06. Februar 2026 11:00

Aus der Zeit gefallen Es gibt kein richtiges (analoges) Leben im falschen (digitalen) (Teil 3)

Disruptive Krisen als Chancen für Wirtschaft, Psychologie und Wissenschaft

von Michael Jürgen Herner drucken

Wirtschaftspolitik: Balance zwischen Markt und Staat
Bildquelle: e-Redaktion Wirtschaftspolitik: Balance zwischen Markt und Staat

„Wir leben in disruptiven Zeiten“, so hört man. Damit sind größere Veränderungen oder Umbrüche gemeint, die eher mit Negativem zu tun haben. Zieht man das „Gründerszene Lexikon“ als Informationsquelle heran, dann bezeichnet „Disruption“ einen „Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst beziehungsweise ‚zerschlagen‘ wird.“ Dabei müsse Innovation nicht immer das Gleiche bedeuten. Hiernach sei, musikalisch gesehen, eine „CD“ noch als (einfache) innovative Weiterführung einer Schallplatte und eines Plattenspielers zu verstehen, ein „iTunes-Music-Store“ dagegen nicht, weil es in disruptiver Weise innovativ sei.

Innovation, verstanden als Erneuerung, hat also ihren Preis, manchmal einen hohen, manchmal einen niedrigen. Wie dieser ausfällt, hängt vor allem davon ab, wie man das Wort „Krise“ bewertet – etwa als Chance oder Risiko, als Gewinn oder Verlust, als Herausforderung oder Schicksal.

Schaut man in den Bereich der Wirtschaft, dann sind, in Anlehnung an den Ökonomen Joseph A. Schumpeter, Wirtschaftskrisen als Chancen zu begreifen: Weil häufig erst dann ein Vorgang, als „schöpferische Zerstörung“, greift, der Neues entstehen lässt, das effektiver, günstiger, nutzerfreundlicher an Dienstleistungen oder Produkten ist und Wirtschaftswachstum ermöglicht. Sieht man in den Bereich der Psychologie, dann sind, so zeigen Psychotherapie und Esoterik, Lebenskrisen ebenso als Chancen zu werten: Weil oft erst dann ein Prozess, als „Selbstreflektion“, in Gang kommt, der Neues zulässt, das gesünder, flexibler, greifbarer im menschlichen Erleben und Verhalten ist und persönliches Wachstum möglich macht.

Was für die Wirtschaft und den Menschen durch Krisenhaftes sich im Positiven einzustellen vermag, sollte für die Wissenschaft nicht minder zutreffen – und zwar, wenn bislang tradierte Weltbilder sich auflösen und ein Fortschritt an Erkenntnis, Kultur und Zivilisation sich einstellt. Das zeigt der Narzissmus in seinem ganzen Potenzial an Kränkbarkeit überdeutlich. So wies Sigmund Freud schon 1917 darauf hin, dass sich die „Eigenliebe der Menschheit“, also der „allgemeine Narzissmus“, drei schwere Kränkungen durch die wissenschaftliche Forschung eingehandelt habe: erstens, die „kosmologische Kränkung“, wonach nicht die Sonne um die Erde kreise, sondern „die Erde viel kleiner sei als die Sonne und sich um diesen Himmelskörper bewege“ (nach Nikolaus Kopernikus), zweitens, die „biologische Kränkung“, wonach der Mensch „nichts anderes und nichts Besseres als die Tiere“ sei (nach Charles Darwin), und drittens, die „psychologische Kränkung“, wonach „das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“ (nach Arthur Schopenhauer).

Seit Freud ist viel passiert in der Weltgeschichte, weshalb sich die narzisstischen Kränkungen der Menschheit leicht um weitere ergänzen lassen. So unterscheidet zum Beispiel der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer schon 1994 in der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ zwischen Kränkungen in Form: der ethologischen (gemäß Oskar Heinroth), der epistemologischen (gemäß Konrad Lorenz), der soziobiologischen (gemäß Edward Wilson), des Computermodels (das damals vorherrschte), der ökologischen (die als nächstes kommen sollte) und der neurobiologischen (die für das 21. Jahrhundert erwartet wurde). Am Schluss kommt er zu verschiedenen Einschätzungen, was etwa als vierte Kränkung der Menschheit auszulegen wäre.

