Medienkritik: Nicht-intelligentes Untertanenkarussell für Systemgeschädigte
Über einen der wirkmächtigsten Matrixalgorithmen
„Nicht-intelligentes Untertanenkarussell für Systemgeschädigte“: Über einen der wirkmächtigsten Matrixalgorithmen
Eine bösartig-sarkastische Kurzgeschichte aus aktuellem Anlass und für alle, die es nach echter Medienkompetenz dürstet
„Das kann so nicht weitergehen“, grummelte Systemadministrator F kopfschüttelnd. In seinem Blick brütete Besorgnis. „Das ist wirklich ein großes Problem. Die nutzlosen Esser beginnen, die Programmierung zu durchschauen. Ich fürchte, wir sind zu arrogant geworden. Das hat uns blind gegenüber dieser Entwicklung gemacht.“
„Probleme existieren nur für ihre Lösung“, lächelte Systemadministrator A milde und verständnisvoll zurück. „Jammern hilft nicht. Ich habe mir schon etwas überlegt.“
„Schieß los“, warf Systemadministrator D neugierig ein. „Natürlich haben wir bisher noch jedes auftauchende Problem mehr oder weniger erfolgreich gelöst, aber ich muss F leider zustimmen, dass dieses uns zu entgleiten droht.“
„Wie lange seid ihr bei uns schon Mitglieder?“, seufzte A, abermals verständnisvoll, nun aber mit einem Teelöffel Strenge. „Wie lange? Welches Problem hätten wir denn überhaupt nicht in den Griff bekommen? Natürlich lassen sich hyperkomplexe Systeme nicht vollständig steuern, natürlich kann man nicht einfach davon ausgehen, alle Menschen wären völlig bescheuert, aber vergesst eines nicht: Unser sogenanntes …“, und er konnte sich ein hämisches Kichern nicht verkneifen, … „also unser sogenanntes »Bildungs«-System hat, das kann niemand in dieser Runde bestreiten, exzellente Dienste geleistet. Soviel zur Grundierung.“
„Grundierung?“, fragte Systemadministrator K, der noch relativ neu in der Gruppe war.
„Das »Bildungs«-System“, erwiderte A in mechanischem, kühlem Ton, „ist ein kollektivistischer Konditionierungsapparat. Was glaubst du, warum wir es S.C.H.U.L.E genannt haben? Du musst wissen, wir lieben Akronyme, Synonyme, Chiffren, Symbole. Wie auch immer: S.C.H.U.L.E steht natürlich für »Systemkonformes Curriculum-Habitat zur Unterwerfung leistungsoptimierter Erwirtschafter«.“
„DU bezahlst die Reinigung“, prustete es aus Systemadministrator G heraus, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. „Jetzt habe ich meinen Kaffee verschüttet, das Hemd habe ich heute früh frisch angezogen. Wie geil ist das denn, du Witznase? Ich schnall ab: »(S)ystemkonformes (C)urriculum-(H)abitat zur (U)nterwerfung (L)eistungsoptimierter (E)rwirtschafter«, ergo: S.C.H.U.L.E, ne? Vertrau mir, Kumpel, du hättest Komiker werden sollen. Hammer.“
„Krieg dich wieder ein“, grinste A zurück. „Naja, du weißt doch, wie das funktioniert: Erzähle diesen Schimpansen einfach, ihre Kinder würden dort zu mündigen, aufgeklärten Bürgern ausgebildet, statt zu gut funktionierenden Steuerwollepflückern auf der Wirtschaftsplantage, die zu eigenständigem Denken nicht mehr fähig sind und höchstens noch ein »Quelle?« furzen können. Läuft.“
„Ich weiß nicht so recht“, warf Systemadministrator M stirnrunzelnd ein. Er gehörte zweifellos zu den klügsten, aber auch skeptischsten Mitgliedern. „Die Presse ist voll von kritischen Artikeln, und ihre Schlagzahl erhöhte sich in den letzten Jahren. Die Folgen dieses vermeintlichen »Bildungs«-Systems werden immer offensichtlicher. Nicht nur Eltern, auch Lehrer treten vermehrt an die Öffentlichkeit und fordern Reformen. Bei allem Respekt, Kollege A, aber ich denke, wir müssen uns langsam etwas einfallen lassen. Immer mehr Menschen riechen den Braten.“
