18. März 2026 14:00

Krieg Der Krieg und die Wahrheit

Medien, Propaganda und Desinformation in Kriegen vom Spanisch-Amerikanischen Krieg bis zur Gegenwart

von Andreas Tögel drucken

Krieg und Wahrheit: Medien und Propaganda im Wandel der Zeiten
Bildquelle: e-Redaktion Krieg und Wahrheit: Medien und Propaganda im Wandel der Zeiten

Im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 spielten die Medien erstmals eine entscheidende, fast beispiellose Rolle. Dieser Krieg war der erste große Konflikt, in dem die Presse selbst zum unmittelbaren Auslöser wurde. Die Formel „You furnish the pictures, and I’ll furnish the war“ („Sie liefern die Schlagzeilen, ich liefere den Krieg“) fasst zusammen, wie die Politik damals von der Presse beeinflusst wurde. Der am 25. April 1898 erfolgten Kriegserklärung an Spanien ging die Explosion des auf Flottenbesuch befindlichen Panzerkreuzers USS Maine voran, die am 15. Februar 1898 im Hafen von Havanna stattfand. Die amerikanische Sensationspresse unter Federführung von Randolph Hearst und Joseph Pulitzer lastete diesen Zwischenfall, ohne dafür auch nur den geringsten Beweis zu haben, umgehend Spanien an. Die Geschichtsforschung ist sich einig: Ohne die Presse, besonders die New Yorker Sensationsblätter, wäre der Krieg so nicht zustande gekommen.

Kaum hatte am 4. August 1914 der Einmarsch deutscher Truppen in Belgien begonnen, setzte auch schon eine Propagandaschlacht ein, in der die als „Hunnen“ apostrophierten Angreifer als Barbaren dargestellt wurden, die vor keinem Verbrechen zurückschrecken. „German atrocities“ wurde zum geflügelten Wort, um die angeblichen Brunnenvergiftungen, Verstümmelungen von Kindern, Massenvergewaltigungen und Brandstiftungen anzuprangern. Diese Meldungen prägten lange das internationale Deutschlandbild und führten später zur Erfindung des „Ugly German“. Den Krieg an der Propagandafront hatte der Kaiser schon ab dem ersten Tag der Feindseligkeiten verloren.

Nicht umsonst gilt: „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges.“ Es entbehrt übrigens nicht der Ironie, dass diese Erkenntnis auf einen britischen Urheber zurückgeht, nämlich auf Philip Snowden, einen Abgeordneten der Labour-Partei, der im Jahr 1915 schrieb: „Truth, it has been said, is the first casualty of war.“ Die Ironie besteht darin, dass es in erster Linie Briten waren, die besonders schaurige Märchen von der jede Vorstellungskraft übersteigenden Niedertracht der „Hunnen“ verbreiteten. So etwa Rudyard Kipling, der als Autor des 1894 erschienenen Dschungelbuchs große Popularität genoss. Er wirkte ab Kriegsbeginn als einer der wirkungsmächtigsten antideutschen Kriegspropagandisten.

Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Nachrichtenagenturen wie Reuters (1851 in London) oder Associated Press (1846 in den USA) hatten großen Einfluss auf die internationale Meinungsbildung und verstärkten antideutsche Ressentiments. Die Mittelmächte hatten dem so gut wie nichts entgegenzusetzen.

Die martialischen Worte Adolf Hitlers vom 1. September 1939: „Ab fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!“ gingen um die Welt. Eine Lüge, denn das Linienschiff Schleswig-Holstein hatte bereits eine Stunde zuvor das Feuer auf die Danziger Westerplatte eröffnet. Und von „zurückgeschossen“ konnte, darüber herrscht unter Historikern Einigkeit, keine Rede gewesen sein. Den Kriegsgrund sollte ein von den historischen Quellen als False-Flag-Operation beschriebener Vorgang liefern: Ein am 31. August 1939 von der SS unter dem Decknamen „Unternehmen Tannenberg“ inszenierter Scheinangriff auf den „Sender Gleiwitz“ war der propagandistische Vorwand für den Beginn der Feindseligkeiten gegen Polen.

Kaum war der Zweite Weltkrieg vorüber, brach am 25. Juni 1950 mit dem Angriff des kommunistischen Nordens der Halbinsel auf den kapitalistischen Süden der Koreakrieg aus. Mao hatte 1949 den Bürgerkrieg in China für sich entschieden, Tschiang Kai-schek war nach Formosa geflohen, und der Westen, besonders die USA, sahen sich genötigt, einer weiteren Expansion des Kommunismus militärisch entgegenzutreten. Die Intervention erfolgte mit einem Mandat der Uno. 22 Nationen beteiligten sich unter der militärischen Federführung der USA aufseiten des angegriffenen Südens an dem Krieg.

