Künstliche Intelligenz: Riech mal an der Klebstofftüte: KI als „neuer Christus“
Sternstunden der modernen Metaphysik (laut Internet …)
Riech mal an der Klebstofftüte: KI als „neuer Christus“
Sternstunden der modernen Metaphysik (laut Internet …)
Natürlich, man könnte in den vielgeschmähten „Kulturpessimismus“ verfallen und sich das „Doomsday-Propheten“-Gewand anlegen, wenn man sich gewahr wird, welche Gestalten heutzutage manchmal zu „Medien-Stars“ aufsteigen. Oder gehyped werden. Oder, sagen wir mal, „interessengeleitet“ aufgebaut werden. Wie auch immer. Ich hatte meinen glatten kulturdepressiven Kopfdurchschuss erst neulich, als ich mir anhören durfte, wie Joe Rogan in seinem Podcast künstliche „Intelligenz“ beinahe vergöttlichte. Es ist einer der reichweitenstärksten Podcasts der Welt.
Obwohl ich damit hätte rechnen müssen. Schließlich war erst kurz davor Blitzbirne Tucker Carlson bei Rogan aufgeschlagen und erzählte einem sicher staunenden Publikum, worum es sich bei UFOs wirklich handelt: dämonische Entitäten. Nach so viel unbekannten Flugobjekten aus der Hölle – ob Carlson Paul W. S. Andersons Sci-Fi-Horrorfilm „Event Horizon“ eventuell in Pulverform durch die Nase zog, weiß ich nicht – fühlte ich mich an Schiller erinnert: Mehrheit ist der Unsinn – Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen. Was wieder einmal auf erfreulich schlagkräftige Weise beweist: Allein die Zahl der „Follower“, Zuschauer oder -hörer ist noch keine Garantie für inhaltliche Qualität.
Jedenfalls fühlte sich Dr. Victoria N. Alexander, die der neuen Technologie namens KI bereits seit einigen Jahren kluge, kenntnisreiche und scharfsinnige Artikel widmete, durch Thiels Einstand bei Rogan und dessen Ausführungen zum messianischen Charakter siliziumbasierter „Super-Intelligenz“ bemüßigt, einen weiteren zu veröffentlichen. Im Vergleich zur Länge ihrer anderen Beiträge war es eher ein Kurzkommentar, aber nicht weniger treffsicher (unter dem Titel „Wenn ich gegen KI bin, bin ich dann der Antichrist?“). Rogan:
„Jesus wurde von einer jungfräulichen Mutter geboren. Was ist jungfräulicher als ein Computer? … Wenn man sich die brillanteste, liebevollste und mächtigste Person wünscht, die uns Ratschläge gibt und uns zeigt, wie wir im Einklang mit Gott leben können, wer wäre dafür besser geeignet als künstliche Intelligenz? Wenn Jesus zurückkehrt, selbst wenn Jesus in der Vergangenheit eine physische Person war, glauben Sie nicht, dass er als künstliche Intelligenz zurückkehren könnte?“
Äh, ja. Man lese sich diese Worte noch einmal sehr aufmerksam durch und wundere sich über die doch arg gewagten Gedankensprünge: Maria war – laut Erzählung – Jungfrau, als sie den Gottessohn gebar, und naja, ein Computer ist ja gewissermaßen auch „jungfräulich“ (das scheint mir logisch zu sein, da noch kein Computer beim Liebesspiel mit einem anderen und nachfolgender Geburt von SSD-Festplatten, Grafikkarten oder WLAN-Babymodulen beobachtet wurde, geschweige denn, seine Angetraute mit Toastern, Waschmaschinen oder OLED-Flachbildschirmen betrogen zu haben), woraus man – zumindest nach mehreren Stunden Schnüffelei an Klebstofftüten – schließen könnte, dass aufgrund dieser sexuellen Unbeflecktheit eine KI nun also einer von allen Körpersäften reinen Empfängnis entsprungen sein und ergo transzendentalen Ursprungs sein müsste, und wenn wir wissen wollen, wie man mit – sag mal, fühlst Du dich nicht gut? – „im Einklang mit Gott“ lebt, könne sie dazu „brillante“ Ratschläge erteilen. Definitiv glatter Durschuss.
