02. Juni 2026 11:00

Freiheitsimpuls Einfach nichts mehr einordnen

… und mal schauen, was dann passiert

von David Andres drucken

Einordnen und Einnorden klingen verdächtig ähnlich.
Bildquelle: Gerd Altmann / Pixabay Einordnen und Einnorden klingen verdächtig ähnlich.

Weil die Meinungwächter der Nation mehr denn je alles „einordnen“ wollen, habe ich komplett damit aufgehört. Seither entsteht ein wildes Chaos in Kopf und Haus, das kindlichen Spaß macht.

Es begann im Grunde schon, nachdem Björn Höcke viereinhalb Stunden im Podcast „ungeskriptet by Ben Berndt“ gesessen hatte. Moderator Ben lud in die Sendung darauf direkt Melanie Amann ein, das Gesicht der Leitmedien, ehemals stellvertretende Chefredakteurin des SPIEGEL und heute „Chefredakteurin Digital“ bei der Funke Mediengruppe. In einem ebenfalls vierstündigen Gespräch erläuterte sie Ben, wieso er seine Begegnung mit Höcke viel mehr hätte „einordnen“ müssen und wieso diese Einordnung den wahren Journalismus von einem Podcast wie Bens unterscheidet. Dieser hatte sogar die Größe, die Folge mit Amann in zwei Teile zu zerschneiden und nur den ersten bei sich zu senden, den zweiten aber ihr als Piloten ihres eigenen, neuen Podcasts schenken, „Amann Unframed“, als Starthilfe, sozusagen. Denn die Zeichen der Zeit erkennt die Frau, die im Sendegebäude von Markus Lanz ein eigenes Appartement haben muss, so oft, wie sie dort die Dinge einordnet, durchaus.

Nach dieser Folge jedenfalls fing es bei mir schon damit an, dass ich aufhörte, die Dinge daheim einzuordnen. Jedes Buch, das ich aus dem Regal nahm, stellte ich an eine andere Stelle wieder zurück. In der Küche löste ich die Sortierung des Gewürzregals auf. Im Schuppen warf ich die Gartengeräte durcheinander. Ich aß Gewürzgurken auf Erdnussbutter, mal auf Körnerbrötchen, mal auf Eiweißbrot. Wege nach Hause nahm ich über bislang ungefahrene Routen, selbst wenn diese einen Umweg darstellten. All das atmete bereits Freiheit, duftete nach süßem Spiel.

Wenige Wochen später, also dieser Tage: Ich fahre erneut beruflich durchs Land und höre den Deutschlandfunk, eine Podiumsdiskussion über „Perspektivenvielfalt“ in den Medien. Joachim Dorfs, Chef der Stuttgarter Zeitung, betont, dass sie nur mit Politikern der etablierten Parteien das sogenannte „Wortlaut-Interview“ führen, indem Fragen und Antworten relativ ungefiltert stehen und kaum ein Fließtext die Sache rahmt. Bei Vertretern der AfD hingegen schreibe man immer redaktionelle Texte und meide Wortlautformate, denn deren Äußerungen müssten grundsätzlich „eingeordnet“ werden. Immerhin fragt der Moderator, ob die Stuttgarter Zeitung ihren Lesern kein eigenes Urteil zutraue. „Doch“, meint der Wirtschaftsjournalist, der auch schon das Handelsblatt geleitet hat, man traue seinen Lesern viel zu, aber die „Einordnung“ der blauen Äußerungen bleibe unabdingbar.

Als ich von der Fahrt, auf der ich diese Sendung hörte, heimkam, brachen bei mir alle Dämme. Ich räumte sämtliche Platten aus meinem Regal und löste die Ordnung der Sammlung auf, bislang sortiert nach Genres und innerhalb der Genres alphabetisch. Nun steht alles kreuz und quer, und jeder Griff wird zu einer musikalischen Überraschung. Ich ordne nichts mehr ein, lasse alles liegen, Tag für Tag entsteht mehr Durcheinander in der Bude. Für die kommende Weltmeisterschaft habe ich mir Flaggen von Curaçao, Kap Verde und Haiti bestellt, einfach so, sie kommen an den kleinen Mast im Vorgarten. Im Getränkemarkt treibe ich den Verkäufer in den Wahnsinn, weil ich einen Bierkasten mit zwanzig verschiedenen Sorten fülle.

Am heftigsten wirkt aber, dass ich auch gedanklich nichts mehr einordne. Ich lasse einfach alles zu, jede Meinung, ich werte nicht mehr, bleibe gleichmütig wie ein Buddhist. Auf dem Kanal von Matthias Langwasser erzählt Christian Köhlert, dass die Mächtigen dieser Erde komplexe Untergrundanlagen bauen, nicht nur für sich selbst, sondern für die ausgewählten Menschen, die sie mitnehmen werden, wenn das nächste geologische Großereignis uns alle hinwegrafft. Deshalb dauern Projekte wie der Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 so lange, deshalb pflegen sie mit der NASA die Lüge der Raumfahrt – sie leiten Milliarden in die geheimen Projekte. Die wilden Migrationsströme der vergangenen zehn Jahre dienten außerdem der Mischung des Genpools für die übrig bleibende Menschheit. Ich höre diese Meinung am äußersten Rand „unserer“ medialen Nischen, die „Phoenix-Hypothese“, wie Köhlerts Buch dazu lautet, und ich vernehme aus seinem zweiten, der „Matrix-Hypothese“, dass wir eigentlich in einer Simulation leben, was die Bunker bauende Elite allerdings selbst nicht wüsste. Sie macht all diese Dinge, da sie an die materielle Ebene glaube.

Ich höre das – und ordne es nicht ein. Frage nicht nach Köhlerts Absichten oder nach dem Abgleich mit biblischen Vorgaben. Lasse es einfach laufen und schaue am Abend nebenher die Tagesthemen. Auf Instagram wiederum erläutert mir danach jemand, wieso Christiano Ronaldo ein Jünger Baphomets ist und Portugal bereits als WM-Sieger gepant ist.

Bleibt alles so stehen.

Wird nicht länger eingeordnet.

Ich bin urteilslos und chaotisch, finde nichts mehr, freue mich, dass ich tatsächlich „Ascension“ von John Coltrane im Haus habe und schmiere mir etwas Marmelade auf die Leberwurst.

Ich bin frei.

Quellen:

Ex-Spiegel-Chefredakteurin: "Dein Podcast ist gefährlich" - YouTube

Wie viel hast du mit Björn Höcke verdient, Ben Berndt? - Amann Unframed - YouTube

Perspektivenvielfalt - Wer in Medien zu Wort kommt

Great Reset: Was der Deep State im Hintergrund wirklich plant (Christian Köhlert) - YouTube

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