Freiheitsverkostung: Das Sozialkaufhaus
Eine erstaunlich freiheitliche Einrichtung
von David Andres drucken
Freiheitsverkostung
Das Sozialkaufhaus
Eine erstaunlich freiheitliche Einrichtung
Umverteilung geschieht meist unter staatlichem Zwang. In der überall zu findenden Enklave des Sozialkaufhauses gelangt die extrem günstige Ware freiwillig von Spender zu Käufer … wenn auch nicht ganz ohne staatlichen Beigeschmack.
Kürzlich besuchte ich eine Kleinstadt im Schwäbischen, deren Dichte an echten Einzelhändlern und inhabergeführten kleinen Geschäften mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Tabakladen hier, Geschenkeladen dort, Schuhe und Kleidung abseits jedes Franchises und jeder Kette. Lediglich in der Nähe des Bahnhofs warb Novoline mit seinen Geldspielautomaten. Am Ortsrand allerdings wurde die Lage schon wieder dünner. Erste Ladenlokale standen leer, relativ alte Gebäude, hinter deren fast bodentiefen Schaufenstern noch ein paar versprengte, unheimliche Kleiderpuppen ohne Kleider augenlos die Straße beobachteten. Bald würden auch sie verschwunden sein, und ich sah genau vor mir, was erfahrungsgemäß ihren Platz einnehmen würde – ein Sozialkaufhaus.
Überall beobachte ich dieses Phänomen, wo ich mich häufiger bewege und daher das Vorher wie das Nachher kenne. Lange stehen Ladenlokale leer, niemand kann oder will das Wagnis eingehen – bis eines Tages die Fenster voll sind mit gebrauchter Kleidung, abgegriffenen Brettspielen, abgelegtem Werkzeug und Kinderwägen, deren Ex-Bewohner schon erwachsen sind. Die Waren werden kostenfrei durch Spenden erworben und günstig verkauft. Die Erlöse kommen sozialen Projekten oder dem jeweils den Laden organisierenden Verband zugute. Grund genug für eine Freiheitsverkostung.
Grad der staatlichen Einmischung
Mittel. Die meisten Sozialkaufhäuser werden von Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, Diakonie, Maltesern oder ähnlichen Organisationen betrieben. Diese Einrichtungen sind zwar keine staatlichen Behörden, bewegen sich aber keineswegs außerhalb staatlicher Strukturen. Viele ihrer Projekte erhalten öffentliche Zuschüsse, Fördergelder oder arbeiten eng mit Kommunen und Behörden zusammen. Gleichzeitig finanzieren sich die Träger zum Teil über Spenden, kirchliche Mittel oder eigene Einnahmen. Interessanterweise zeigt sich hier eine typisch deutsche Mischform. Es handelt sich weder um freien Markt noch um staatliche Verwaltung. Vielmehr entsteht eine Art Zwischenraum aus Zivilgesellschaft, Kirche und öffentlicher Förderung. Gerade dadurch sowie durch den Einsatz von steuerzahlerfinanzierten Arbeitsmarktmaßnahmen (z. B. Ein-Euro-Jobs) konkurrieren Sozialkaufhäuser durchaus unfair mit regulären Second-Hand-Läden oder privaten Entrümplern, die echte Steuern zahlen müssen.
Grad der Freiwilligkeit
Sehr hoch. Niemand wird gezwungen, Dinge zu spenden. Niemand wird gezwungen, dort einzukaufen. Niemand wird gezwungen, dort zu arbeiten. Das gesamte Modell funktioniert nur deshalb, weil Menschen freiwillig entscheiden, Gegenstände weiterzugeben statt wegzuwerfen. Gerade darin liegt durchaus eine gewisse Schönheit. Während viele soziale Systeme auf Umverteilung durch Steuern beruhen, basiert das Sozialkaufhaus zunächst einmal auf freiwilliger Weitergabe von Eigentum. Wer ausmistet, kann selbst entscheiden, ob die alte Jacke, die Lampe oder das Geschirrset auf dem Sperrmüll landet, auf dem Flohmarkt verkauft oder einem Sozialkaufhaus überlassen wird. Vor allem bleiben die Dinge in der Region, im Unterschied zu den Kleidercontainern, deren Inhalte sich – es haben Leute schon Experimente mit Trackern gemacht – teils als kommerzielle Verkaufsware in Geschäften auf dem Balkan widerfinden.
Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit
Hoch. Das Sozialkaufhaus erweitert Möglichkeiten, statt sie einzuschränken. Der Spender gewinnt Platz. Der Käufer erhält günstige Waren. Die Organisation erhält Einnahmen. Die Gegenstände erhalten ein zweites Leben. Es entsteht ein kleiner Kreislauf freiwilliger Kooperation. Besonders positiv fallen jene Sozialkaufhäuser auf, die ihre Türen für alle öffnen. Das ist nicht selbstverständlich, denn bei manchen dürfen nur Menschen mit nachgewiesener Bedürftigkeit einkaufen – also mit einem staatlichen Papier. Freiheitlich ist es hingegen, niemanden auszusperren, sondern jeden als Kunden zu akzeptieren. Kauft ein Wohlhabender dort ein, ergänzt in Streaming-Zeiten seine Sammlung von Klassik-CDs oder holt sich ein paar Unterhaltungsromane für die Strandlektüre, fließt sein Geld ebenso in die soziale Arbeit des Ladenbetreibers wie das eines Bürgergeldempfängers.
Reversibilität
Nahezu maximal. Wer etwas spendet, trennt sich zwar davon, doch die Entscheidung betrifft ausschließlich das eigene Eigentum bei diesem einen Mal. Niemand wird dauerhaft gebunden. Niemand schließt Verträge über Jahrzehnte ab oder richtet eine Einzugsermächtigung für Spenden ein. Auch der Einkauf selbst bleibt unkompliziert. Gefällt einem die gekaufte Vase nicht, stellt man sie zu Hause ins Regal, verschenkt sie weiter oder bringt sie beim nächsten Ausmisten erneut ins Sozialkaufhaus zurück. Und was die Freiheitsverkostung schlussendlich in hohe Gefilde bringt – sehr viele der Sozialkaufhäuser akzeptieren ausschließlich die Barzahlung und halten somit den Umlauf an Scheinen und Münzen in Gang. Und hier zählt angesichts der drohenden digitalen Diktatur jede einzelne Transaktion in Cash.
Fazit: 81 Prozent Freiheitsgrad
Sozialkaufhäuser erreichen in dieser Freiheitsverkostung einen erstaunlichen Freiheitsgrad von 81 Prozent. Abzüge gibt es im Grunde nur für die teilweise enge Verflechtung vieler Träger mit staatlichen Förderstrukturen und für manche Zugangsbeschränkungen. Der Grundgedanke selbst ist jedoch bemerkenswert freiheitlich. Menschen geben freiwillig Eigentum weiter. Andere Menschen erwerben es freiwillig. Dazwischen steht keine zentrale Planung, sondern eine lokale Gemeinschaft, die aus gebrauchten Dingen neuen Nutzen entstehen lässt. Ein Anlass, für den die verlassenen Schaufensterpuppen sicherlich auch lieber weichen als für die nächste Spielhalle oder Shisha-Bar.
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