„Ganz cool“, winkte A ab, der für seinen Zynismus bekannt war. „Jetzt schau dir diese Nullinger doch mal an. Im Ernst, wirf einen Blick auf das geistige Elend. Hallo? Klar, dieser Kurs lässt sich wieder ändern, aber WER von denen macht das bitte? WER von denen ist wirklich KONSEQUENT? Wer von denen hat die Cochones, unser System gründlich auf den Kopf zu stellen? Als hätten die meisten dieser Pawlow-Drohnen auch nur die leiseste Ahnung. Ja bitte, manche vermuten vielleicht was, manche kratzen sich am Hinterkopf und ahnen allmählich etwas von den wahren Funktionalitäten unserer Institutionen, aber wie viele sind das denn? Ich schicke dir zur Beruhigung mal die Studien unserer besten Psychologen und Kognitionswissenschaftler vom Tavistok-Institut. Vergiss nicht die Wirkmächtigkeit der asymmetrischen Informationsverteilung. Wir sind ihnen in puncto Wissen immer noch weit voraus. Bis die merken, was abgeht, sind wir schon dreimal am Ziel. Meine Güte, die gucken Markus Lanz, lesen Süddeutsche, Focus oder FAZ und halten sich dann für gut informiert. Bis die in die Gänge kommen, ist der Drops gelutscht.“
„Mag sein“, antwortete M, während sich die Falten auf seiner Stirn immer weiter zusammenballten wie Gewitterwolken am Horizont, „aber was ist mit denjenigen, die es bereits verstanden und ihre Informationen in den öffentlichen Raum gestellt haben? Sollten wir die einfach ignorieren? Müssen wir dieses Problem nicht adressieren?“
„Jetzt pass mal auf“, atmete A ganz entspannt und mit größerer Gelassenheit aus. „Für die interessiert sich so gut wie keine Sau. Du gehst jetzt bitte mal ins Internet und schaust dir die ganzen Foren für Selbstverleger an. Die allermeisten Autorinnen und Autoren klagen nicht umsonst ständig ihr Leid, wie schwierig es heute sei, überhaupt noch durchzudringen und sich größeres Gehör zu verschaffen. Merkste was? Wen juckt es bitte, ob irgendein kluges Köpfchen ein Buch raushaut – so ganz ohne Werbebudget, so ganz ohne Unterstützung, ohne Rezensionen, die vom Algorithmus wahrgenommen und somit gefördert würden? Ernsthaft, schau’s dir an. Was glaubst du, warum wir das so programmiert haben?
Wenn du so gar keinen Support hast, gehst du unter und bleibst stumm. Klar, es dringen trotzdem immer mal wieder ein paar Bücher durch, die uns“, und er grinste unter Aufbietung all seines Sarkasmus, „ungefähr auf zehn Kilometer näherkommen. Mehr aber auch nicht. Hör endlich auf, dir Sorgen zu machen. Die Übersaturierung des Buchmarktes mit Bullshit, die schiere Zahl an minderwertigem, geistig unfruchtbarem Zeug, die ganze“, und nun legte er jede Zurückhaltung ab, „die ganze Scheißeflut an dummer, geistloser Unterhaltung, die grandiose Übermacht an bestens konditionierter Nixblicker-Literatur, ganz zu schweigen von unserer eigenen Übermacht durch Förderung konformer Autoren durch unsere Presse – du weißt schon, vielbeachtensrenommerkenswerte Systemträger und so – WER bitte kommt denn wirklich dagegen an? Na also. Das Dummvolk hat keine Chance, auch deshalb nicht, weil es ja ohnehin so gut konditioniert ist, die wenigen herausragenden Geister einfach zu ignorieren, ihnen keinerlei Beachtung zu schenken, sondern sich immer nur im eigenen, allerkleinsten gruppennarzisstischen Filterblasenkreis zu drehen. Alles, was darüber hinausgeht, wird von diesen Dressurpferdchen als unangenehm, als »randständig« und »Außenseitertum« etc. etc. wahrgenommen. S.C.H.U.L.E, okay?“, und er lachte so schallend, dass es eine Kathedrale zum Einsturz gebracht hätte.
