11. Februar 2026 06:00

Freiheit Souverän gegen die Zeitdiebe

Die Geschichte von Momo als libertäres Manifest

von Oliver Gorus drucken

Freiheit: Momo kämpft gegen Zeitdiebe
Bildquelle: Redaktion Freiheit: Momo kämpft gegen Zeitdiebe

Was, wenn die größte Bedrohung unserer Freiheit nicht der übermächtige Staat ist, sondern unsere verkümmerte Souveränität?

Stellen Sie sich vor: Ihr einziges wahres Kapital, Ihre Lebenszeit, gehört nicht mehr Ihnen. Die Grauen Herren mit ihren grauen Hüten und ihren grauen Aktenkoffern sind überall, sie mischen sich jederzeit in Ihr Leben, tauchen bei Ihnen zuhause auf, auf Ihrem Smartphone, an Ihrem Arbeitsplatz, sie drängen sich in Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, greifen in Ihr Portemonnaie und fingern im Essen auf Ihrem Teller herum … Sie ködern Sie mit ihren falschen Versprechen, sie stehlen Ihre Stunden und machen Sie zu effizienten, auf Bildschirmen scrollenden Requisiten.

In einem der Paralleluniversen, in das mich die Götter meiner Kindheit entführten, nämlich in diesem Fall Michael Ende mit seiner Geschichte von Momo, hatten die Feinde der Freiheit ihren grotesken Auftritt – aber am Ende gewann die Freiheit und die Grauen Herren lösten sich in Rauch auf.

Momo brachte mir früh bei – und derzeit erinnere ich mich wieder daran –, wie sich der Kampf um die Freiheit gewinnen lässt: durch die Rückeroberung der inneren Zeit, mittels Phantasie, Souveränität und Selbstbestimmung. Nicht mit nörgelnder Kritik, Gemotze und offener Opposition gegen den Staat und seine Grauen Herren … Momo lässt sich lesen als ein libertäres Manifest gegen die Entmündigung des Individuums.

Geboren 1929 in Garmisch-Partenkirchen, wuchs Michael Ende in einer vom NS-Terror getroffenen Familie auf: Sein Vater, der surrealistische Maler Edgar Ende, wurde als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt, seine Werke verboten. Als Junge erlebte Michael die Bombennächte Münchens, schloss sich als Jugendlicher einer Widerstandsgruppe gegen die SS an. Nach dem Krieg studierte er Schauspiel, arbeitete als Kabarettist, floh vor der Enge Deutschlands nach Italien, wo er seine künstlerische Freiheit fand. Beeinflusst von Rudolf Steiners Anthroposophie, engagierte er sich in der Humanistischen Union für Frieden, gegen Wiederbewaffnung und für Menschenrechte. Er starb 1995.

Seine Bücher stehen noch heute auf Ehrenplätzen in meinem Bücherregal: Die unendliche Geschichte, in der Bastian durch Fantasie seine Handlungsfähigkeit zurückerobert. Daneben Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, wo Lukas, dieser unbekümmerte, zuversichtliche und väterlich-fürsorgliche Held, mit Jim auf der Lokomotive Emma durch fantastische Abenteuer rast – fernab jeder Obrigkeit, purer Mut und Selbstbestimmung. Am tiefsten berührte mich jedoch Momo. Hier fand ich die Essenz freiheitlichen Denkens: Der konstruktive Widerstand beginnt nicht mit Plakaten, Protest oder Demos, sondern mit der inneren Weigerung, sich stehlen zu lassen.

Momo, die kleine Waise ohne Herkunft, ist die ultimative freiheitliche Figur. Sie lebt in den Ruinen eines antiken Amphitheaters – jenseits von Staat, Familie, Schule oder irgendwelchen Institutionen. Kein Pass, kein Sozialamt, keine Vorschriften. Sie existiert in absoluter Souveränität: Hört zu, spielt, schafft Beziehungen aus purem freiem Willen. Ihre Freunde, der Straßenkehrer Beppo oder der Geschichtenerzähler Gigi, blühen auf, weil sie ihnen Zeit schenkt. Doch dann kommen die Grauen Herren: Die Zeitdiebe, ungreifbar und eiskalt, überreden die Menschen, ihre Lebensstunden zu „sparen“. Die Menschen werden zu Robotern, die effizient durchs Leben hetzen, ohne zu leben.

Für mich ist das eine scharfe Allegorie gegen den korporatistischen Staat: Die Grauen Herren verkörpern den Pakt zwischen Big Business, Big Government und Big Media, wo Monopole, Verbote, Regulierung, Planwirtschaft und autoritäre Übergriffe das Individuum entmachten, während die ferngesteuerte Mehrheit dabei nickt, mitmacht, sogar applaudiert – im Namen von Sicherheit, Solidarität und Gemeinschaft.

In Momo verarbeitet Ende literarisch auch das Konzept des Freigeldes oder Schwundgeldes, beeinflusst von Silvio Gesells Freiwirtschaftstheorie, die er intensiv studierte. Gesell kritisierte das Zinsgeldsystem, das Hortung belohnt und den Kreislauf blockiert – im Gegensatz zu Waren verfällt Geld nicht, was zu Stagnation führt. In Momo horten die Grauen Herren gestohlene Zeit (als Metapher für Wert), die nicht verfällt, und machen die Gesellschaft effizient, aber seelenlos. Momo „verschwendet“ Zeit durch Spiel und Zuhören, was den freien Fluss symbolisiert. Die Zeitblumen bei Meister Hora, die nur im Moment blühen und nicht gehortet werden können, spiegeln das Schwundprinzip: Wert muss genutzt werden, sonst verliert er sich – wie in Gesells Demurrage-Währung, die Abwertung erzwingt und Umlauf fördert. Im erfolgreichen Experiment von Wörgl 1932/33 belebte eine lokale Schwundwährung die Wirtschaft in kürzester Zeit. Kein Zins, keine Zentralbanken – stattdessen dezentrale Freiheit. Libertärer geht’s kaum: Der Markt als Werkzeug der Individuen, nicht als Waffe der Eliten.

In Momo besiegt die Heldin die Diebe nicht mit Zwang und Gewalt, sie lässt Zeitblumen blühen, weckt die Menschen aus ihrer Trance: Unsere größte Bedrohung sind nicht die äußeren Tyrannen, sondern die inneren, die wir selbst einladen. Wir überlassen unsere Zeit den Apps, den Meetings, der Tagesschau, den Lanzens und Miosgas, den Merzens und Günthers, den Formularen, den Steuererklärungen, den Lockdowns, den Heizungsgesetzen, den Europawahlen, dem Zentralbankgeld.

Michael Ende war ein Widerständler. Seine Konspiration gegen die Nazis, seine Flucht nach Italien, seine Anti-Kriegs-Haltung und vor allem seine Bücher – durch sein Leben und sein Werk zieht sich der rote Faden der persönlichen Souveränität. Und souverän ist der Mensch, wenn er sich Zeit nimmt zum Träumen. Sonst wird er zum Roboter.


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