiben, auch schon bei den „68ern“ galt). Versuche dieser Art sind ja schon länger auf gutem Wege: Wohl nicht ohne tieferen Hintersinn betitelt ja der Jurist und Fachanwalt für Medizinrecht Carlos A. Gebauer in schöner Regelmäßigkeit seine Kolumnen in eigentümlich frei mit der Devise: „Make love not law.“

Und vermutlich wird erst dann die Stunde schlagen, in welcher der Mensch, vor allem jener in Deutschland, wieder zu sich selber, zu seiner Familie, zu seinen Verwandten, zu seiner Nachbarschaft, zu seiner Kommune finden und dem Sozial- oder Wohlfahrtsstaat absprechen kann. Dieser ist nämlich wie ein wohlschmeckender Kaugummi für den Menschen; und der klebt schon mal an der Schuhsohle, wenn man Pech hat; und das kostet manchmal gehörige Anstrengung, ihn loszubekommen, manchmal auch nicht, weil man der Ansicht ist, er gehöre selbstverständlich zum Leben dazu – quasi wie die Luft zum Atmen. Deshalb tun sich die allermeisten Menschen schwer damit, ein Leben ohne den Staat sich vorstellen zu können. Dabei ist der moderne Staat, der Leviathan, noch gar nicht so alt; erst seit der Neuzeit gibt es ihn.

Die Liebe dürfte ungeahnte Kräfte beim Bürger entfalten – sich einerseits aus staatlichen Fängen zu lösen, sich andererseits wichtigen Angelegenheiten zuzuwenden, etwa den Belangen der europäischen Region. Denn um Europa, speziell die Europäische Union (EU), ist es aktuell nicht gut bestellt, was sich mittlerweile an Herausforderungen auftürmt: Nur mit einem hypermoralischen Zeigefinger ist es aber nicht getan. So ist etwa für Europa weitgehend der „Zug abgefahren“, um im Bereich der Digitalisierung noch zu punkten, sowohl gegenüber den USA als auch gegenüber China. Diese ursprünglich vorhandene Chance ist schon lange vertan. Die Entscheidung des US-amerikanischen Halbleiterherstellers Intel Corporation im vorletzten Jahr, ein geplantes Projekt mit dem Bund erst einmal für zwei Jahre „auf Eis zu legen“, spricht Bände. Danach war in Magdeburg ein Standort zur Chipfabrikation geplant. Das neulich von der US-Regierung publizierte Papier zur „neuen US-Sicherheitsstrategie“, in dem etwa vor einem „Niedergang“ der europäischen Wirtschaft gewarnt wird, sollte man deshalb sehr ernst nehmen.

In so einer Ausgangslage gilt es, ähnlich einem Krisenmanagement, sich zu sammeln, sich zu fokussieren und sich auf alte Stärken zu besinnen, vor allem originell und innovativ zu sein. Will Europa nicht zu einem Freilicht-Museum für reiselustige chinesische oder indische Touristen absinken, die eine Vorliebe für Althergebrachtes in Produkten mit hohem Qualitätsstandard haben – sei´s für deutsche Autos als Oldtimer, sei´s für schweizerische Uhrwerke in Präzision, sei´s für französische Weine mit charakteristischem Bouquet, sei´s für italienische Lederschuhe durch Maß- und Handfertigung – oder in Sprachen oder Architekturen, jeweils mit ihren typischen Dialekten beziehungsweise Stilen, dann muss es sich schleunigst ökonomisch – je nach Land, Branchen und Unternehmen – neu erfinden, etwa gemäß der Strategie „Marge und/oder Masse“. Darauf dürfte es im analogen und/oder digitalen Wirtschaften hinauslaufen. Dass hohe Qualität sich im Zweifelsfall immer durchsetzen wird, zeigte jüngst das Flossbach von Storch Research Institute in Köln eindrucksvoll auf: Mit Unterstützung einer KI-Animation konnte man auf YouTube tatsächlich Friedrich August von Hayek „zum Leben erwecken“ und mit ihm ein Interview führen.

Dabei sollte man sich auf jene Werte und Ideen besinnen, die Europas abendländische Kultur in voller Spannweite beherzigen und auf die schon der Philosoph Jürgen Mittelstraß 2012 in seinem Werk „Die Kunst, die Liebe und Europa“ hinwies. Er betont dabei Prinzipien – wie Gleichheit, Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz –, und zwar auf der Grundlage einer argumentativen Verständigung, bei der am Ende die Vernunft oder die Rationalität gewinnt. Vieles davon hatte bereits der Ökonom Herbert Giersch am 11. März 1986 im Hotel Bayerischer Hof in München auf Einladung der Bank Hofmann AG, Zürich, vorweggenommen. Sein Vortragsthema, mit 49 Gliederungspunkten!, lautete: „Zur Ethik der Wirtschaftsfreiheit.“

(Fortsetzung folgt)


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