„Die sind hervorragend auf Gruppendenk, Herdenzugehörigkeit, politische Lagerfeuertänze, Klientelkokolores und Cliquenwichsen gedrillt. Meine Fresse“, fuhr er feurig fort, „die meisten dieser Affen sind mittlerweile ja sogar dafür zu verblödet und verbildet, beim Scheißen zu stinken. Du kannst deine Nase ganz dicht über diesen Riesenhaufen Hirnkot halten, riechst aber trotzdem nichts. WORUM bitte sorgst du dich? WORUM? Wenn nicht nur Kleinkinder mit einem IQ von 70, sondern selbst sogenannte »Erwachsene« noch nicht mal mehr zwischen Quantität und Qualität unterscheiden können, wenn selbst sie Reichweite oder saudumme »Followerzahlen« mit Wahrheitsgehalt und Richtigkeit von Information gleichsetzen und wie vollständig lobotomierte Lemminge immer der größeren Herde hinterherlaufen: Wo siehst du da bitte auch nur den leisesten Grund zur Besorgnis? Du kannst dieses geistige Prekariat, diese mentale Unterschicht, so leicht programmieren wie eine Kaffeemaschine. Piece of fucking cake. Glaubst du wirklich, ein paar zarte Spritzer geistiger Individualität könnten diese kollektivistisch bis zum Deckel zugeschissene Stockholm-Traumatoilette besser duften lassen? Sei doch so sexy und erklär mir das mal. Die werden NIE in der Lage sein, bis an ihr Lebensende nicht, uns wirklich auf die Schliche zu kommen. Also: Dreh dir ’n Joint, nimm ein paar tiefe Züge, entspann dich.“
Systemadministrator M dachte kurz über As Worte nach. Er wusste natürlich, dass A die gegenwärtige Situation sehr genau beschrieben hatte, spürte aber dennoch wieder Zweifel in sich aufsteigen. „NOCH haben wir den Zeitvorteil. Und den Geldvorteil. Wir können die klügsten, auf ihren Fachgebieten kompetentesten Köpfe einkaufen und in unseren Denkfabriken Strategien ausarbeiten lassen, wie man die Steuersklaven unten hält, wir können unsere Presse auch weiter den Schwachsinn verbreiten lassen, dies sei eine »Demokratie«, in der man »frei« wählen könne, ja, ich weiß, was du meinst, ich weiß das alles – aber sollten wir die Risiken nicht trotzdem ernster nehmen? Was ist mit dem Internet? Wir haben zwar unsere eigenen Agitatoren, Claqueure, Influencer, Gatekeeper und Desinformanten aufgebaut, um sie dann zu einer Gruppe zusammenzuschalten, einem Kartell, das wir mit ein bisschen Geld »reichweitenstark« und »populär« gemacht haben, aber wie gesagt: Es sind ja nun, S.C.H.U.L.E sowie Massenlobotomedien hin oder her, auch nicht alle Menschen doof. Ein paar gehen durch die Maschen dieses Konditionierungsnetzes. Das war immer so und wird auch immer so sein. Also wie kriegen wir das in den Griff?“
„Du verstehst es immer noch nicht?“, lächelte A, jetzt wieder ganz gelassen. „Die paar Außenseiter machen den Braten nicht fett. Kannste knicken. Denen hört kaum jemand zu. Der Rest folgt der größeren Herde, Graf Zahl, den Gurus, den Meinungsführern. Das ist immer noch tief in ihnen verankert, wie eh und je, wie damals – »Führer erzähl’ uns ’n Schmarrn, wir folgen dir!« – und die paar versprengten Rebellen, haha – die werden auch weiterhin untergehen. Der kollektivistische Massenformierungs- und Gefolgschaftskult ist nach wie vor eine der stärksten Waffen in unserem Arsenal. In einem Punkt muss ich dir allerdings zustimmen: Auch ich habe schon überlegt, ob wir das Netz noch etwas enger ziehen sollten. Es kann ja nicht schaden, sicher ist sicher. Ich meine, hey, wir sind die Eliten – seit wann mangelt es uns an Geld? Also und bei dieser Gelegenheit: Administrator P, wie läuft’s denn mit dem Nicht-intelligenten Untertanenkarussell für Systemgeschädigte?“
Und wieder explodierte G in Gelächter und grinste so breit und scharf, dass es ihm beinahe die Ohren abgeschnitten hätte. „Du bist ein begnadetes Arschloch, weißt du das?“, schnappte er nach Luft, „absolut begnadet. Zieht euch das rein, Kollegen: »Nicht-intelligentes Untertanenkarussell für Systemgeschädigte«. Bist du noch Sarkast oder schon Misanthrop?“
„Beides“, lächelte A zwinkernd zurück, „definitiv beides“, und schenkte G noch etwas Kaffee nach.
