Aus der Zeit gefallen: Es gibt kein richtiges (analoges) Leben im falschen (digitalen) (Teil 1)
Ein philosophischer Blick auf die Veränderungen des menschlichen Miteinanders
von Michael Jürgen Herner drucken
Es sind schon merkwürdige Zeiten. Neulich kam mir ein junger Mann, ich schätze so Mitte 20 im Lebensalter, auf der Straße entgegen, der laut mit sich sprach. Beim genauen Hinsehen stellte ich fest: Es war kein Selbstgespräch, sondern ein Fremdgespräch. Er hatte nämlich einen weißen Knopf im linken Ohr, weshalb ich die Schlussfolgerung zog, dass er mit jemand anderem übers Internet einen Austausch pflegt. Dafür wird seit Längerem ein „Bluetooth-Gerät“ und seit Neuestem ein „Smart-Gerät“ genutzt.
Diese Szene hatte es in sich. Denn sie löste in mir zunächst die Phantasie von etwas Groteskem aus, sodann ein Mischmasch aus Gefühlen von Unverständnis, Erschrecken und Bestürzung. Als ich den Mann beim Weitergehen ein Stück hinter mich gelassen hatte, fragte ich mich, was der tiefere Grund für meine Gefühlslage sein könnte. Ich brauchte nicht lange, um eine Antwort zu finden: Es war weniger ein In-sich-selbst-Versunkensein bei meinem Gegenüber, das mich so irritiert, so betroffen, ja so fassungslos zurückgelassen hatte. Es war vielmehr der leere, der nichts-sagende, der-in-mich-durchschauende Blick in dessen Augen, der mich als Anwesender nicht zu beachten, nicht zu würdigen, schon gar nicht zu grüßen wusste. Es war, so das Fazit meiner Selbstanalyse, mein eigener Narzissmus, der sich verletzt sah und der ein Gefühl von Gekränktheit in mir hinterließ. Mit Narzissmus ist bekanntlich die Selbstliebe gemeint.
Mein Erlebnis dürfte weniger der Regelfall und vielmehr der Ausnahmefall gewesen sein. Die hiesige Gesellschaft gibt Aufschluss darüber. Im Gegensatz zu mir stört dies wohl viele von meinen Zeitgenossen nicht oder nicht mehr, wenn ich mich so umschaue in der Öffentlichkeit. Sie scheinen sich mit dieser halb-technokratisch, halb-futuristisch angehauchten Kultur eines auf flüchtige Momente beschränkten Daseins und Mitseins arrangiert zu haben, teils ablehnend-resignierend, teils befürwortend-unterstützend. Wie genau das proportionale Verhältnis beider Reaktionen aussehen mag, ist mir bislang nicht klar.
Wenn beide Reaktionen stimmen sollten, dann wäre es ein schlechtes Zeichen, ja ein Armutszeichen für den psychologischen wie moralischen Zustand einer Gesellschaft – einer „offenen Gesellschaft“, wie der Philosoph Karl Popper sagen würde. In ihrem Selbstverständnis versucht sie sich als liberale Demokratie zu sehen und dies tagein, tagaus mit einer gewissen Zugewandtheit zum Austausch, zum Dialog, zum Diskurs zu kultivieren. Es geht also um den mündigen Bürger, der intellektuell und emotional offen ist für seine Mitmenschen und der in seiner verbalen wie nonverbalen Kommunikation sich aufgeschlossen zeigt für den Anderen, und zwar nicht nur für jenen, der einem bekannt ist, sondern auch für jenen, der einem fremd ist. So besagt es die Theorie; aber offenbar hinkt die Praxis der Theorie hinterher, wie mein Beispiel zeigt.
Wenn ich mein Erlebnis noch Ende 1990 jemanden in meinem Freundeskreis als eigenen (Alp-) Traum oder als eigene Vision von der näheren Zukunft erzählt hätte – der Mitmensch als wandelnde und sprechende Telefonzelle –, man hätte mich wohl für verrückt gehalten und mir empfohlen, den Rat eines Psychiaters einzuholen. Noch sehr war damals die bundesdeutsche Alltagswelt im „Analogen“ verankert: Etymologisch hat das mit Logos, der Vernunft entsprechend, zu tun.
