Freiheitsimpuls: Rausgehen und durch die Zeit reisen
… ein Tag in der anderen Realität
von David Andres drucken
Nimmt man die Welt hauptsächlich durch die sozialen wie etablierten Medien wahr, dürfte einen draußen vor der Tür nur noch Elend, Gefahr und Bürgerkrieg erwarten. Was kann passieren, wenn man sie öffnet?
Kürzlich hatte ich einen Geschäftstermin in Hamburg. Für mich ungewöhnlich, reiste ich mit dem Zug an und bekam kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof Gelegenheit, in aller Ruhe das Flugverhalten der Möwen im flachen Wasser der Kurve vor der Halbinsel mit dem Redaktionshaus des „Spiegel“ zu beobachten. Der ICE stand, weil wir 15 Minuten zu früh unser Ziel erreicht hatten. Ich betone: Zu früh. Die Zugführerin machte stolz Witze im erstaunlich klar die Stimme wiedergebenden Lautsprecher. Als die restlichen Meter für die Einfahrt freigegeben wurden, kommentierte sie: „Wir erreichen nun die schönste Stadt Deutschlands.“
Die enthusiastische Einschätzung bestätigte sich für mich an diesem Tag, denn ich hatte nicht nur Unterlagen für das Treffen sowie Wechselwäsche aufgrund schwüler Sommerwärme, sondern auch eine Menge Pufferzeit mitgebracht. Daher nahm ich kein Taxi vom Bahnhof zum Zielort, sondern ging gelassen zu Fuß die rund 90 Minuten lange Strecke. Der Weg führte mich schnell aus dem Bahnhofsviertel hinaus hinunter an die Außenalster und in der Folge halb um sie herum. Es war noch früh, kaum zehn Uhr morgens, doch die rund 32 Grad gaben dem Ganzen klimatisch ein kalifornisches Flair. Jogger trabten die Uferwege entlang, Männer wie Frauen, interessiert beobachtet von den putzigen Gänsefamilien, die hier regelmäßig die Böschung hinauf- und auf die Wege watscheln. Einheimische führten Hunde Gassi, Gäste wie ich stellten ihre Aktentasche auf einer Bank ab, setzten sich und genossen den Blick auf das glitzernde Gewässer.
Wer vom Bahnhof aus linksherum um die Alster geht, gelangt schnell in eine Gegend, die von beeindruckendem Reichtum geprägt ist. Entlang des Harvestehuder Wegs reihen sich Villen und Appartementhäuser auf, gegenüber auf den gepflegten Uferwiesen liegen teils riesige, alte, kronenfreie Baumstämme, als Dekoration wie von den Händen eines Titanten drapiert. Den Gipfel des ästhetisch ansprechenden Wohlstands bilden die Sophienterrassen, eine Parkanlage mit Palais, Bürogebäuden, Townhouses, Stadt- und Alstervillen und Wohngebäuden, in denen die eigenen vier Wände sicherlich gut siebenstellige Summen kosten. Gegenüber an und im Wasser sowie in seinen kleineren Verästelungen, die später folgen, tummelte sich an dem Vormittag das ganz normale Volk – badend, Stehpaddel fahrend, im Kanu. Im Laufe der Zeit füllte sich jede Wiese, sprangen die Leute von den kleinen Brücken ins kühlende Nass, saßen sie um Picknickdecken unter Bäumen.
Wo war ich gelandet? Hatte ich eine Zeitreise gemacht? War der ICE nicht bloß 15 Minuten früher in der Stadt angekommen, sondern 30 Jahre? Hamburg ist eines der linksten Zentren des Landes, bekanntlich, ein Hort der Kriminalität und der Krawalle bei Wirtschaftsgipfeln, ein Aufmarschgebiet für berüchtigte Demos von Islamisten, die lautstark ein Kalifat in Deutschland fordern. Auf dem Bahnhof wurde bereits auf Menschen eingestochen, eigentlich hätte ich mindestens Opfer eines Diebstahls werden müssen oder Zeuge eines blutig ausgehenden Streites auf der Badewiese, wenigstens aber der Landnahme von Großfamilien, die mit 50 Grillstellen zugleich die Luft mit deftigem Rauch füllen. Eigentlich dürfte keine der Villen am Harvestehuder Weg mehr stehen, ohne von den Linksextremen des Ortes beschmiert worden zu sein.
Doch nichts davon erlebe ich, den ganzen Tag über, auch nicht auf dem Rückweg am frühen Abend. Es wird geschnorrt und Pfand gesammelt, mehr als früher, das fällt auf, während die Leergutjäger optisch zwischen dem gepflegten Frührentner mit kariertem Hemd und dem psychisch auffälligen jungen Mann mit bösem Blick und bloß einem Schuh schwanken. Die Bettlerinnen – an dem Abend waren es hauptsächlich Frauen – erzählen ihre Geschichte von der Notunterkunft, die sie mit nur noch weiteren 10 Euro für die kommende Woche am Stück bezahlen können, höflich und in gutem Deutsch. Man geht aus Vorsicht weiterhin mittig zwischen den Gleisen und nicht in Schubsnähe zum Gleis, doch heute schubst niemand und auch die Touristen und Familien, die leutselig unachtsam herumhuschen, bleiben unbehelligt. Der Zug zurück verspätet sich massiv und die Bindung wird aufgehoben, so dass eine Menge Menschen sich um den alternativen Zug sammeln. Trotzdem gibt es Platz im Bordrestaurant, wo am Tisch eine Großmutter, eine Mutter und eine Enkelin nicht auf ihre Handys starren, sondern gemeinsam Karten spielen.
Selbstverständlich bildet ein Tag des Friedens, an dem man selbst eine Großstadt so erlebt, wie sie im fast optimalen Fall sein kann, lediglich anekdotische Evidenz. Doch wie sehr beruhigt diese das zerschundene Nervensystem? Wie viel freier fühlt man sich mit einem Mal, wenn man einen Tag verlebt, an dem im besten Sinne nichts passiert, eine Stimmung frei von Schlägen und Schlagzeilen? Man stelle sich vor, es gäbe Kanäle auf YouTube und Instagram, die ausschließlich solche Tage und Stimmungen zeigen, die nur aus Szenerien bestehen, die heute ebenfalls Realität sind, sich aber anfühlen, als wäre man im Jahre 1995 gelandet. Sie hätten jede Menge Material zur Verfügung, aber kaum Klicks und Quote. Denn einen solchen Zustand, den muss man, bei aller angemessenen Vorsicht, auch einfach mal wieder persönlich erleben.
Quellen:
Außenalster - Oase in der Stadt
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