Auch Systemadministrator P hatte Mühe, ernst zu bleiben. „Also“, hob er giggelnd an, um Bericht zu erstatten, „ich habe mehrere Hunderttausend Euro reingepumpt. Die sind jetzt erstmal gut versorgt und können daher viel freier agieren und mehr erreichen als jeder kleine Rebellenkacker mit seinem verschissenen Blog, den kaum jemand liest. A hat Recht: Hört auf, euch Sorgen zu machen. Das Netz wird immer dichter, und die geplante Verschiebung vom Mainstream, dem eh kaum noch jemand glaubt, hin zum »Mainstream 2.0« im Internet ist so gut wie vollzogen. Unser MAM-Kartell funktioniert prächtig. Fast vollständige Flächendeckung.“
„MAM?“, unterbrach Administrator J.
„MAM: Mainstream Alternative Media“, antwortete A. „Irgendein halbwegs intelligenter Rebellenscheißer in England hat diesen Begriff geprägt. Zurecht, der Begriff trifft ins Schwarze. Aber das braucht uns keinen Furz zu interessieren, weil der viel weniger Reichweite hat als unser Kartell. Also vergesst es. Solche Leute stellen keine Bedrohung dar.“
„Ich verstehe“, kicherte G, „(N)icht-(I)ntelligentes (U)ntertanenkarussell für (S)ystemgeschädigte: N.I.U.S. Perfekt. Und diese Opfer im Mainstream haben durch ihre wütenden Angriffe Bekanntheitsgrad und Reichweite auch noch erhöht. Welch ein grandioser Haufen stockblinder Schwachmaten. Die merken aber auch gar nichts mehr.“
„Teilweise“, grinste A. „Nicht alle Angriffe waren echt. Manche gehorchten den altbekannten Methoden der umgekehrten Psychologie, du kennst das ja: Scheinangriffe zur gezielten Reichweitenkonsolidierung. Damit sie als“, und auch er drohte wieder in kaum kontrollierbares Lachen zu verfallen, „vermeintliche »Opposition« und »Alternative« glaubhafter wirken. Das Übliche halt, so wie es in den letzten Jahren in schöner Regelmäßigkeit zur Anwendung kam. G hat Recht: Diese Nixblicker merken’s doch eh nicht. Mustererkennung? Null. Gesunder Instinkt? Null. Aufmerksamkeitsspanne? Nicht von Mittag bis zwölf, nicht von drei bis um 15 und nicht von acht bis um 20 Uhr.“
„Siehst du?“, wandte sich A zum Ende des Treffens noch einmal an M, dessen Stimmung sich zumindest etwas aufgehellt hatte, „du kannst schlafen wie ein Baby. Jetzt vergiss diese Hirntoten. Bis die was merken, sind wir schon wieder zehn Schritte voraus. Und so wird es auch bleiben, Ende. Die gucken Videos auf TikTok oder Youtube, swipen sich ihr Hirn mit Smartphones raus, bingewatchen Fernsehserien, lesen beschissene Zeitungen, laufen unseren vielbeachtensrenommerkenswerten Meinungsführern hinterher, wie auch immer. Alles andere geht zu 99 Prozent unter, und zwar gnadenlos. In den Sozialen Schwätzwerken obendrein ganz automatisch, da algorithmusgesteuert. Auch das werden wir noch verfeinern. Die haben keine Chance. Damit wäre das geklärt, dieses Treffen wurde erfolgreich abgeschlossen. Bis nächste Woche.
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