Um auf der Straße bei dringender Angelegenheit telefonieren zu können, musste man zum Beispiel noch in eine gelbe Telefonzelle der Deutschen Bundespost gehen. Vorausgesetzt, man war nicht auf der Höhe der Zeit und führte kein klobiges „Siemens Mobiltelefon C3“, auch „Knochen“ genannt, mit sich. Und wenn man die Telefonnummer des Anzurufenden nicht mehr im Kopf hatte, musste man, in der Zelle stehend, zunächst in einem dicken, gelben, meist schon abgegriffenen Telefonbuch nach der Nummer suchen – ein imposantes Nachschlagewerk, mit dem man, selbst als gestandener Libertärer, einen anderen leicht hätte erschlagen können, falls dies aus Notwehr heraus angesagt gewesen wäre. Und wenn man nach langwieriger Suche endlich die nötige Nummer gefunden hatte und auch noch Pech hinzukam, weil man das nötige Kleingeld für den Münzeinwurfschlitz am Telefonapparat nicht im Portemonnaie vorrätig hatte (oder eine Telefonkarte für ein anderes Modell), dann konnte man unverrichteter Dinge wieder seines Weges ziehen und sich, je nach Laune, des eigenen Lebens erfreuen oder ärgern. Meistens hatte ich, wenn ein solches monetäres Problem aufkam und mein Rückblick nicht trügt, eher freudig-schmunzelnd als griesgrämig-dreinblickend reagiert. Das hatte vermutlich zwei simple Gründe:
Zum einen bot einem das gelbe Telefonhäuschen einen gewissen Lärm- und Sichtschutz vor den Menschenmassen draußen, nachdem man die Tür hinter sich zugezogen hatte. Durch die plötzlich eintretende Stille im Raum verwandelte sich selbiger zu einer wohltuenden Nische und schuf eine Abgegrenztheit zwischen dem eigenen Selbst und dem vielzähligen Nicht-Selbst vor der Tür. Das verschaffte ein wenig Freiraum zur Selbstbesinnung.
Zum anderen war das allgemeine Lebensgefühl damals nicht so fremdbestimmt durch den Staat gewesen wie heute. Man schaute noch deutlich selbstbestimmter mit einer gewissen Freude, Genugtuung und Dankbarkeit über die zuvor geglückte deutsche Wiedervereinigung in den Lauf des Weltgeschehens. Deshalb war man entspannter, zufriedener und optimistischer beim Blick in die Zukunft, vor allem in die technische Zukunft. Denn ein ausgeklügeltes technisches Hilfsmittel, das rund um die Uhr, quasi als Krücke oder Prothese, dem Selbst in einem Dickicht an eigenen Ansprüchen, Entwürfen und Zielen als Stütze hätte dienen und das Leben vermeintlich schneller, angenehmer, günstiger hätte gestalten können, gab es noch nicht: ein Mini-Computer, der sich „Smartphone“ nennt und der mit integrierten App-Applikationen und hochleistungsfähigen Kamera-Funktionen ausgestattet ist.
Und vor allem: Weil es noch kein Internet gab, zumindest für die Masse der Menschen, war man in seinen Alltagsaktivitäten noch barrierefreier unterwegs. So fiel eine Unmenge an Passwörtern weg, die man sich im Kopf behalten muss, um sich über einen „Account“ bei Adressen im Internet „einzuloggen“. Ohne das Internet war man auch anonymer und sicherer in seinen alltäglichen Aktivitäten dabei: So gab es noch keine Leute, welche die eigenen Spuren beim „Surfen im Internet“ zu wirtschaftlichen Zwecken hätten sammeln und Gewinn daraus ziehen können; und es gab auch noch keine Leute, die den eigenen „Account“ zu kriminellen Zwecken hätten hacken und Schaden anrichten können. Kurz gesagt: Es war noch eine Welt mit mehr Freiheit, mit mehr Privatheit, mit mehr Sicherheit!
Rückschauend hatte die damalige Zeit noch etwas anderes an Lebensqualität parat: etwas, was kostbar, einzigartig, unverwechselbar ist; etwas, was einem erst richtig klar, mitunter schmerzlich bewusst wird, wenn es nicht mehr da ist, nicht mehr verfügbar ist, gleichsam verschwunden ist, zum Beispiel wenn man selber schwer krank wird oder ein geliebter Mensch plötzlich verstorben ist: etwas, was mit Authentizität zu tun hat. Damit ist eine gefühlsmäßige Wucht im existentiellen Sinne angedeutet. Und die bezeichnet man, wenn ich den Philosophen Martin Heidegger in seinem Werk „Sein und Zeit“ richtig verstanden habe, als den Moment, in dem der Mensch sich das Sein des in die Welt geworfenen Daseins mittels Angst als eigentliche Existenz im Möglichen bewusst macht.
