24. März 2026 11:00

Freiheitsimpuls Erfrischend (in-)convenient

… von der Freiheit in der tiefgekühlten Kohlroulade

von David Andres drucken

Bunt, fertig, bequem, verpönt - das Convenience Food
Bildquelle: ElasticComputeFarm ElasticComputeFarm / Pixabay Bunt, fertig, bequem, verpönt - das Convenience Food

Der englische Begriff für bequeme, ungesunde und beliebte Fertigprodukte lautet „Convenience Food“. Glücklicher als diese Unvernunft machen nur die Menschen, die öffentlich darüber reden.

In den endlosen Weiten von YouTube gibt es eine kleine, erstaunlich friedliche Nische. Sie ist bevölkert von Menschen, die mit unerschütterlich guter Laune Dinge tun, die für viele Zeitgenossen sinnlos bis verwerflich sind. Zum Beispiel: Fertiggerichte testen.

Einer dieser Menschen heißt Rob und betreibt den Kanal Foodschau. Mehrmals pro Woche stellt er neue Produkte vor: Fertigeissorten, Tiefkühllasagnen, Mac and Cheese für den Backofen, Kekse, Schokolade, Energy-Drinks. Dinge also, die in einer vermeintlich idealen Welt für viele gar nicht existieren sollten. Anders als größere Influencer kauft Robert Paul sämtliche Produkte selbst und ist somit frei, genauso ehrlich zu loben wie zu verreißen. Unvergessen bleibt seine Empörung über die Aufgussnudeln mit angeblichem Dönergeschmack aus der „Fusion“-Fertigküche von Knorr. Hier hagelte es eine so launige Wutrede, dass selbst seine eigene Community empört war, die das Produkt zum Teil mochte. Befreiend bleibt bei alledem aber eben die Grundannahme: Die Welt des Fertigzeugs ist so legitim und vielfältig, dass ein ganzes Verkostungsspektrum von höchstem Lob bis tiefstem Tadel möglich ist.

Ein zweiter Protagonist dieses kleinen Paralleluniversums ist Dieter vom Kanal Dieter testet. Ein älterer Herr, vermutlich bereits im Ruhestand, der mit rührendem Enthusiasmus Fertiggerichte vorstellt. Vom überteuerten Bofrost, vom gewissenhaften Frosta, aber häufig eben auch von den Eigenmarken der Discounter. Wer sich jemals danach sehnte, einen zutiefst beruhigenden Mann nicht Whisky, Zigarren oder Wein verkosten zu sehen, sondern Königsberger Klopse aus der Dose, der darf sich hier wohlig einrollen. Dieter bereitet die Gerichte exakt nach Anleitung zu, was oft bloß bedeutet: Aufwärmen, umrühren, fertig.

Und dann isst er.

Mit Genuss.

Mit einer unaufgeregten, stillen Freude, die einen in ihrer Unschuld für eine Viertelstunde das ganze Drama der Welt vergessen lässt. Wenn ihm etwas nicht schmeckt, sagt er es, doch meistens sitzt er einfach da, isst Kohlrouladen aus der Tiefkühltruhe und ist – ganz offensichtlich – zufrieden.

Natürlich fehlen in den Kommentarspalten von Menschen wie Rob oder Dieter nicht die Stimmen, die warnen und belehren. Die erklären, dass man so etwas weder essen noch seinen Kindern zumuten dürfe. Die sich empören über den „Schrott“, was dann seinen Impuls weniger aus der Pädagogik als vielmehr aus dem scheinbar überlegenen Geschmack zieht. So oder so lautet die Botschaft immer: Ich bin besser als du. Ich bin besser als ihr. Ich bereite mir oder meiner Familie nur fair gehandelte Bio-Sternegerichte zu. Ich gehe zu „meinem“ Bauern. Ich habe das höhere, das richtige Bewusstsein, während ein Rob, ein Dieter oder weitere artverwandte Creator wie Karina von Karina testet die Opfer der Industrie sind, der Manipulation von Organismus, Geschmacksknospen und Kaufentscheidung.

Deswegen liebe ich, was sie tun. Weil diese Tester der Convenience für die Gesundheitsapostel und Niveau-Aristokraten zutiefst „inconvenient“ sind. Sie kochen privat auch und ernähren sich nicht durchgängig von Junk Food, natürlich nicht, doch sie greifen in die Fülle des Einfachen oder des Grellbunten, weil es ihnen Spaß macht – und weil das einfache Dosengericht von Speisezeit seine Existenzberechtigung daraus gewinnt, dass viele Menschen tatsächlich ihre Existenz damit bestreiten, und das grotesk sinnfreie Saure Drachenzungen-Eis von Hitschies daraus, dass wir uns als freie Menschen auch für kindische Freuden entscheiden können.

Doch selbst wenn wir nichts von dem Getesteten selbst kaufen und verspeisen, findet sich hier eine Oase der Freiheit von der ständigen Aufforderung der Welt, entweder effizient und fleißig oder rechtschaffen empört sein zu müssen: Einfach mal eine Viertelstunde lang anschauen, wie jemand eine Tiefkühlpizza bewertet.

Probieren Sie es aus.

Probieren Sie mit.

Seien Sie unvernünftig.

Quellen:

Knorr: "Fusion Noodles" Döner Kebab, Chicken Burrito & Sweet & Sour im Test

Kohlrouladen von Lidl für 2,99€ - Fertiggericht TK

Aldi Nord Käsesuppe aus der Dose im Test - taugt die für 1,99€ wirklich?


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