25. Februar 2026 18:00

Eigentum und Nutzung Komfort gegen Kontrolle: Die neue Ökonomie des Nicht-Besitzens

Wie sich Eigentum, Nutzung und Machtverhältnisse im digitalen Zeitalter verändern

von Joana Cotar drucken

Alt gegen neu
Bildquelle: Eigenes Bild Alt gegen neu

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Eigentum nichts Ideologisches. Es war Alltag. Man kaufte eine Schallplatte, stellte sie ins Regal, und sie blieb dort. Jahrzehntelang. Man kaufte ein Buch, las es, stellte es zurück, nahm es wieder heraus, verlieh es, vererbte es – manchmal mit Kaffeeflecken, manchmal mit Eselsohren. Niemand konnte es aus der Wohnung „deaktivieren“. Eine Software-CD wurde installiert und lief. Kein Login, kein Server, keine AGB-Änderung mitten in der Nacht. Man zahlte, und es gehörte einem.

Eigentum bedeutete Verfügungsmacht. Dauer. Weitergabe. Es war Teil einer Selbstverständlichkeit: Das ist meins, ich entscheide darüber.

Heute summieren sich die Abbuchungen. Netflix, Amazon, Kindle Unlimited, Audible, Adobe, Spotify, Readly, Google. Dazu Cloud-Dienste, Apps, Speicher und Plattformen. Monat für Monat. Zugriff statt Besitz. Lizenz statt Eigentumstitel. Nutzung nur unter Vorbehalt. Das ist bequem, keine Frage. Alles sofort verfügbar, ohne Regal, ohne Installationschaos. Aber es ist mehr als technischer Fortschritt. Es ist ein Umbau der Eigentumsordnung, und er entsteht durch Marktangebote und durch unsere eigenen Entscheidungen.

In dieses Bild passt ein Satz, der seit Jahren kursiert: „You’ll own nothing, and you’ll be happy“.

2016 veröffentlichte das World Economic Forum einen Beitrag mit acht Prognosen für das Jahr 2030. Gleich zu Beginn: Niemand werde mehr etwas besitzen, und alle würden glücklich sein. Die Formulierung geht auf einen Essay der dänischen Politikerin Ida Auken zurück, erschienen im November 2016 und auf der WEF-Seite publiziert. Darin beschreibt sie eine Zukunft, in der Konsumgüter weitgehend verschwinden, weil sie als Dienstleistung organisiert sind. Kein eigenes Auto mehr, stattdessen selbstfahrende Taxis auf Abruf. Dinge werden geteilt, gemietet, effizient verwaltet. Besitz erscheint als Relikt.

Dass diese Vision auf einer Plattform erscheint, auf der sich Regierungschefs, Konzernlenker und Vermögensverwalter treffen, verleiht ihr ein anderes Gewicht als einem privaten Gedankenspiel. Hier werden Narrative gesetzt. Und sie wirken.

Irritierend ist weniger die Vision selbst als die Selbstverständlichkeit, mit der Eigentum darin nicht mehr vorkommt. Wenn globale Netzwerke aus Politik, Konzernen und Finanzakteuren Zukunftsbilder entwerfen, in denen Besitz verschwindet, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Struktur. Wer nichts besitzt, nutzt das Eigentum anderer. Eigentum bündelt Macht – unabhängig davon, ob es staatlich oder privat organisiert ist. Entscheidend ist dabei nicht die Moral des Eigentümers, sondern die Struktur der Abhängigkeit.

Historisch war breites Privateigentum ein Mechanismus zur Machtstreuung. Wohnungen, Fahrzeuge, Produktionsmittel, auch digitale Ressourcen lagen nicht ausschließlich in wenigen Händen. Wird aus Eigentum flächendeckend Zugriff auf Zeit, verschiebt sich diese Balance. Anbieter halten Vermögenswerte, Nutzer bleiben in dauerhaften Vertragsverhältnissen.

Sharing kann sinnvoll sein. Selbstfahrende Taxis können effizienter sein als Millionen ungenutzter Autos in Innenstädten. Das bestreitet niemand ernsthaft. Entscheidend ist, ob es eine Option bleibt oder zur Struktur wird. Dauerhafte Verfügungsmacht oder dauerhafte Abhängigkeit – darum geht es.

