09. Mai 2026 21:00

Widerstand Das erstrebenswerte Leben eines Wurmes

Eine Reportage aus dem Jahr 2031

von Anne-Sophie Chrobok drucken

Widerstand: Zersplitterte Gruppen in Rückzug
Bildquelle: e-Redaktion Widerstand: Zersplitterte Gruppen in Rückzug

Ich wünsche den Damen und Herren des zersplitterten Widerstandes einen wunderschönen Sonntag. Hier schreibt wieder Ihre Reporterin Felicitas Knorr über Zellen der Normalität. Heute befinde ich mich in einer kleinen Wohnhaussiedlung in einer Kleinstadt in Brandenburg. Es ist Mai. Im Jahre 2031. Warm. Sonnig. Die Lastenräder düsen herum. Als Einziges. Die „Schön-Wetter-Verordnung“ der DEP (Deutsche Einheitspartei) wirkt. Niemand fährt Auto. Es ist ruhig. Fast zu ruhig.

Doch dann hört man es. Nervöses Herumdrehen der Lastenradfahrer. Motorengeräusche. Ein Volvo tuckert über die Straßen. Sein Fahrer schreit dabei die ganze Zeit aus dem Fenster: „Dahinten ist eine Wolke!“ Ein Fahrradfahrer zuckt zusammen, als der Volvo genau neben ihm langsamer wird und dessen Fahrer nach oben zeigt. „Es sieht nach Regen aus.“ Beide starren für einen kurzen Moment in den strahlend blauen Himmel. Dann trennen sich wieder ihre Wege.

Geistige Umnachtung. Das typische Zeichen der Auflehnung. In Zeiten des kollektiven Wahnsinns bekämpft sich Feuer wohl nur mit Feuer. Das geistig zerrüttete Individuum.

Mein Weg führt mich weiter in die Wohnsiedlung. Ein anonymer Tipp. Ich bleibe stehen. Ein schlichtes Einfamilienhaus. Daneben eine Garage. Dort sitzen schon drei Herren und erwarten mich. Ihre Imitat-Anzüge aus Plastik-Imitat sind übervoll mit Ansteckern.

„Agenda 2030“

„Antifa rules“

„Putin stinkt!“

„Präsident Trump auf Lebenszeit stinkt auch“

Sie winken mich zu sich. Dabei schauen sie immer wieder nach oben. Doch die Bewachungsdrohnen schwirren einfach nur herum. Kein Piepen. Kein Verharren. Wir verschwinden im Dunkel der Garage.

Die Düsternis wird nur von antiken Lavalampen durchbrochen. An der Wand hängen Schulbiologie-Plakate von Würmern. Unzählige Terrarien, aufgefüllt mit Mist und Erde, stehen herum. An jedem Glas klebt eine kleine Fahne. Polen. USA. Argentinien. Ein lautes Seufzen. Sofort fliegen die Plastik-Imitat-Anzugsjacken in eine hintere Ecke. Man bemerkt meinen Blick zu den unzähligen Terrarien.

„Die sind unser Alibi.“

Gemeinschaftliches Nicken. Auf meinen weiterhin fragenden Blick erfolgt ein kurzer, stockender Moment. Dann zeigt einer der Männer auf ein Plakat. „Verein Unsere-Demokratie-Würmer“ steht dort in roter Schrift auf weißem Grund.

„Wir haben uns bei ‚Demokratie leben‘ eintragen lassen, damit wir in Wurmgesellschaften ‚unsere Demokratie‘ fördern. Wir haben ihnen kleine Parlamente gebaut und so.“

Schweigen.

„Also eigentlich haben wir nichts gemacht, außer so ’ne Art Misthaufen. Und das dann angemeldet. Seitdem bekommen wir ständig Besuch von denen. Die sind richtig begeistert.“

Ein anderer fügt hinzu: „Vergiss nicht die Fördergelder.“

Alle schauen auf ihre Schuhe. Peinliche Befangenheit liegt in der Luft.

„Dabei wollen wir uns einfach nur treffen. Ohne dass es gleich als Zusammenrottung gegen die ‚beste Demokratie ever-ever‘ gilt.“

Sie setzen sich, als wäre es einstudiert, gleichzeitig auf ein gammliges Sofa. Das Sofa quietscht unter ihrem Gewicht. Dann gießen sie sich Wasser in ihre Biergläser.

„Wir stellen uns vor, dass es Bier ist. Seit der Biersteuer …“

Der Satz bleibt ohne Ende in der Luft hängen. Ich erkundige mich, ob sie denn keinen Schwarzbrenner kennen. Sie zucken mit den Schultern und erzählen von ihrem Freund Conny, der nun blind ist. Alkohol ist gefährlich. Besonders billiger.

Einer der Freunde wird ganz nervös. Er zappelt herum, dann platzt es aus ihm heraus: „Ich sage euch, wenn endlich die AFD an die Macht kommt, dann wird alles anders. Dann …“

Seine Kumpanen seufzen. Zwingen sich zu einem mitleidigen Lächeln. Ein Nippen am Wasser. Dann der Moment der Wahrheit.

„Es wird keine Wahlen mehr geben. Wir befinden uns doch im Krieg gegen … ja, gegen was nochmal?“

„Russland. Ach nein, das war letztes Jahr.“

„Quatsch, da waren es die Aliens.“

„Nein, das stimmt nicht. Letzten Winter war es der Krieg gegen die Fettleibigkeit. Da haben wir alle nichts zu essen bekommen und die Ozedemic-Zwangsbehandlung, wenn man nicht schnell genug abnahm. Seitdem sieht Elsa aus wie eine Mischung aus Mick Jagger und Skeletor von He-Man.“ Ein Schaudern erfasst die Gruppe.

Dann ein trauriger Blick zu den Würmern. „Manchmal wünschte ich mir, dass ich einer der Würmer wäre.“

Es ist nur ein Flüstern. Doch die Worte bleiben länger zwischen ihnen hängen.

„Es muss schön sein, einfach nur im Dunkeln mit anderen Würmern zu graben. So erholsam.“

Drei sehnsüchtige Augenpaare kleben an den Erdhaufen hinter Glas.

„So einfach.“

Ich fühle diese Welle der Erschöpfung, die von diesen Männern ausgeht. Gebrochen. Unter zu vielen Lasten. So sehr, dass das Leben eines Wurms erstrebenswert wird. Diese dunkle Tristesse ergreift mich.

Bis sich einer der Männer regt. „Ich sage euch, wenn die AFD gewinnt, dann …“

Einer der anderen Männer rammt ihm die Faust ins Gesicht. Der Blick von Wahnsinn gezeichnet: „Hier gewinnt niemand mehr. Außer diese scheiß Würmer!“ Dann bricht er in Tränen aus.

Tja. Und dies ist dann der Moment, in dem mir erneut bewusst wird: Gespielter Wahnsinn ist eine Rebellion. Aber wirklicher Wahnsinn die Kapitulation.


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