Wenn auch an der von den Kommunisten ausgegangenen Aggression kein Zweifel besteht, wurden in der Folge von beiden Seiten gezielte Falschmeldungen und propagandistische Übertreibungen über Kriegsgräuel der jeweiligen Gegenseite verbreitet. Im Kontext des Kalten Krieges kam ideologischen Narrativen größere Bedeutung zu als überprüfbaren Fakten. Zur Aufarbeitung eigener Kriegsverbrechen, wie dem durch amerikanische Truppen an Zivilisten verübten Massaker in No Gun Ri, bei dem laut südkoreanischen Quellen 163 Opfer zu beklagen waren, kam es erst Jahrzehnte später.

In den Vietnamkrieg traten die USA ab 1964 aktiv ein, nachdem es im Golf von Tonking im August zu einem „Zwischenfall“ gekommen war, bei dem einer von zwei gemeldeten Angriffen nordvietnamesischer Torpedoboote auf einen US-Zerstörer niemals stattgefunden hatte. Präsident Johnson packte die Gelegenheit beim Schopf, um im Kongress die sogenannte „Tonkin-Resolution“ durchzusetzen, die ihm de facto Carte blanche für die Intervention in Indochina verschaffte. Das Ziel eines „Containments“ der Roten und die Beschwörung der „Dominotheorie“, wonach auch alle übrigen Staaten Südostasiens folgen würden, wenn Vietnam an die Kommunisten fällt, beherrschten das Denken der politischen Eliten der USA.

Im ersten US-irakischen Krieg 1990/91 diente die sogenannte „Brutkastenlüge“ als Vorwand für die militärische Intervention der USA. Eine junge Frau namens „Nayirah“ sagte vor dem US-Kongress aus, irakische Soldaten hätten in Kuwait-Stadt Babys aus Brutkästen gerissen und auf dem Boden sterben lassen. Die Geschichte stellte sich als frei erfunden heraus. Es handelte sich dabei um ein klassisches Beispiel moderner Kriegspropaganda, die den Feind dämonisiert und die eigene Seite entsprechend emotionalisiert.

Für den zweiten US-irakischen Krieg von 2003 mussten angeblich in der Hand Saddam Husseins befindliche Massenvernichtungswaffen herhalten, die niemals gefunden wurden. Heute gelten sowohl die Brutkastenlüge als auch die Massenvernichtungswaffen-Behauptungen als Musterbeispiele politischer Desinformation, die maßgeblich zur Legitimation der militärischen Interventionen beitrugen.

Die Liste mit gezielt eingesetzten Desinformationskampagnen zur Rechtfertigung von Kriegen ließe sich seitenlang fortsetzen. Jüngstes Beispiel bildet die frei erfundene Behauptung Donald Trumps, das Regime im Iran stelle eine unmittelbare Bedrohung für die USA dar, der dringend begegnet werden müsse. Ein Blick auf den Globus belegt die Unhaltbarkeit dieser Behauptung. Damit sei keine Sympathie für die faschistoide Theokratie im Iran ausgedrückt. Denn aus der Perspektive Europas, Israels oder der Nachbarstaaten Irans ist die Vorstellung, Atomwaffen in der Hand des rezenten Regimes und seiner Revolutionsgarden zu sehen, haarsträubend. Die Antwort auf die Frage, ob die Verhinderung der atomaren Rüstung Irans die Anwendung jedes Mittels unter billigender Inkaufnahme des Leids unbeteiligter Zivilpersonen rechtfertigt, steht auf einem anderen Blatt.

Es sei daran erinnert, dass die erste klar dokumentierte Warnung, wonach der Iran an einer Atombombe arbeitet, auf das Jahr 1996 datiert, als der damalige (und heutige) Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, der Iran sei „nur Monate“ vom Bau der Bombe entfernt. Eine Botschaft, die bis heute mantraartig wiederholt wird. Dass es der Iran bis heute nicht geschafft hat, eine Bombe zu bauen, zeigt, was von diesem Alarmismus zu halten ist.

Zweierlei steht im Zusammenhang mit dem Krieg fest: Nichts beflügelt das Staatswachstum annähernd so sehr wie ein Krieg. Und, wie eingangs zitiert: Das erste Opfer des Krieges ist stets die Wahrheit.


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