Ich traue mich, nach ein wenig Zögern, eine solche Aussage zu treffen. Das liegt an einem Mann, dem ich während meines Studiums, in einem Gießener Seminarraum sitzend, lauschen konnte und der kein anderer war als der damals schon berühmte Peter Fürstenau – eine imposante, großgewachsene und wortmächtige Erscheinung, die, philosophisch, soziologisch und klassisch-philologisch vorgebildet, es tatsächlich verstand, gleichzeitig eine Zigarre zu rauchen und über psychoanalytische Behandlungstechnik zu parlieren, und zwar mit philosophischen Einschüben gespickt. Dieser Mann hatte es zudem geschafft, drei Jahrzehnte vorher über das Heideggersche Werk zu promovieren. Und dieser Mann war auch der Grund für mich, die obige Überschrift meines Artikels zu wählen, weil Fürstenaus Vortragsstil demjenigen gleichkam, dem manche Außenstehende dem Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno nachsagen: auch ohne Manuskript brillant referieren zu können, und weil Adorno in seinem Werk „Minima Moralia“, und zwar im Exil unter dem Eindruck des Faschismus in Europa stehend, im Aphorismus „Asyl für Obdachlose“ den Satz prägte: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Um Authentizität erschließen zu können, braucht es nicht notwendigerweise einen Heidegger, dessen wortgewaltige Existenzphilosophie hitzige Debatten nach sich zog, etwa durch Adornos Schrift „Jargon der Eigentlichkeit“. Nein, es reicht schon aus, wenn man einem Substanzdualismus, gemäß dem Philosophen René Descartes, folgt: Dieser kam noch mithilfe von zwei sich wechselseitig und ursächlich beeinflussenden Substanzen wie Geist und Körper beim Menschen zurecht: Während der Geist („res cogitans“) immateriell, unausgedehnt als Substanz das Denken ausmacht, wie etwa „Ich denke, also bin ich“ („Ego cogito, ergo sum“), ist der Körper („res extensa“) materiell, ausgedehnt und als Substanz etwa auf die sinnliche Wahrnehmung von Licht, Tönen, Gerüchen bezogen, die aber auch falsch sein kann.
Damit sind teilweise die heute bekannten Hauptsinne, wie Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, sowie die Nebensinne, wie Gleichgewicht, Bewegung, Lage, Temperatur, vorweggenommen. Gerade die körperliche Sinnlichkeit lässt den Menschen mit seiner Umwelt direkt in Beziehung treten, sei es am frühen Morgen beim Jogging über einen moosbedeckten Waldboden laufend und dabei den zwitschernden Vögeln lauschend, sei es am frühen Abend vor einer Kneipe sitzend und beim Beobachten der Passanten auf dem Trottoir ein Glas Rotwein trinkend oder sei es am späten Abend im Bett liegend und ein noch frisch aus der Druckerpresse stammendes Buch mit noch eigentümlicher Duftnote zum Lesen nutzend.
Vieles von dem, was ein Smartphone an Funktionalität bereithält, musste man im analogen Zeitalter noch mit eigenen Kompetenzen bewerkstelligen: mit kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen. Für deren Dreiklang ist die körperliche Sinnlichkeit nicht nur wichtig, sondern lebenswichtig: Was wäre der Mensch, wenn er nicht in jeder Sekunde, ob im wachen oder schlafenden Zustand, auf seine Körpersinne bei der Selbstregulation zurückgreifen könnte? Die Antwort fällt nicht schwer: ein bedauernswerter.
Erst in jüngerer Zeit hat man in der Philosophie das Sinnliche im menschlichen Erleben und Verhalten wiederentdeckt. Ein wichtiger Impulsgeber dabei war der Philosoph Gernot Böhme gewesen. Er war nicht nur ein Verfechter von mehr Leiblichkeit, sondern auch ein Denker mit „Kritik am Primat der Technik, nicht an der Technik selbst“, so sein Schüler Dieter Mersch. Das macht Böhme als produktiven Autor aus meiner Sicht so interessant, so sympathisch, so wertvoll.
Am 3. Juli 1866 unterlagen in der Schlacht bei Königgrätz die österreichische und sächsische Armee der preußischen. Seitdem hat der deutsche Liberalismus nie wieder zu seiner früheren Stärke zurückgefunden. Wer Oswald Spenglers Werk „Preußentum und Sozialismus“ gelesen hat, der weiß warum. Heute, knapp 160 Jahre später, ergibt sich erneut eine Chance für ihn, um Kraft zu gewinnen; jedoch nur, wenn er sich auf seinen „Markenkern“ besinnt: das Individuum – eines, das nicht nur Verstand in einem Geist, getragen von Freiheit und Tauschhandel, mitbringt, sondern das auch über genügend Liebe, als Liebe zum Anderen, sowie Narzissmus, als Liebe zum Selbst, verfügt.
Wir erleben gerade einen epochalen Wandel im Weltgeschehen. Das bleibt nicht folgenlos. Neue Geschichten in der Geschichte sind daher gefragt; ein Grund für vier weitere Artikel von mir.
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