03. Juni 2026 11:00

Kollektivismus Kritik Gefährliche Massenkulte

Warum Wir-Gefühle problematisch sind

von Axel B.C. Krauss drucken

Kollektivismus: Gefahr der Anpassung
Bildquelle: e-Redaktion Kollektivismus: Gefahr der Anpassung

Kollektivistische Massenkulte: Nur schlecht, wenn Falsche ihnen frönen

Egal ob in der Politik oder im Internet …

Es gibt Augenblicke, da habe ich schon gar keine Lust mehr, die zunehmende Verblödung, die Vertiefung der Bildungsmisere, die rasant fortschreitende Medieninkompetenz und vor allem – vor allem! – die Scheinheiligkeit, Unehrlichkeit und Heuchelei gewisser Gestalten überhaupt noch zu kommentieren. Es lohnt nicht mehr, denn aus meiner Sicht hat dieser Zug den deutschen Bahnhof bereits vor längerer Zeit verlassen – und er wird so schnell auch nicht mehr einfahren.

Keine schönen Worte für den ersten Absatz eines Artikels, klar. Ich bin aber auch gar nicht gekommen, um zu bleiben, sondern – um zu schimpfen! „Kulturpessimismus!“, „Schwarzseherei!“, „Untergangssehnsucht!“. Quatsch. Nur nüchterner Realismus. Zu nüchtern vielleicht. Keine Ahnung, ob es besser wäre, sich einfach nur noch zu besaufen, um das ganze inkonsequente, zur Selbsteinsicht völlig unfähige, oder wie man in der Psychologie sagen würde, aus purer Projektion bestehende Gelaber auszuhalten. Gerade online.

Doch worum geht’s? Grünen-Chefin Franziska Brantner geriet – durchaus zurecht – in die Kritik für ihre Äußerung „Niemand ist frei allein, frei sind wir nur als wir“. Die Diagnose, aus solchen Worten spräche doch eine gehörige Portion Kollektivismus oder, wie eine X-Userin es formulierte, „Freiheit ist Sklaverei. Diese Leute gruseln mich“, kann ich zumindest teilweise unterschreiben.

Teilweise deshalb, weil solche kollektivistischen Massenkulte ja nicht nur auf die Politik beschränkt sind. Gerade auch im Internet und den Asozialen Schwätzwerken treiben sie die „prächtigsten“ Blüten. Was man zuletzt ganz eingehend studieren konnte an einem weiteren Musterbeispiel für einen unerträglich geistlosen Massen- bzw. Followerkult, der um ein Interview eines – angeblich – „ungeskripteten“ Podcasts mit einem – angeblichen – „Volkshelden“ einer – angeblich – alternativen Partei ausgeschwitzt wurde. Schon sechs Millionen Aufrufe in nur drei Tagen! Oder vier. Graf Zahl hat also wieder in ein Starkstromkabel gebissen, oder wie ich immer zu sagen pflege, und zwar ohne Filter: Das interessiert mich einen Scheißdreck.

Eigentlich könnte ich an dieser Stelle mit einem der wohl bekanntesten Zitate Friedrich Schillers schließen, das sich bei solchen Gelegenheiten ja regelmäßig förmlich aufdrängt: „Mehrheit ist der Unsinn. Verstand ist stets bei Wen’gen nur gewesen“, aber das allein wäre zur Erklärung der genauen psychologischen Funktionsweise kollektivistischer Massenformierungs- und Gefolgschaftskulte nicht genug. Denn wer wirklich verstehen will, wie sie funktionieren und welche psychologischen Methoden sie sich bedienen, darf nicht nur auf eine „Seite“ schauen, also auf die der Falschen: Auch die Richtigen fallen regelmäßig solchen dummen Kulten anheim. Kurz, es gibt keine richtigen kollektivistischen Kulte in falschen, nein: Sie sind alle immer recht doof und verwandeln Menschen in bloße „Follower“, die welchem Führer oder Ring oder welcher Partei auch immer folgen. Es ist und bleibt kollektivistischer – Scheißdreck.