Vollmer war als Prophet seiner Zeit voraus. Der Zeitlauf gibt ihm recht. Seine Auflistung lässt sich meines Dafürhaltens aber um eine weitere Variante an Kränkung noch ergänzen: die ökonomische. Der Grund ist einfach, und er liegt zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einer Arbeit des Ökonomen Eugen Böhm von Bawerk mit dem Titel „Macht oder ökonomisches Gesetz?“ Hiernach werde am Ende der Arbeitslohn nicht durch die Macht der Arbeitgeberseite oder Arbeitnehmerseite, sondern durch das ökonomische Gesetz von Angebot und Nachfrage im Markt bestimmt. Deshalb obsiegt auch der (freie) Markt am Ende über die Politik. Kurz und bündig heißt dies nach Markus Krall: „Vor allem aber ist es der Superhyperquantencomputer namens Markt, dessen Rechenkapazität permanent, simultan und ohne Unterlass die für jedes Individuum notwendigen Informationen für die besten Entscheidungen in Form der Preise bereitstellt.“

Vollmer hat freilich in der Mitte der 1990er Jahre die heutige Weltlage noch nicht vorwegnehmen können: Allzu frisch war wohl die wirtschaftliche Niederlage des sowjetischen Imperiums ihm im Gedächtnis geblieben, allzu fest war wohl der Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus ihm vor Augen gestanden. Falls dem so gewesen ist, dann sollte ihm allerdings die Geschichte das Gegenteil beweisen. Lässt man die letzten 30 Jahre einmal Revue passieren, so gewinnt man den Eindruck: Nicht der Kapitalismus hat den Sozialismus besiegt, sondern umgekehrt – der Sozialismus ist auf bestem Weg, den Kapitalismus zu besiegen. Deutschland tut sich hier besonders hervor:

Auf der einen Seite spricht die ausufernde Bürokratie dafür: So leidet zum Beispiel die deutsche mittelständische Wirtschaft unter zunehmender Belastung im bürokratischen Bereich, was wiederum die Fähigkeit zum Wettbewerb für Unternehmen schmälert. Nach einer Meldung vom April 2025 durch die KFW-Bank, die eine repräsentative Studie an einem Mittelstandspanel durchführte, fallen allein 7 Prozent der Arbeitszeit von Beschäftigten fürs Verrichten bürokratischer Tätigkeiten an, was durchschnittlich 32 Stunden im Monat pro Unternehmen entspricht.

Auf der anderen Seite spricht die hohe Staatsquote dafür: So beläuft sich, gemäß einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom April 2025, die Staatsquote für Deutschland auf 49,5 Prozent, was den Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP), also an der Gesamtheit der Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft, widerspiegelt. Die Staatsquote ist nicht unumstritten, weil in ihr, wenn sie hoch ist, ein Spannungsverhältnis zwischen Staat und Markt zum Ausdruck kommt: zwischen staatlich-regulierender Intervention versus marktwirtschaftlicher Freiheit. Daher ist sie ein wichtiger Indikator für den Kurs, auf dem ein Staatswesen in seiner Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik unterwegs ist.

Führt man sich die Staatsquote in der Sowjetunion am Ende der 1980er Jahre vor Augen, bevor der Verbund wirtschaftlich kollabierte, dann lag diese wohl um die 70 Prozent. Für den Staatenverbund, der sich Europäische Union (EU) nennt, sind nach besagter Pressemitteilung unmerklich weniger als in Deutschland zu veranschlagen: 49,2 Prozent. Dem ehemaligen Bundeskanzler von Deutschland, Helmut Kohl, wird der Satz zugeschrieben: „Bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginnt der Sozialismus.“ Wenn das nicht nachdenklich stimmt, was dann?

Das waren noch Zeiten, als in Deutschland die Staatsquote wesentlich niedriger ausfiel. So lag selbige während des deutschen Kaiserreichs bei ca. 12 bis 14 Prozent. Damit ist zugleich der Geist des Wirtschaftsliberalismus im 19. Jahrhundert zu spüren; damit ist ebenso ein später aufkommender (Wett-)Streit zwischen Ökonomen über den „richtigen Weg“ angesprochen, was erfolgreiche Wirtschaftspolitik auszuzeichnen vermag, die nachhaltigen Wohlstand verspricht – also jener Weg, der für wenig Staat, und jener Weg, der für viel Staat in der Wirtschaftspolitik steht. Als prominente Ökonomen stehen für Ersteres vor allem Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, für Letzteres vor allem John Maynard Keynes.

