25. März 2026 18:00

Deepfakes und digitale Freiheit Das Ende der Unschuld und der Unschuldsvermutung: Der Fall Fernandes

Von der digitalen Intimsphäre zur analogen Totalüberwachung: Warum die berechtigte Empörung über Deepfakes gerade instrumentalis

von Joana Cotar drucken

Deepfakes: Digitale Bedrohung
Bildquelle: e-Redaktion Deepfakes: Digitale Bedrohung

Das Ende der Unschuld und der Unschuldsvermutung: Der Fall Fernandes

Deutschland im Frühjahr 2026. Das Land hat ein neues moralisches Epizentrum: den Rosenkrieg zwischen Collien Fernandes und Christian Ulmen. Was als private Tragödie begann, ist innerhalb weniger Tage zu einer Staatsaffäre mutiert, die am Brandenburger Tor mit Kerzen und in den Redaktionsstuben mit noch mehr Pathos zelebriert wird. Doch hinter dem gleißenden Scheinwerferlicht der „Sisterhood“-Solidarität braut sich etwas Dunkleres zusammen. Während wir über die Integrität digitaler Körperbilder streiten, schieben politische Akteure im Hintergrund die Riegel vor die Tür der digitalen Freiheit.

Die Anatomie der Grenzüberschreitung

Um eines vorwegzunehmen: Was hier im Raum steht, ist kein Kavaliersdelikt. Wenn die Vorwürfe zutreffen, dass Christian Ulmen pornografische Deepfakes seiner Ex-Frau erstellte und verbreitete, dann sprechen wir über eine Form der Aggression, die tief in die menschliche Würde eingreift. Eine Enteignung des eigenen Bildes zu Zwecken der Erniedrigung.

In einer freiheitlichen Gesellschaft muss gelten, dass eine Frau sich so freizügig präsentieren kann, wie sie möchte, ohne dadurch ihr Recht auf körperliche oder digitale Selbstbestimmung zu verwirken. Wer heute noch das Argument bemüht, eine Frau sei ein „Flittchen“, nur weil sie professionelle Aktfotos oder freizügige Kampagnen macht, operiert auf dem intellektuellen Niveau eines Inquisitors aus dem 15. Jahrhundert. Es ist die digitale Entsprechung des „zu kurzen Rocks“. Ein absurder Versuch, die Verantwortung vom Täter auf das Opfer zu schieben. Dass jemand sich selbstbestimmt nackt zeigt, ist kein Freifahrtschein für andere, ihn ungefragt in pornografische Montagen zu zwängen. Punkt.

Der Skandal als Schmiermittel der Macht

Doch hier endet die moralische Einmütigkeit. Denn wie so oft in der Geschichte der Bundesrepublik wird ein emotionaler Einzelfall – ein „perfektes Opfer“ mit perfekter medialer Vernetzung – genutzt, um Gesetze durchzupeitschen, die unter normalen Umständen am Widerstand der Bürgerrechtler zerschellt wären.

Justizministerin Stefanie Hubig präsentiert uns nun den Paragrafen 201b StGB als Rettungsanker. Doch wer das Kleingedruckte liest, erkennt das Trojanische Pferd. Der Entwurf sieht vor, dass bereits der bloße Verdacht auf die Erstellung eines „beeinträchtigenden“ Bildes ausreicht, um weitreichende Ermittlungsmaßnahmen einzuleiten.

Kritiker warnen zu Recht: Es ist ein Freifahrtschein für „wildgewordene Staatsanwälte“. Die Formulierungen im Gesetzestext sind so vage, dass sie Tür und Tor für politisch motivierte Hausdurchsuchungen öffnen. Da Deepfakes technisch oft schwer von Satire oder künstlerischer Verfremdung zu unterscheiden sind, wird die Staatsanwaltschaft zur moralischen Zensurbehörde. Es droht eine Justiz, die nicht mehr nach Beweisen sucht, sondern nach der „richtigen“ Gesinnung. Wenn künftig jede unliebsame Montage im Netz als potenzielle Straftat nach Paragraf 201b gewertet werden kann, wird die Meinungsfreiheit im digitalen Raum unter ein permanentes Damoklesschwert gestellt.