John Ronald Reuel Tolkien, Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Oxford, war ein ziemlich gebildeter, belesener Mensch. Er schrieb seinen „Herr der Ringe“ nicht aus dem Bauch. Laut eigener Aussage betrug allein die Vorbereitungszeit ca. zehn Jahre. Er hat sich nicht nur „etwas“, sondern sehr viel dabei gedacht, eine der berühmtesten Figuren, den Gollum, ehemals ein Hobbit namens Sméagol, als deftig persönlichkeitsgespaltene Figur auftreten zu lassen. Solange er als Individuum agiert, ist er nett und umgänglich. Schaltet er in den kollektivistischen Modus: „Wir brauchen das Schätzchen, wir müssen es unbedingt haben!“. In seiner Kollektivismuskritik war er sich mit seinem Freund und Schriftstellerkollegen Clives Staples Lewis einig; letzterer analysierte den Kult exquisit in seinem Büchlein „The Abolition of Man“. Wiederholungen dieser wichtigen Erkenntnisse sind müßig, da die menschliche Lernkurve gerade auch im Online-Affenzirkus mittlerweile so flach ist, dass man sich erst gar keine Hoffnungen auf baldige Genesung zu machen braucht. Dieser Zug ist vorerst abgefahren, so viel ist klar.

Wie dem auch sei: „Wir sind mehr!“ – nun, solche Phrasen waren gerade in jüngster Zeit z. B. von denjenigen unverzichtbaren Online-Intellektuellen zu lesen, die „argumentierten“, die bloßen Aufrufzahlen dieses Interviews seien doch schon „Beweis“ genug, dass „wir“, nun ja, eben „mehr“ wären. Und somit natürlich, so die retardierte Suggestion, „im Recht“. Oder was das „Volk wirklich wolle“. Leider nein: Erstens war das kultische Lagerfeuergetanze nur Ausdruck für genau denselben – um es noch einmal zu wiederholen – kollektivistischen Scheißdreck.

Zweitens: Hat irgendjemand der folgewilligen Sméagols selber mal nachgeschaut – ich meine, WIRKLICH überprüft – ob diese in der Tat auffallend schnell zusammengekommenen Zahlen überhaupt glaubhaft waren? Hallo, McFly? Fällst immer wieder drauf rein, McFly: Sowas kann man heutzutage mühelos auch einkaufen – die nötigen finanziellen Ressourcen vorausgesetzt. Kann auch nur ein einziger dieser Interview-Sméagols die Frage beantworten, ob diese Zahlen auf natürlichem Wege zusammenkamen? Da möchte ich lieber ehrlicher sein, vor allem mir selbst gegenüber: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das aber mit absoluter Gewissheit, dass in den letzten vier bis fünf Jahren erstaunlich viel Investorengeld in Aufbau und Pflege „alternativer“ Portale floss, um diese zu „Meinungsführern“ zu machen.

Doch nicht nur wegen solcher Unsicherheiten mag ich kollektivistischen Scheißdreck nicht: Sondern weil er eben doof ist. Saudoof. Und weil ich es als Beleidigung empfinde, wenn von mir erwartet wird, irgendjemandem, den ich nicht genau kenne und dessen (Finanzierungs?)Hintergründe ebenso wenig, einfach wie ein Dackel mit glattem Kopfdurchschuss hinterherzulaufen wie der letzte Volltrottel und das auch noch geil zu finden, nur weil andere Dackel mit glattem Kopfdurchschuss bzw. Gollums solchen, es sei aus Spaßgründen ein letztes Mal gesagt, kollektivistischen Scheißdreck ständig auf Asozialen Schwätzwerken „posten“, sich im Wir-Gefühl zuprosten und dabei ihre Gehirne vollständig toasten: Wir müssen den letzten kollektivistischen Schrei unbedingt haben!

Rainer Zitelman hatte völlig Recht, als er auf X schrieb: „Der WIR-Kult nervt“. Ja, tut er. Und wie. Er ist unerträglich, er ist bescheuert, er ist in jedem Fall Ausdruck großer geistiger Unreife, keine Frage. Aber eben nicht nur, wenn eine Grüne ihn bedient. Okay, noch ein fünftes und letztes Mal: Blaukraut bleibt Blaukraut und kollektivistischer Bullshit bleibt kollektivistischer Bullshit – ob geskriptet oder nicht.

„Ein Idiot ist ein Idiot. Zehn Idioten sind zehn Idioten. Hundert Idioten sind eine politische Partei“. So ist es. Und deshalb kann ich leider keinerlei Erleichterung empfinden, wenn Sméagols mir erklären wollen, Wir-Kulte wären blöd, wenn falsche politische Parteien sie praktizieren, aber keine – richtige politische Partei – wie die AfD. Putzt mal euer Kopfklo.

Bis nächste Woche.


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