In professioneller Manier hat die Produktionsfirma „Emergent Order Foundation“ diesen (Wett-)Streit eindrucksvoll vermarkten können. Der von ihr produzierte Videoclip „Fight of the Century: Keynes vs. Hayek“ zeigt, wie zwei Hauptdarsteller, Billy Scafuri in der Rolle von Hayek und Adam Lustick in der Rolle von Keynes, einen Boxkampf über die besseren ökonomischen Argumente miteinander führen. Mittlerweile haben weit über 5 Millionen Zuschauer sich das Ganze auf YouTube angesehen. Obwohl Hayek die besseren Argumente während des Kampfes liefert und Keynes zu Boden schlägt, verliert er diesen ungerechterweise noch am Schluss.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Keynes’ Anhängerschaft die Oberhand gewonnen und bis heute behalten, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis. Ausnahmen davon sind rar gesät, zum Beispiel von 1979 bis 1990, als Margaret Thatcher, die „Eiserne Lady“, das Vereinigte Königreich regierte und durch Deregulierung, Steuersenkung und Marktfreiheit stärkeres Wirtschaftswachstum erneut schaffen konnte. In der Biographie von Colin Robinson über Arthur Seldon, der seinerzeit editorischer Direktor des „Institute of Economic Affairs“ war, bekommt man ein Gespür dafür, welch marktliberaler Geist in dieser Denkfabrik wehte, nicht zuletzt wegen Hayek.

Gründe für die Dominanz und Persistenz des Keynesianismus sind, bei genauerer Betrachtung, nicht im Wirtschaftstheoretischen, sondern im Ideologischen zu suchen. Unterstützend dafür ist ein Artikel von Robert Nef, Jurist und ehemaliger Leiter des Liberalen Instituts in Zürich, der in eigentümlich frei mit dem Titel „Die Entthronung der Politik“ erschien und in dem es heißt: „Hayek ist mit seiner These von der inneren Verwandtschaft des nationalen und des internationalen Sozialismus ein Spielverderber in jenem Spiel, bei dem ‚gutmeinende soziale‘ Linke die ‚abgrundtief bösen egozentrischen‘ Rechten in Schranken halten. Dabei wirft man geflissentlich die Anhänger von Marktwirtschaft und Welthandel einerseits und die nationalistischen Protektionisten andererseits widersinnig in denselben Topf der ‚Rechten‘. Hayek wird da zur Leitfigur einer angeblich ‚konservativen Rechten‘, dabei sind die meisten seiner Schriften Plädoyers gegen den vorherrschenden etatistischen Status quo, den er überwinden und nicht konservieren wollte.“

Ohne Zweifel, die narzisstische Kränkung der Menschheit durch das Ökonomische steht bevor; nicht nur der starke Anstieg des Goldpreises an der Börse in letzter Zeit zeigt es, auch die Präsidentschaft von Javier Milei: Der charismatische Argentinier, ausgestattet mit Elvis-Presley-Koteletten und symbolträchtiger Kettensäge, ist nämlich bislang auf gutem Kurs, sein Land von überbordendem Bürokratismus und grenzenloser Schuldenpolitik zu befreien.

Der „keynesianische Kaiser“ erweist sich also als „nackt“ – körperlich wie seelisch; nach dem Ökonomen Roland Baader sogar als ein „Anti-Ökonom“. Anders formuliert es der Ökonom Thomas Mayer: „Die Lehre aus einem Jahrhundert ökonomischer Experimente ist eindeutig: Je stärker der Staat versucht, den Markt zu steuern, desto größer ist sein eigenes Versagen.“ „Götterdämmerung“ steht somit an.

Von daher kam ein Buch ganz gelegen, das 2019 schon erschien und das narzisstische Kränkungen der Menschheit aus dem Blickwinkel eines „großen Welttheaters“ auszuloten versucht. Der Autor desselben, der Philosoph Philipp Blom, entfaltet darin die These, dass die derzeitige Krise des Westens ein Umdenken nötig mache, und zwar durch eine neue Aufklärung: mithilfe neu erzählter Geschichten, welche die menschliche Imagination erweitern helfen, um zu neuen Ufern aufbrechen zu können.

Diese Ufer werden, so denke ich, Hayeksche sein, und zwar im Weltlich-Digitalen wie im Weltlich-Analogen: So hat wohl keiner etwas einzuwenden, wenn durch weiteren Fortschritt etwa der arbeitende Mensch im bitumenhaltigen Straßenbau nicht mehr hinter einem stinkenden „Asphaltfertiger“ hinterherlaufen muss, sondern mithilfe von Robotik und Künstlicher Intelligenz durch eine Maschine ersetzt wird oder der private Mensch in finanzieller Not nicht mehr auf den Sozialstaat als Leistungserbringer setzen muss, sondern erst einmal durch das unmittelbare Netzwerk, bestehend aus Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Kommune, gestützt wird. Fazit: Vor Disruptionen braucht man sich nicht zu fürchten; sie können ja auch ein Segen sein!

(Fortsetzung folgt)


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