21. April 2026 11:00

Freiheitsimpuls Anonyme Menschen mit Geldproblemen

Ernst gemeinter Vorschlag für einen neue Selbsthilfegruppe

von David Andres drucken

Eine leere Geldbörse
Bildquelle: Pixabay / Chronomarchie Eine leere Geldbörse

Wir sind alle pleite, doch keiner gibt es zu. Übertrieben? Vielleicht. Doch viel mehr Menschen, als man glauben mag, stecken in einer finanziellen Schieflage – und können mit niemandem darüber sprechen.

Das Problem ist schambehaftet. Zumindest unter Menschen, die Skrupel haben. Die ein Selbstbild leben, in dem der Mensch sich selbst um sein Auskommen zu kümmern hat. Nicht der Staat, nicht die Eltern, nicht einmal die Banken, indem sie den Dispo bis an die Grenze des Denkbaren erhöhen. Menschen, die eigentlich fleißig sind, die etwas gelernt haben und die wissen, was sie tun. Doch selbst die – nein, gerade die – wissen derzeit oftmals weder ein noch aus. Nach außen hin läuft bei ihnen alles wie immer, sei es privat, sei es mit ihrem kleinen Unternehmen, das in den Neunzigern und bis in die ganz frühen Zehnerjahre hinein tatsächlich Gewinne machte. Doch das ist in Wirklichkeit längst alles vorbei.

Wer hinter die Fassade schaut, sieht nur noch Sorgen und durchwachte Nächte. Wie sehr sollen der örtliche Frisörsalon, der unabhängige Bäcker, der keiner Kette angehört, oder die Imbissbude ihre Preise noch erhöhen, um die gestiegenen Kosten für Energie, Material und Mindestlöhne auszugleichen? Selbst die Autowerkstätten, die sich vor lauter Arbeit kaum noch retten können, weil die Menschen ihre alten Möhren bis zum Äußersten treiben und niemand sich einen Neuwagen leisten könnte, geraten ins Schliddern. Man hört von einem älteren Ehepaar, das seine alteingesessene Gaststätte gern noch weiterbetreiben würde, die wegen Stammkundschaft, Kegelbahn und Kaffeetrinken nach Bestattungen gut funktioniert – aber nicht so gut, dass sie sich entlang der Umweltauflagen die neue Abzugshaube für 35.000 Euro leisten könnten. Man hört von Journalisten, Schriftstellern, Werbetextern, Musikern und freiberuflichen Lehrbeauftragten, die vor zwölf Jahren noch solide Einnahmen in ihrem Traumberuf hatten, heute aber nur noch mit Angst zum Briefkasten schreiten, weil darin Post vom Finanzamt oder Rechnungen schlummern könnten, die sie nicht werden begleichen können.

Mein Freiheitsimpuls für diese Woche lautet: Lasst uns über diese verborgene Wahrheit sprechen. Sorgen fressen Seele auf, ließe sich in Abwandlung eines alten Filmtitels sagen, und dauerhafte Lebenslügen erst recht. Selbstverständlich sind finanzielle Sorgen keine Sucht, aber sie sind mit vergleichbarer Scham behaftet, und sie brauchen ein kommunikatives Ventil. Man stelle sich vor, dieses gäbe es, und der Frisör, der Bäcker, der Automechaniker, der Musiker und der Schriftsteller (oder all ihre weiblichen Pendants) könnten wenigstens einmal im Monat aus ihrem Ort rausfahren und sich in einem anderen, wo sie ohnehin keiner kennt, mit Leidensgenossen treffen. Einen Abend lang könnten sie bei schlechtem Kaffee, guten Keksen und keinerlei Selbstzensur darüber sprechen, wie es ihnen finanziell wirklich geht und wie der Stress sie auffrisst.

Sicher, es ist unwahrscheinlich, dass daraus konkrete Hilfe entstünde, denn die Menschen, die noch Geld zum Verleihen oder zum Investieren haben, gingen kaum zu Treffen anonymer Strauchelnder. Und ebenso unwahrscheinlich ist es, dass diese Treffen zum Aufstand führen, denn bliebe den langsam Pleitegehenden die Kraft für Aufstände übrig, dann wäre angesichts der täglichen Insolvenzen das Reichstagsviertel in Berlin dauerhaft besetzt und von Protestcamps belagert. Welches Ausmaß diese Insolvenzen annehmen, lässt sich mittlerweile durch gleich mehrere, stets aktuelle „Pleiteticker“ im Netz verfolgen, die offenbar den bekannten Ticker von Nius abgelöst haben.

Nein, es geht einzig und allein darum, jemandem zum Reden zu finden über etwas, das man genauso verbirgt wie eine Alkoholsucht, eine Spielsucht oder einen psychischen Knacks, der ungefährlich ist, aber als nicht gesellschaftsfähig gilt. Im Mindesten verließe jemand diese Treffen mit etwas leichterer Seele. Im besten Falle hätte man sich gegenseitig auf Ideen gebracht, wie die Probleme in den Griff zu kriegen sind, selbst wenn dies bedeutet, die Profession oder gar das ganze Land zu wechseln.

Quellen:

Firmen-Insolvenzen : aktuelle Entwicklungen

Pleiteticker


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