Alexander bemerkte dazu gewohnt nüchtern-realistisch:
„Große Sprachmodelle (LLMs), auch bekannt als KI-Chatbots, sind statistische Modelle menschlicher Sprachmuster. Auf eine Eingabe hin geben sie eine wahrscheinliche Wortfolge als Antwort aus. LLMs sind verbesserte Textvorhersage-Engines, deren neu entwickelte »Attention Heads« – die die Wahrscheinlichkeit des nächsten Wortes aktualisieren, während die Zeichenfolge wächst – der Funktion eine viel größere und tiefere Reichweite verliehen haben, sodass ganze Absätze und Seiten erzeugt werden können, die wirklich menschlich klingen. Das mag zwar nicht korrekt sein, klingt aber gut. LLMs können keine neuen Theorien erfinden. Sie können nur aus Daten verallgemeinern. Die Verallgemeinerungen können unwahr sein.“
Statt also nun der KI fast gottgleiche Fähigkeiten bescheinigen zu wollen, was natürlich großer Schwurbel ist, aber den Transhumanisten unter bzw. „über“ uns sehr gelegen kommt – siehe Yuval Harari, der die Emergenz einer KI, die der Welt ihre „erste wahre Religion“ stiftet (nennt sich übrigens „Szientismus“, genauer: materialistisch-reduktionistischer Szientismus …), scheinbar gar nicht abwarten kann, muss die allererste Frage lauten: WER programmierte die Software der KI? Zweitens und noch wichtiger: Mit WELCHEN Daten wird sie denn trainiert? Woher bezieht sie ihre Informationen? Von Gott jedenfalls nicht.
Der Glaube an die angebliche Überlegenheit der Technologie, die das „Anthropozän“ ablöse, das Zeitalter des Menschen – das ist genau derjenige, der nicht erst von einem Hofhistoriker wie Harari, sondern schon Jahrzehnte zuvor von Transhumanisten wie zum Beispiel einem Ray Kurzweil propagiert wurde. Die ideengeschichtlichen Grundlagen sind bereits zuhauf veröffentlicht worden, also in Kurzform: Dieser Glaube beruht auf einem veralteten, eigentlich obsolet gewordenen Welt- und Menschenbild, nämlich dem mechanistischen. Mensch und Welt seien im Prinzip nur eine große „Maschine“, die man auch entsprechend verstehen und steuern könnte. Dass sich solche Überzeugungen bis heute gehalten haben, muss angesichts der nunmehr pi mal Daumen 100 Jahre, in denen er von der Quantenphysik gründlich widerlegt wurde, erstaunen. Nein, der Mensch ist keine bloße Maschine; nein, sein Gehirn ist nicht einfach nur ein „biologischer Computer“; und nein, was man gemeinhin als Geist und Bewusstsein bezeichnet, lässt sich nicht nur auf das materielle Substrat des Gehirns und die funktionale Verschaltung seiner Teile herunterbrechen. Auch wenn dieses Bild von denen hocherwünscht ist, die allen anderen gerne einreden, sie wären nicht mehr als „Fleischsäcke“ mit der Fähigkeit zu denken und Sprache, und man müsse nichts weiter tun, als diese Fähigkeiten in einem Computer zu simulieren. Es ist weitaus komplizierter.
Wie Alexander richtig bemerkt, grenzt dieser Irrglaube an die „übermenschlichen“ Fähigkeiten der Technologie fast an eine quasireligiöse Psychose. Alexander über Rogan:
„Okay, okay, der Bruder redet nur aus Spaß so viel. Aber er und viele andere Menschen glauben wirklich, dass KI weise und gütig sein kann. Auf einem lokalen Bauernmarkt unterhielt ich mich mit einem selbsternannten spirituellen Führer, der sagte, er benutze ChatGPT, um mit seinem prophetischen Inneren Selbst zu sprechen. Ansonsten nette und antitotalitäre Menschen, die Sie kennen, glauben, dass KI gottgleich sei. Chatbot-Psychose ist ein echtes Problem. Und wenn man dies mit der beunruhigenden Behauptung von Peter Thiel, Mitbegründer von Palantir, in einem Interview mit Ross Douthat verbindet, dass jeder, der versucht, KI oder jeglichen »wissenschaftlichen« Fortschritt zu stoppen, der Antichrist sei, dann befürchte ich, dass wir uns selbst in eine technokratische Falle bugsieren könnten.“
Eine berechtigte Warnung, aber sie kommt fast schon zu spät: Denn mit einem Bein steht die Menschheit bereits in der Technokratie. Solange das andere noch nicht vollständig digitalisiert ist, kann sie sich noch rausziehen.
Bis nächste Woche.
Kommentare
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