In Aukens Text wirkt diese Zukunft leicht, fast entlastend. Keine Wartung, keine Lagerung, keine Verantwortung. Doch „kostenlos“ ist in komplexen Systemen selten kostenlos. Infrastruktur hat Eigentümer. Plattformen haben Betreiber. Regeln werden gesetzt. Wer keinen Titel hält, ist auf Zugang angewiesen.

Und genau hier schließt sich der Kreis zur Abo-Ökonomie. Früher war der Markt klar strukturiert: Kauf, Gegenleistung, abgeschlossen. Danach war man unabhängig vom Anbieter. Heute verwandelt das Abonnement den Käufer in einen permanenten Vertragspartner. Aus der Transaktion wird ein Dauerverhältnis. Planbare Cashflows für Unternehmen, steigender Customer Lifetime Value, geringere Wechselbereitschaft. Investoren schätzen das.

Adobe ist dafür ein Beispiel. Photoshop war früher ein Produkt. Man kaufte es, installierte es, nutzte es. Heute ist es Teil eines Cloud-Pakets. Wer nicht zahlt, verliert den Zugriff, selbst auf eigene Arbeitsdateien, sofern sie im System verbleiben. Man erwirbt keine Sache mehr, sondern eine befristete Nutzungserlaubnis.

Digitale Güter lassen sich unendlich reproduzieren. Das wird oft als Begründung angeführt, warum klassische Eigentumslogik überholt sei. Doch Reproduzierbarkeit ändert nichts an der Frage, wer Kontrolle ausübt. Wenn Musik nur noch Stream ist, existiert sie unter Lizenz. Verträge laufen aus. Inhalte verschwinden. Accounts werden gesperrt. Die Nutzung hängt an Zahlungsfähigkeit und Geschäftsbedingungen Dritter.

Warum akzeptieren wir diese Entwicklung so reibungslos?

Weil sie funktioniert. Weil sie bequem ist. Updates kommen automatisch, Speicherprobleme lösen sich in der Cloud, alles synchronisiert sich. Besitz bedeutet Verantwortung: pflegen, sichern, lagern. Das Abo verkauft Entlastung.

Finanziell ist das Modell oft teurer. Früher schmerzte eine hohe Einmalzahlung, danach war Ruhe. Heute verteilen sich kleinere Beträge über Jahre. Psychologisch harmlos, ökonomisch dauerhaft.

Kulturell verschiebt sich ebenfalls etwas. Eine private Bibliothek erzählte etwas über ihren Besitzer. Eine Schallplattensammlung war Biografie in Hüllenform. Heute kuratieren Algorithmen. Empfehlungen ersetzen Auswahl. Inhalte fließen, ohne Spuren zu hinterlassen. Es fehlt … die Seele … der Mensch dahinter.

Und deswegen gibt es Gegenbewegungen. Gedruckte Bücher. Vinyl. Selbst gehostete Server. Open-Source-Software. Nicht unbedingt ein Retro-Reflex, sondern ein Bedürfnis nach Stabilität, nach der Idee „das ist wirklich mein“.

Was in dieser Entwicklung auch oft unterschätzt wird, ist die Frage der Krisenfestigkeit. Eigentum ist nicht nur ein juristischer Titel, es ist ein Puffer. Wer etwas besitzt, kann es behalten, auch wenn Verträge enden, Plattformen scheitern oder politische Rahmenbedingungen kippen.

In stabilen Zeiten fällt das kaum auf. In instabilen Zeiten schon. Dann entscheidet sich, ob man auf eigene Substanz zurückgreifen kann oder ob man darauf angewiesen ist, dass Systeme weiterlaufen, Server erreichbar bleiben und Konten nicht gesperrt werden.

Je weniger Eigentum verteilt ist, desto mehr Stabilität hängt an wenigen Knotenpunkten.

Vielleicht wird man auch in Zukunft nichts besitzen und zufrieden sein. Möglich.

Nur sollte man wissen, was man eintauscht.

Komfort gegen Kontrolle.

Entlastung gegen Verfügungsmacht.

Und irgendwann stellt sich die einfache Frage: Was bleibt, wenn der Zugang endet?


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