Hubig ist jedoch nur Teil einer größeren Kampagne, deren Wucht sich wieder einmal in einem Schulterschluss aus Kultur und Politik zeigt. Über 250 prominente Frauen, darunter die ehemalige Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Klima-Aktivistin Luisa Neubauer und Komikerin Carolin Kebekus, haben einen „10-Punkte-Plan“ vorgelegt, der weit über den Schutz vor Deepfakes hinausgeht. Es ist eine Wunschliste der staatlichen Intervention.

Dieser Plan fordert nicht weniger als eine „Zeitenwende im Digitalen“. Neben der strafrechtlichen Verfolgung von Deepfakes geht es um eine Beweislastumkehr bei digitaler Gewalt und die Verpflichtung von Plattformen zu einer proaktiven Überwachung. Wenn die einstmals höchste Repräsentantin des Parlaments, Bärbel Bas, eine solche Liste unterzeichnet, verschwimmen die Grenzen zwischen neutraler Gesetzgebung und aktivistischer Druckausübung. Was hier als Schutzpaket deklariert wird, ist in Wahrheit die Forderung nach einem digitalen „Safe-Space“, der nur durch die Preisgabe bürgerlicher Freiheitsrechte errichtet werden kann.

Und es steht noch mehr im Raum:

Zum einen die Klarnamenpflicht. Unter dem Label „Verantwortung im Netz“ fordern NGOs wie HateAid und Teile der Koalition nun offen das Ende des Pseudonyms. Doch Anonymität ist kein Privileg für Trolle, sondern ein Schutzschild für Whistleblower, Dissidenten und Menschen in autoritären Strukturen.

Zum anderen die Vorratsdatenspeicherung 2.0. Die IP-Speicherung wird uns nun als „Opferschutz“ verkauft. In Wahrheit ist es die anlasslose Überwachung ALLER Bürger.

Das Schweigen über die echten Opfer

Die bittere Seite dieses Skandals: Während die Medienmaschinerie für eine prominente Moderatorin wegen digitaler Bilderim Ausnahmezustand rotiert, bleiben die echten, blutigen Tragödien dieses Landes oft im Kleingedruckten der Lokalpresse hängen. Wo sind die Lichterkette am Brandenburger Tor für die Opfer von Gruppenvergewaltigungen? Wo ist die Sondersitzung des Kabinetts für die Frauen, die durch reale, physische Gewalt ihr Leben verloren haben? Wo die Empörung? Wo HateAid?

Diese Opfer haben keine PR-Agentur, keine 250 prominenten Freundinnen und kein Spiegel-Cover. Ihre Schicksale dienen nicht zur Untermauerung von Netzzensur-Gesetzen,ihre Schicksale sind sie politisch weniger „wertvoll“, denn entsprechende Konsequenzen könnten ja den "Falschen" helfen. Es ist ein unerträglicher Zustand. Wir rüsten den Überwachungsstaat auf, um Deepfakes zu jagen, während wir im analogen Raum bei der Sicherheit der Bürger kläglich versagen.

Wehret den Anfängen

Dabei ist es eigentlich ganz einfach.Wir müssen drei Dinge gleichzeitig tun: Erstens im Falle eines Schuldspruchs die Taten eines Mannes verurteilen, der die digitale Integrität seiner Frau verletzt hat. Zweitens echten Schutz für Frauen und Mädchen in der realen Welt gewährleisten. Und drittens die schmutzigen Finger des Staates aus unserer Datenleitung schlagen.

Der Schutz vor Deepfakes darf nicht mit dem Preis unserer Freiheit bezahlt werden. Wenn wir zulassen, dass dieser Skandal zur Blaupause für die Klarnamenpflicht und die Überwachung des Internets wird, dann werden wir alle Opfer einer Politik, die Angst nutzt, um Macht zu zementieren.

Freiheit stirbt immer mit Versprechen der Sicherheit. Diesmal ist es mit dem Hashtag #Solidarität versehen.


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